Jun 30 2010

Wir sind Bundespräsident!

War das nicht schön? Public Viewing, banges Warten, strahlende Sieger und sportliche Verlierer. So unterhaltsam kann zerfahrene Politik sein, dass sie an einem fußballfreien Tag bis in den späten Abend hinein im Fernsehen live übertragen wird. Alles begann mit dem Hinschmeißen, mit Debakeln, Menetekeln und großen Coups. Am Ende steht nach überdurchschnittlich langem Wahlgang ein durchschnittlicher neuer Bundespräsident, mit dem zumindest vorerst wohl niemand richtig unzufrieden sein kann. Gauck steht für eine Weltsicht, in der Freiheit von Verantwortung nicht zu trennen ist, also alles andere als Beliebigkeit heißt. Ein unzeitgemäßer und recht sympathischer Ansatz, der für die Linke leider weiterhin unwählbar erscheint. Das Zeitgemäße hat sich wie erwartet durchgesetzt; beim Public Viewing singen die Zuschauer die obligatorische Nationalhymne am Ende der Sitzung mit. Die Fans jedenfalls beklatschen auch einen Wulff. Man wünscht ihm viel Glück… nicht dass man es in diesem Amte brauchen würde. Ich gebe ab, warte derweil auf die Autokorsos.


Jun 24 2010

Spielbericht: Deutschland gegen Ghana und sich selbst

Auch Münster liegt in Fußballdeutschland

Na bitte! Die „multiethnischen Panzer“ sind im Achtelfinale und das mit urdeutschem Ergebnisfußball – alles andere als schön und souverän, aber im Endeffekt erfolgreich. Jedenfalls kann einem nun egal sein, dass der Serbe uns mittlerweile nicht nur in puncto Völkermord eingeholt hat. Gruppenendsieg dank Fortschritt durch Rückschritt in einem klassischen Match Schwarz (Deutscher) gegen Weiß (Ghanele). Jetzt mal ehrlich, bei solchen Trikots kann einem doch auch das Farbfernsehen gestohlen bleiben. Und dank originalafrikanischer Vertonung neben der insgesamt schlechtesten Sportkommentierung aller Zeiten (Béla Réthy: „Messi sieht flehend zum Schiri, der sehnt sich nach ein bisschen Liebe“), möchte man auf den Ton gleich auch noch verzichten. Sendetechnisch wären wir damit in den 20ern angelangt, wenn es damals schon Live-Schaltungen gegeben hätte. Fußballerisch kann es dagegen genau so weiter gehen, auch wenn auf manchen Positionen durchaus noch Verbesserung möglich wäre. Aber Aussetzer gehören ja mittlerweile essentiell zu unserer Gesellschaft dazu, wie es scheint.

Woran nämlich der eklatante Leistungsabfall der Jungens in den schwarzweißen Shirts liegt, ist leider offensichtlich: So hat die neuste bundesweite Vergleichsstudie in Sachen Bildung klar bewiesen, dass Integration von sozial Schwächeren und originell anders gearteten (oder wie man mittlerweile umständlich sagt - Menschen mit Migrationshintergrund) dumm macht. Zumindest verschlechtert es die Lernergebnisse, was ja für Eltern, Menschen und ihre Fans meist gleichbedeutend mit Dummheit ist. Da ist doch klar, dass ein Team mitsamt Mesut, Miroslav und Jérôme einfach schlechter abschneiden muss, statistisch gesehen. Aber statistisch gesehen werden wir ja gleichzeitig auch noch Weltmeister. Bleibt nur auszuwerten, welche Statistik statistisch gesehen richtig liegt.

