Apr 30 2012

Party macht frei

Wenn ich am Fenster sitze und normale Menschen sehe, frage ich mich immer, was das eigentlich ist: ein normaler Mensch. Und ich frage mich, wann, ob auch ich zu so etwas werde. Das hat nicht mehr viel Zeit, genau betrachtet. Naja, Passanten verleiten einen doch schnell dazu, autobiographisch zu werden. Dabei gibt es dort draußen ja beileibe noch andere unheimlich interessante Dinge zu sehen. Landschaften, Strommasten, Frauen…

Ich liebe diese Stadt, die so aufgeräumt, so sauber und von Grün durchwachsen ist, dass man sie eigentlich gar nicht als Stadt bezeichnen kann. Man erkennt sie nicht als solche. Viele finden sie zu provinziell, zu gutbürgerlich, zu langweilig und ja, wenn man durch die Vorstadt geht, durch die gehobenen Viertel entlang der Promenade flaniert, dann ist sie all das. Und doch trifft das Urteil nicht zu. Auch hier haust das Elend in seiner schlimmsten Form – der häuslichen. Auch hinter diesen Fassaden wohnt die pure Verzweiflung, nur sind die Decken höher und es stehen mehr Bücher darunter. Das gibt wohl dem Ganzen erst eine solche Faszination, da man es hier noch schafft, den Schein zu Wahren. Man gibt noch etwas darauf, wie sich jemand gibt, denn dieser Schein ist alles, was den Hedonisten vom gewöhnlichen Penner unterscheidet, den Exzentriker von “F60.31 G”. Diese Unehrlichkeit und Oberflächlichkeit ist das, was man im besten Sinne gutbürgerlich nennt. Und das liebe ich, da es mir auf einer gar nicht unehrlichen und oberflächlichen Weise entspricht.

Neulich, als ich da am Fenster saß, hatte ich mir vorgenommen, anstatt den Menschen nunmehr der Realität ins Auge zu blicken. Ich brühte mir einen Kaffee auf und rekapitulierte die Geistesgeschichte, wie sie sich uns seit der Moderne darstellt: Die metaphysische Rückbindung an irgendeinen Gott, irgendeine höhere Macht, ist gekappt. Warum hätte diese auch jemals so etwas ermöglichen sollen wie die Bahnrampe bei Auschwitz oder die heutigen Castingshows? Doch nicht nur die Auslese, auch die Ganzheitlichkeit, die Esoterik ist gescheitert, so wie sämtliche schulmedizinische Wege, das Bewusstsein zu erweitern. Da ist einfach nicht viel, das sich erweitern ließe und wenn wir ehrlich sind, ist uns unser jetziges Bewusstsein doch schon weit mehr als wir ertragen können. Wer will denn da noch mehr wahrnehmen von den Lohnsklaven, die unser Gemüse anbauen und von den Dreckssäcken, denen wir die Verantwortung übertragen haben? Wo immer wir es schaffen können, betäuben wir unser Bewusstsein mit Zeit- und Gedankenvertreiben, so abstrus sie auch sein mögen. Ich für meinen Teil schaue zum Beispiel unglaublich gerne Fußball. Das halte ich für legitim. Man hat ja im Grunde nichts als Zeit und seinen Körper. Da liegt es nahe, aus Beidem das Beste zu machen. Das sagte ich mir und schenkte nochmal nach.

Nun, wo kein Leben nach dem Tod folgt, sollte das Leben vor dem Tod anscheinend möglichst lange währen, folglich sollte man auf seinen Körper Acht geben. Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper, sagt man. Geschichtlich betrachtet ist das allerdings ziemlicher Bullshit. Es sei denn, man möchte nahezu sämtlichen Geistesgrößen der Vergangenheit ihre mentale Gesundheit absprechen. Das ist übrigens genau das, was wir heutzutage in den Humanwissenschaften tun. Entweder können wir es nicht ertragen, Genies als solche anzuerkennen oder wir wissen es tatsächlich besser. Letzteres erscheint fraglich, wenn man mal den Fernseher anmacht oder die Zeitung “aufschlägt”. Für diesen Fall empfiehlt es sich übrigens, starken Alkohol im Hause zu haben – aus therapeutischen Gründen. Alternativ kann man sich auch einfach bewaffnen. Statistisch gesehen gibt es übrigens annähernd so viele Waffen wie Menschen auf der Welt, diese sind aber sehr ungerecht verteilt. Ich z.B. habe keine. Vor allem die Menschen in der dritten Welt sind, was das angeht, wesentlich besser versorgt.

