Sanity pisses me off

Wer einmal wirklich politikverdrossen werden will, sollte sich amerikanische Wahlberichterstattung ansehen. Die ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, die Politik ist es. Und das bei einem Nicht-Präsidentschafts-Wahlkampf, der dieses Mal 4.000.000.000 $ gekostet hat. Woher das Geld gekommen ist, weiß übrigens niemand so genau und man will es auch lieber gar nicht wissen. Zur Herausbildung ausgefeilter politischer Konzepte und Lösungen für die Probleme der Menschen hat es offensichtlich nicht beigetragen. Aus allen Interviews, gerade mit Vertretern der Opposition und ominösen Tea-Party-Bewegung, geht folgende Entwicklung für die Zukunft hervor: Keine. Da kann der Journalist fragen, was er will, die einzige Antwort lautet: Alles ist schlecht, also Steuern runter und auf den kleinen Mann achten. Was soll das genau heißen? Na Steuern runter und auf den kleinen Mann achten. Und wie genau soll das umgesetzt werden? Indem man die Steuern senkt und auf den kleinen Mann achtet. Soso… We believe in America.

Christlich-jüdische Leit- und Reinkultur

Interessant für die hiesige Debatte ist vor allem die Qualität des Populismus in Übersee. Dort gibt es im wahrsten Sinne des Wortes Fundamentalopposition. Ihr zentrales Wahlversprechen ist die reine Blockade sämtlicher politscher Abläufe. Dabei versprechen sie Alles, sagen aber Nichts über irgendwelche Details der Umsetzung. Nebenbei sollen natürlich die Grenzen dicht gemacht, alle Politiker zukünftig auf unamerikanische Umtriebe hin untersucht (McCarthyismus) und Abtreibung, Schwulenehe und Evolution möglichst verboten werden. Der Klimawandel ist übrigens und natürlich wissenschaftlicher Hokuspokus, an den man nicht glauben muss („Y’all motherfuckers lying, and getting me pissed“). Das also ist der segenreiche Einfluss von viel Geld und wenig Politik auf den Wahlkampf. Wie gut, dass die 4 Milliarden nicht aus Steuergeldern bezahlt werden mussten, angesichts des Defizits.

Obama is not Hitler, but he is exactly like Hitler

Ach übrigens, um einmal eine kleine Kostprobe der vorgehenden Diskussion abzugeben, empfehle ich folgendes Youtube Video über einen amerikanischen Radiomoderator. Der hält endlich mal eine Rehabilitation des guten alten Hitler-Vergleichs parat: „Ich sage nicht, Obama sei Hitler, schließlich veranstaltet er keinen Genozid – aber sonst tut er genau dasselbe, was Hitler getan hat.“

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3 Kommentare zu Sanity pisses me off

  1. Und nicht wenige gibt es, die sich nach den Methoden des guten alten America eine Gesundung Europas herbeisehnen. Früher war schließlich nichts alles schlecht. Die Care-Pakete zum Beispiel.

    Es fragt sich nur, ob diejenigen, die sie einst verschickten, heute noch das Porto dafür aufbrächten.

  2. myspaceopfer sagt:

    „Ich sage nicht, Obama sei Hitler, schließlich veranstaltet er keinen Genozid – aber sonst tut er genau dasselbe, was Hitler getan hat.“

    was denn? autobahnen bauen? also wenn der hitlervergleich auf einen us-präsidenten passt – dann auf busch. aber selbst da halte ich vergleiche für quatsch.

    ich bedanke mich recht herzlich über diesen einblickin das wahlkampfgeschehen. man liest ja eh schon wiel. aber dashier war schön zusammengefasst.

    schade um obama. aber ganz ehrlich: die amis verdinen den garnicht wenn die so blöd sind…

    • gonzosoph sagt:

      Was Obama genau so macht wie Hitler? Er führt eine Krankenversicherung ein um so ein sozialistisches Paradies zu schaffen. Ist natürlich totaler Schmarrn, klingt für manche Amerikaner aber plausibel. Schließlich sind es paradiesische Zustände, wenn man nicht stundenlang vor Turnhallen auf Almosenmedizin warten muss, weil man sich keine Krankenversicherung leisten kann oder schlicht – keinen Job hat – was in Amerika gleichbedeutend ist mit dem Fehlen jedweder hier üblichen Sozialleistungen.
      Interessant ist bei der Tea Party Movement, dass sie genau auf dem Phänomen beruht, dass ich in meinem letzten Artikel zur Wirtschaftsgläubigkeit in Deutschland beschrieb. Krankenversicherung oder auch nur öffentliche Bildungsprogramme sind für viele Amerikaner schlicht unamerikanisch. Es kann doch nicht sein, dass man für „die da unten“ Steuern zahlen soll, die sollen selbst sehen wie sie klar kommen. Gleichzeitig propagiert man eine absolute Risikobereitschaft. Man muss sich nur mal vor Augen führen, welch immenses Risiko ein Studium in den USA aufgrund der damit entstehenden Schuldenlast bedeutet. Jobverlust, wie schon gesagt, kann jemanden mit einem Jahreseinkommen von bis dato 80.000 $ schnell (Kündigungsfristen sind schließlich purer Stalinismus) in die Gosse bringen. Sparen ist ja nun auch nicht gerade eine amerikanische Tugend und solche Fälle deshalb nicht selten. Man muss sich nur mal die Masse von neuen Obdachlosen ansehen, die außer ihrer Luxuskarosse aus vergangenen Boomzeiten Nichts mehr ihr Eigen nennen.
      Von solchen Zuständen sind wir hier glücklicherweise noch weit entfernt. Wie Herr Zweig aber zu Recht andeutet: Manche sehnen sie herbei. Man muss nur an Sloterdijk erinnern, der jüngst via Printmedien forderte, man solle doch den Sozial- und Steuerstaat abschaffen und dafür lieber wieder das Almosenwesen einführen. Dann würden sich die Reichen auch viel besser fühlen, wenn sie sich mildtätig zeigen könnten. Und der deutsche Penner hätte nicht mehr den Anspruch, dass man ihm gefälligst bessere Lebensumstände schuldig sei. We don’t believe in Sozialstaat.

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