Jeder Statistik spottend bleibt übrigens weiterhin das Versagen unserer Regierung auf ganzer Linie. Liegt aber so gesehen vielleicht schlicht und einfach an den vielen Ministern mit Migrationshintergrund oder Herkunft aus anderen sozialen Randgruppen (Behinderte/Homosexuelle/Winzer). Wundern kann man sich jedenfalls nicht, dass solch ein Randgruppenkabinett reinste Klientelpolitik betreibt. Leider jedoch nur im Sinne diverser Großindustrien (Atom, Drogerie, Stundenhotels) und keinesfalls einer Gesellschaft von multiethnischen Panzern.

Im Gegensatz zu solchen Negativbeispielen hat sich unsere Nationalmannschaft auch gegen Ghana redlich bemüht, und das bringt ihr zumindest bessere Kopfnoten ein, als die wildsäuische Gurkentruppe sie sich je verdient hätte. Auch betreibt man im Sportsektor, anders als etwa im Verteidigungsministerium, ehrliche Fehleranalyse und nur Schuldige (Badstuber/Guttenberg), nicht Unschuldige (Klose/Schneiderhahn) werden zu öffentlichen Sündenböcken. Lügen muss hier keiner, beschönigen auch nichts. Und damit wären wir bei der Lösung aller genannter Probleme angelangt: Antisemitismus. Denn Antisemitismus macht klug und wohlhabend, jedenfalls statistisch gesehen. Es kann doch schließlich kein Zufall sein, dass unser klügstes und reichstes Bundesland gleichzeitig das antisemitischste ist (Zeit Dossier vom 14.06.2010) und sich darüber hinaus noch eine klar als solche erkennbare Unterschicht hält. In Bayern ist die Welt eben noch in Ordnung und der Panzer nicht multiethnisch. So wird man zumindest Deutschmeister.


Mär 7 2010

Brotkrumenkunst

Jetzt seit langem mal wieder etwas in eigener Sache. Da mein kleines, recht unauffindbares Weblog wohl der falsche Rahmen ist um themenbezogene Texte zu veröffentlichen, schreibe ich diese seit Neuestem und leider exklusiv auf Suite101.de. Das hat für mich den Vorteil, dort im besten Fall sogar Tantiemen für etwaige Werbeeinnahmen zu erhalten. Dabei verbleiben die Rechte an meinen Texten bei mir. Seien sie aber unbesorgt: Meine ansonsten ganz und gar brotlose Kunst werden sie hier auch weiterhin werbefrei konsumieren können. Die Suite101 Veröffentlichungen sollen, wie gesagt, eher sachlich, leichter verständlich und unterhaltsam werden. Bester Webjournalismus also. Zwei Gründe veranlassen mich dazu, an dieser Stelle darauf hinzuweisen: Ich würde mich freuen, wenn auch einige meiner üblichen Leser an meinen dortigen Artikeln Gefallen finden würden. Weiterhin ist dort bisher noch keine Kommentarfunktion eingebaut, weswegen etwaige Nachfragen nur im Rahmen dieses Blogs geklärt werden können. Sie als Gonzosophie-Leser haben somit quasi einen Premium Zugang. Als Entschädigung könnten sie sich ruhig mal für die eine oder andere Werbeanzeige interessieren. Aber bitte auch nicht zu sehr – ich will ja nicht des Klickbetruges beschuldigt werden!