Inzwischen war ich übrigens mit der zweiten Kanne Kaffee fertig und hatte derweil eine halbe Flasche Universalverdünnung (Wodka) verbraucht. Auf solche Weise streckte ich den Kaffee in letzter Zeit häufiger, denn das steigerte seine und meine Potenz merklich. Schon eine Tasse regt den Stoffwechsel deutlich spürbar an und vereitelt jeden noch so bedrohlichen Anreiz zur Resignation. Welche körperlichen Mechanismen dem zugrunde lagen und wie ihre langfristigen Auswirkungen sein mochten, war mir dabei, ist mir dabei recht egal.

Es ist ein ziemlicher Irrglaube unserer Zeit, dass alles stets dem Körper zugutekommen müsse. Es gibt sehr viele, sehr schöne Dinge, die dem Körper überhaupt nicht zugutekommen. Pommes z.B, alt werden oder auch Partys zu feiern. Letzteres, so man es richtig angeht, gehört wohl mit zu den selbstzerstörerrischsten Tätigkeiten, die das Multiversum kennt. Aber feiern macht frei. Ich hab’s erlebt. Und es lohnt sich mehr, als 3% weniger Körperfett. Worin das Geheimnis dieser befreienden Wirkung liegt, darüber haben sich sehr viele, sehr schlaue Menschen schon den Kopf zerbrochen. Man kann die Ergebnisse prägnant damit zusammenfassen, dass eine Party a) ein begrenzter Zeitraum ist, in dem b) viele der alltäglichen Verhaltensnormen außer Kraft gesetzt werden. Wahrscheinlich liegt es aber auch nur an den Unmengen an Bier und billigem Fusel, die man in Gegenwahrt des anderen Geschlechtes zu sich nimmt. Solange jedenfalls bei dem Genuss von Rauschmitteln a) noch zutrifft, garantieren sie erstrebenswerte Erfahrungen. So oder so führt dies unweigerlich zu b) und das kommt dem wohl am nächsten, was man gemeinhin unter Freiheit zu verstehen sich erdreistet. Manchmal muss man eben etwas dreist sein, gerade in Gegenwart des besagten, anderen Geschlechtes. Sonst wird man zwar alt, aber einsam. Und dann währt wiederum nicht länger als die bloße Weile.

Das Licht kam meinem Auge bedrohlich nahe. Ich war wohl eingeschlafen und an meiner Wange klebten Reste von Kaffee, Zucker und Alkohol. Die Realität um mich her war wüst, aber nicht leer. Leider. Nichts schränkt die Freiheit so sehr ein, wie das Gerümpel, mit dem wir unsere Lebensräume füllen, um den Schlaf erträglicher und den Tag ergiebiger zu machen. Vor allem dann, wenn es brennt – also im Rachen. Ich blickte hilfesuchend umher und meine müden Augen stolperten über den Kalender. Der 30. April? Ich war nicht gerade in der Verfassung, um in den Mai zu tanzen, aber das half nichts. Daten stehen fest. Die wichtigste Anforderung eines wahren Besäufnisses, wie es sich für dieses Datum gehörte, hatte ich schon erfüllt: Ich hatte den vorherigen Tag nicht nüchtern beschlossen. Nur so kann man diese seltsam unwirkliche Tagesform erreichen, die es braucht, um sich wirklich zu betrinken. Na denn Prost, dachte ich.


Jan 18 2012

Ein Bild von dir

Ein Bild von dir leg mir ins Grab – ich mag nicht einsam sein.
Die Ewigkeit dünkt gar zu weit, düngt man sie ganz allein.

Gib eine Locke mit hinab – du musst es mir verzeihn.
Verwesen wir ein Stück zu zweit, dann sterb ich friedlich ein.


Jan 8 2012

Wulff-Mailbox-Bänder veröffentlicht!

Die umstrittenen Äußerungen des deutschen Staatsoberhauptes, in welchen er dem Axel-Springer-Konzern unter anderem den Krieg erklärt, sind nun erstmalig im Internet (“youtube”) aufgetaucht. Als Ehrenmann räumte Wulff hierbei ganz völkerrechtskonform ein Frist von mehr als 24 Stunden bis zum Beginn der Kampfhandlungen ein. Die Bundesrepublik befindet sich nunmehr in einem durch ihr Staatsoberhaupt erklärten Kriegszustand. Ich bitte daher meine Abwesenheit zu entschuldigen. Ich befinde mich auf dem Weg zu dem mir zugewiesenen Bataillon. Gedenket meiner, kehre ich nicht wieder. Ich starb für Deutschland!


Nov 17 2011

Muss Deutschland sterben?

Es ist ja noch gar nicht so lange her. Sie erinnern sich? Ein gelangweilter Arbeitsloser zündete nachts Autos an. Über ein paar Monate hinweg geisterte es immer wieder durch die Schlagzeilen als die Form des politisch motivierten Terrors. Die Polizei und viele Politiker sowie Medien des üblichen Spektrums sahen schon eine neue RAF am Horizont. Man fühlte sich genötigt, über die neue Gefahr von links zu debattieren – brennende Luxuskarossen konnten ja nur das Werk extrem gewaltbereiter Linksterroristen sein. Und dann fingen die auch noch an, Brandsätze an unbewachten Schienen zu legen und dadurch Verspätungen im Fernverkehr zu verursachen. Das konnte nicht nur, das musste die neue RAF sein.

Dass Nazis dagegen über ein Jahrzehnt Kleinunternehmer und sogar Polizisten erschossen haben, Bomben und Brandsätze in Ausländerwohnvierteln legten, schließlich ihr Haus in die Luft sprengten, das blieb bis zuletzt unbemerkt, unkommentiert, unempört. Es ist schlicht nicht weiter aufgefallen, auch wenn die Morde wohl alle mit der gleichen Waffe begangen wurden. Und nun? Man zeigt sich bestürzt, beschämt. Das war es aber auch.

Linker Terror! Rechter Terror?

So ist das nunmal: Wenn ein Mercedes SLK brennt, dann wird den schon ein Linker angesteckt haben, der potentiell noch viel gefährlicher ist. Man fühlt sich bedroht und möchte Konsequenzen sehen. Wenn ein Südländer erschossen wird, dann wird der schon irgendwo Dreck am Stecken gehabt haben und man hält sich besser raus. Vielleicht lässt man noch einen lapidaren Kommentar über die Kriminalität dieser Südländer fallen. Wenn dann zehn Südländer mit der gleichen Waffe erschossen werden, dann muss das wohl ein Auftragsmörder der Mafia gewesen sein – mit einem Faible für erdrückende Beweislast. Kennt man ja aus Filmen.

Offensichtlich ist niemand überhaupt auf die Idee gekommen, dass es so etwas wie eine fremdenfeindliche Mordserie, eine rechte Terrorgruppe geben könne. Aber das ist ja beileibe nichts Neues und das Problem der gezielten Unterschätzung des rechten Gewaltpotentials bekannt und dokumentiert. Man kann ja fast froh sein, dass Innenminister Friedrich wenigstens nach Tagen in die übliche Forderung nach einer zentralen “Terrordatei” verfällt. Warum fordert er eigentlich nicht den umfassenden Einsatz der PC-Überwachung durch Trojaner? Achja, wird ja neuerdings nicht mehr so gern gehört. Außerdem kommunizieren die rechten Terrorgruppen ja auch gar nicht per kompliziert verschlüsselter Emails und reisen über den gesamten Globus. Die tauchen einfach unter und sind weg. Oder halt in Sachsen. Wer soll sie da noch finden? Hätten Sie Lust, da zu suchen?

Rechte Parteien verbieten? Dann aber bitte alle

Nun also auch eine erneute Debatte über ein NPD Verbotsverfahren. Das hat ja beim letzten mal schon so viel gebracht. Vor allem hat es aufgezeigt, welche tragende Funktion Staatbedienstete in dieser Partei ausgeübt haben. Zur Erinnerung: Drei von Sieben Verfassungsrichtern sahen bei der NPD aufgrund der vielen V-Männer “fehlende Staatsferne”, weshalb man sie nicht verbieten könne und das Verfahren nicht eröffnet wurde. Das bedeutet im Klartext: Man kann die Partei schon allein deshalb nicht für verfassungsfeindlich erklären, weil sie größtenteils vom Staat selbst betrieben wird. Das muss man sich mal auf den Neuronen zergehen lassen.

Das Verbot war in den letzten Jahren folglich kein Thema mehr. Hauptthema dagegen der zuständigen Ministerin in erster Linie: Deutschenfeindlichkeit. Ja, Sie werden es sicher schon bemerkt haben, welche ansteigende Welle des Hasses auf unser Volk uns im eigenen Land entgegenschlägt. Kristina Schröder und die CDU haben es jedenfalls, oder glauben es zumindest. Sie ist ja nicht die einzige gewesen, die da irrlichterte.

Scheiß Deutscher

Da kann man sich leicht vorstellen, welche Warnleuchten in einem konservativen Kopf zu blinken beginnen, wenn ein Rentner von einem Türkischstämmigen als “Scheiß Deutscher” beschimpft oder gar verprügelt wird. Wenn dagegen ein Türkischstämmiger als “Scheiß Ausländer” beschimpft oder gar verprügelt wird, scheint in selbigem Kopf nichts aufzuleuchten. Es bleibt dunkel. Wahrscheinlich, weil in beiden Fällen das Problem auf der Seite des “Türken” gesehen wird. Wie weit rechts der konservative Deutsche in der Regel einzuordnen ist, wurde ja ebenfalls gut dokumentiert.