Feb 4 2010

Feuilletonismus

Google = Gott? Ja, solche Vergleiche zieht man heute. Weiter: Google und Apple machen uns mit ihren Geräten gottgleich. Und das scheint heute eine These zu sein, die sich aufdrängt, wenn man den Zeitungen glauben will. So sei das Google Handy „die entscheidende Prothese auf dem Weg zum absoluten Wissen“ [Zeit 14.01.10], folglich nach nun meinetwegen 10.000 Jahren Kulturgeschichte endlich die Überwindung der Entzweiung von Sein und Erscheinung (Wissen und Welt). Also genau das, was seit dem Anbeginn der Philosophie alle Denker gleichwohl erträumten, obschon sie es für unmöglich hielten – Nexus One macht uns gottgleich. Doch wenn ich ein Glas Wasser drauf gieße, dann ist es kaputt. Und was ich vornehmlich damit tun kann, ist telefonieren und mir in kleinem Ausschnitt detailreiche Landkarten mit ausführlicher Legende ansehen. Entschuldigung, aber so bleib ich doch ein sehr fader deus ex machina.
Ist es die bloße Sehnsucht nach einer neuen, das Leben gänzlich umwälzenden Technologie, die diese Beschwörungen und Götzendienste hervorbringt? Das Internet vermochte es ja leider nicht, dem Leben eine gänzlich neue Qualität zu geben. Es hat lediglich dazu geführt, dass wir, was wir eh schon taten, jetzt online tun können: Kontaktanzeigen aufgeben und beantworten, Pornographie ansehen und Pizza bestellen. Sicher, es erleichtert uns den Zugang und darüber hinaus hat sich der Funktionsumfang etwas erweitert, aber nicht die Grundfunktionen, nicht die „Tiefe“. Sie mögen 1000 Facebookfreunde haben – wie viele davon laden sie zu ihrem Geburtstag ein? Web 2.0 führte bisher nicht zum Menschen 2.0, ja nicht einmal zum User 1.01 – im Gegenteil.
Und deshalb ist diese „Revolution der Kommunikation“ nicht viel mehr als die „Revolution des Fahrgefühls“ – ein bloßer Werbeslogan, der es wiedermal aus dem Anzeigenteil der Zeitung in den redaktionellen geschafft hat. Da mag man Kloppstock zitieren, soviel man will. Übrigens, der einzige Neogott (sprich I-Phonebesitzer) den ich kenne, besaß zwar dutzende „Apps“ für sein Gerät, konnte aber damit nicht mal Fotos auf seinen PC übertragen. „Viel zu kompliziert“ war seine Begründung. Ein völlig neuer Ansatz zur Theodizee.


Nov 12 2009

Bildungsstreik eskaliert!

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

So sieht also Aufruhr aus. Vor leeren Rängen malen hipp gekleidete junge Menschen mit Farbe an der Nase bunte Plakate mit witzigen Slogans darauf, die Marketingstrategen sich kaum besser hätten ausdenken können. Oder ist dieses friedselige Posieren vor der Pressekamera vielleicht nur eine Tarnung, um von illegalen Aktionen abzulenken und die Apparatschiks in Sicherheit zu wiegen? Nein, das ist schon alles und ernst gemeint. Wo Aufruhr so amüsant ist, kann jedenfalls die Revolution nur lachhaft sein. Live anzusehen war eine derartige Aktion auch in Münster. Das Audimax wurde besetzt. Vorne debattierten ein paar Menschen nach dem Konsensprinzip darüber, warum sie überhaupt da waren. Was wollte man denn überhaupt? Darüber sollte doch erst einmal Einigkeit herrschen. Nach Vorbild der „ständigen Revolution“, also des Deutschen Bundestages, wurden zuvorderst Arbeitsgruppen delegiert. Diese bemühten sich direkt vor der Webcam medienwirksam darum, eine möglichst gerechte Verteilung von Tabak, langen Blättchen und kleinen Pappstückchen herzustellen: „Hast du noch was da?“ – „Nä, nur Bier…“. Ernst nehmen muss man diese jungen, idealistischen Menschen, die darum kämpfen ein besseres Preis/Leistungsverhältnis für ihre Bildung offeriert zu bekommen. Jedenfalls solange sie noch da sind. Unter die paar Hundert Demonstranten in der Tagesschau haben sie es in Münster schließlich nicht geschafft – diese ebenso mutige wie entschlossene Infragestellung der Autorität wurde leider schon vorher durch einen Polizisten beendet: „Diese Veranstaltung ist aufgelöst. Der Saal ist zu räumen“ – „Dürfen wir vorher noch aufräumen?“ – „Geht klar.“ Mögen wir ihren heldenhaften Kampf, ihr Opfer für das Wohl der Gesellschaft niemals verleugnen. Niemals vergessen!