Und da beantwortet sich eigentlich auch direkt die Frage, ob man den irrlichterkettenden Massen zutrauen möchte, ein tatsächliches Zeichen gegen Rechts zu setzen, oder doch eher denjenigen, die Naziaufmärsche aktiv verhindern. Selbst jetzt wird man ja von den meisten Menschen noch müde belächelt, wenn man sagt, es gebe in Deutschland offensichtlich so etwas wie rechte Terrornetzwerke. Glatzen passen wohl nicht in das Klischee eines Terroristen, wie der Deutsche ihn sich gerne vorstellt, oder überhaupt vorstellen kann. Nazis haben aber in Deutschland in den vergangenen 10 Jahren mehr Menschen ermordert, als jede andere politische, religiöse oder sonstwie weltanschaulich einzuordnende Gruppierung. Das war schon vor der NSU, ist unabhängig von ihr so und dagegen gilt es einzuschreiten. Als Mensch und als Staat:

 


Okt 23 2011

Adephagia

Da ist etwas geschehen und man ruft nach dir, weist dir zu, wohin du gehen sollst. Es ist gut, gebraucht zu werden, da zu sein, wo man dankbar dafür ist. Es ist gut, nachts müde zu sein, Atem zu spüren oder ihn nicht zu spüren und einfach zu schlafen, einzuschlafen, weil man mit dem Tag zuende ist, egal, wie die Dinge liegen. Sie bleiben liegen und es ist Ruh.
Was waren das für Tage abseits der Tätigkeit, abseits der Ermüdung und dafür mitten im Licht, im grellen Flimmern der Neonröhren bis tief in die Nacht, mit den Fingern im Gesicht, dort kratzend, dort quetschend, Augen reibend, die Falz der Stirn nachfühlend, heiß am Kopf, Blut in den Falten, elektrisches Summen, Gedanken, noch und nöcher rankend zwischen den Zweifeln, heiß im Bett liegen und sich seiner eigenen Hitze nicht erwehren können, hier im Schweiß, rings umher die rasende Stille, donnert um das Bett und treibt den Atem, dort und überall und ohne Ende: Ich.
Doch das war. Das ist nicht mehr, denn da ist etwas geschehen. Irgendwo, du hast gar nicht damit gerechnet, aus einem Grund, der dir nicht einleuchtet, aber das ist egal, denn das Fragen hast du abgelegt, das Zögern und mit dem Geschehen hast du dich ereignet. Du bist und das was du warst, ist passiert. Vorbei und abgelegt. Du stehst aufrecht.
Da liegt etwas vor dir, abseits und konturlos zwar, doch ganz deutlich wird, dass es da ist, für dich, ganz für dich allein. Du könntest nun gleich hingehen, es aufheben und in Händen halten, es spüren und es dich spüren lassen, es annehmen und werden; wachsen. Du könntest, nichts hindert dich daran. Nichts stört.
Doch nichts passiert. Du bist hier, bleibst hier. Bist immer hier gewesen. Nur du. Du isst nichts, trinkst nichts, tagelang liegst du nur da und wartest, gekrümmt und zugedeckt, wartest darauf, dass er kommt, dass du ihn spürst, wie er ganz langsam heraufkriecht, ansteigt, aus deinen Innereien schwillt, bis er zuletzt auch in die Fingerspitzen dringt, dieser Hunger, dieser wütende, brennende Hunger, der dich allmählich durchzittert und du glaubst, schwitzen zu müssen, aber das ist nur der Durst, der Hunger, der reine Körper, der sich irgendwann Bahn bricht und ganz du wird, alles vertreibt, was nicht Körper ist und nicht hungrig, dein Sein verdaut und du frisst, schlingst zügellos alles in dich hinein, ohne zu wählen, ohne zu zögern, bis du vollgestopft bist, triefend satt, und sich nichts mehr regt in dir, du nichts mehr fühlst, nicht einmal Hunger, nichtmal den Körper. Nur Müdigkeit, alte Knochen und einen Schwindel, dich im Fall einhüllend wie eine Decke, wie ein Wort, das keine Adjektive braucht. – Die Leere umfängt dich, hält dich, bettet dich sanft in deine tauben Glieder und löscht das Licht. – Dann ist Schlaf, endlich, echter Schlaf. Schwer, bleiern. Heimat fast. – Und es ist gut.