Okt 27 2009

Schließlich

Da, ein Wort, zeigt an den Mann. Er steht allein. Und neben ihm die Welt ist nichts, was nach dem Koitus zusammen hält. Wenn er selbst noch daran glaubt, ist es ein Wille bloß, der bald zerfällt. Er trinkt und Schluck für Schluck verliert sich allbeflissene Verlorenheit. Am Ende sitzt er neben, ja unter jenen Menschen, die von Fußball viel verstehen.
Armes Lastentier Selbstmitleid, wirst du geschunden dieser Tage. Den Durst stillt keiner meiner klugen Sprüche, der Abend endet nicht, bevor das Elend ausgeschwiegen ist und weggeschwemmt. Prophetie erscheint doch immer nur als Selbstexzess.
Heut Nacht schlaf ich am Boden.
Vor kurzem schrieb ich jemandem: Wenn dich ich nicht hätte, was sollte mir dann überhaupt noch einen Anlass geben, morgens aufzustehen. Dieser Satz ist falsch. Menschen eignen sich doch nicht dazu, sein Wollen ihnen anzuheften. Auch braucht es keinen Anlass, aufzustehen. Man macht es sowieso. Zwangsläufig wacht man auf, selbst wenn man weder Sinn noch Lustgewinn mehr darin sieht, etwas zu tun. Ja, mittlerweile liegt mir nichts am Schreiben, denn Leben findet sich schon lang nicht mehr darin. Es überrascht mich demnach negativ, dass es trotzdem noch jemand liest. Ich würde das nicht tun - tue eh nicht viel noch. Es gibt nicht eine Aussicht oder Handlung, die mir irgendwie verheißungsvoll erschiene. Kein Datum, das es abzuwarten gilt. Keinen Menschen mehr, auf den ich hoffte. Das ist der Weisheit letzter Schluss.


Sep 29 2009

Wählen wollen

Es kommen Zeiten, in denen der Mensch Dinge in Frage stellt, derer er sich doch Zeit seines Lebens sicher war. Diese Selbstschau ist wohl die wünschenswerteste Folge dessen, was man Krise nennt: Kritik nämlich. Es hat nun einiges gebraucht, grundlegende Kritik an Wirtschaft und Gesellschaft zurück in den redaktionellen Teil seriöser Zeitungen zu bringen. Wo jahrelang nur noch über etwaige Stil- und Verfahrensfehler diskutiert wurde, stellt man jetzt grundsätzlichere Fragen. Wollen wir so weiter machen? Können wir auch anders?
Das grundsätzliche „Nein!“ verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit, wo in kürzester Zeit über weiteste politische wie geographische Grenzen hinweg ein Finanzsystem zu retten versucht wurde, obgleich man in jüngerer Zeit jegliche Einflussmöglichkeit auf selbiges wo nicht für unerwünscht, da für unmöglich gehalten hatte. Nun also doch? Man kann es zumindest versuchen.
Man kann versuchen, den vorherigen Zustand zu erhalten, in dem man ihn den neuen Herausforderungen anpasst. Diese Vermittlung nennt man Reformpolitik. Einfach zu bewerkstelligen ist diese nicht. Noch dazu in einer Gesellschaft, deren Meinung von und Interesse für Politik derart gering ist. Wie soll man einer Bevölkerung vermitteln, dass sich Dinge ändern müssen, wenn selbst deren junge, kluge Köpfe nichts anderes mehr wollen, als einen Job? Und ihr Job sei es eben nicht, Verhältnisse zielgerichtet zu verändern. Recht haben sie damit. Das ist kein Job, es ist eine Berufung.
Aristoteles war Aristokrat. Bloßen Handwerkern sprach er die Eignung zur Politik ab, da sie ihr Tagwerk für derartige Belange zu sehr in Anspruch nähme. Sein Lehrer Platon war noch weiter gegangen. Er hatte den Berufspolitikern die Eignung zur Politik abgesprochen, denn diese würden Politik als einen Job betreiben. Sie seien Banausen, bloße Handwerker. Es bedürfe mehr, das Wohl des Staates zu befördern, als ein gewisses handwerkliches Können in Verwaltungsfragen, verquickt mit einem Sinn für Populismus.
Dass Politik im wahrsten Sinne begeistert sein kann und begeisternd, scheint heute Großteilen der Bevölkerung fremd und allein die Vorstellung dessen eher bedrohlich. Was wir von unseren Politikern erwarten ist nichts weiter, als dass sie ihren Job machen. Detailfragen sind uns dabei gemeinhin egal, sofern es nur gut ausschaut. Vor allem für uns persönlich, ganz pragmatisch gesehen. Jegliche Richtungsdiskussion ist unerwünscht. Nachhaltige, gesamtgesellschaftlich ausgerichtete Reformpolitik muss dann unbequem, deshalb unpolpulär sein. Doch wird Gesellschaft so dauerhaft funktionieren? Man kann niemandem Visions- und Phantasielosigkeit vorwerfen, dem man genau das abverlangt. Verstehen sie mich nicht falsch – weder fordere ich, die Politik zu reromantisieren noch deren Professionalisierung rückgängig zu machen. Dennoch glaube ich, dass Politik mehr ist, als bloßes Staatsingeneurwesen und die viel gelobte neue Nüchternheit. Und man wird Krisen wie jene dieser Tage mit einer Feuerwehrpolitik nicht bewältigen, geschweige denn verhindern können. Wo nicht Visionen, braucht es doch zumindest Vorstellungskraft, ganz pragmatisch gesehen.
Wir können doch auch anders. Wir können plötzlich darüber nachdenken, Banken globalen Regelwerken zu unterwerfen. Dabei war global schon ein Synonym geworden für die vermeintlich einzige Regel – die des Marktes. Sie schien gleichzeitig Ursprung und Ziel aller politischen Entwicklungen der Moderne zu sein. Der Motor von Entwicklung und Fortschritt und deshalb Garant der Freiheit und Demokratie. Jeder Versuch, diese Maschinerie unter Kontrolle zu bekommen, erschien als Anachronismus aus Zeiten der großen ideologischen Systeme. Nicht nur in Amerika galten Vertreter eines “starken Staates” als verdächtig sozialistisch.
Nun aber geht Manchem wieder auf, dass auch die Regeln des Marktes ein Regelwerk sind. Milliardenfach geschaffen, jeden Tag, von Menschen, die nichts weiter tun, als ihren Job - ob mit Keyboard, Sichel oder bloßen Händen. Wie der Gesellschaftsvertrag eine Idee, ist die Marktwirtschaft ein Konstrukt und nicht ohne Baumeister. Politik, Wirtschaftsunternehmen und jeder einzelne Mensch, der an diesem Prozess beteiligt ist, drückt ihm seinen Stempel auf. Auch du hast Einflussmöglichkeit. Wer reproduziert, der kann auch auch variieren, nachhaltig.
Man kann schon. Die Frage ist nur, wie lange die neuerliche Nachdenklichkeit in grundsätzlichen Fragen vorhalten mag. Kaum glaubt man die Talsole der Wirtschaftskrise erreicht zu haben, kehrt man wieder ab von der Umkehr. Der eigene Job scheint nicht mehr in akuter Gefahr und damit schwindet jede Motivation, sich für Veränderung einzusetzen. Selbst der Wahlkampf beschränkt sich auf den Streit darüber, ob man denn überhaupt streitet. Warum sollte man auch - ist man sich ja im Prinzip einig, was sich ändern soll: Wenig, damit alles wird, wie es war. Und so fordert auch jeder öffentliche Protest bei Studenten wie Metallarbeitern, die Rückkehr des Vorherigen. Reformieren soll man das Andere, damit das Eigene bleibt. So versucht jeder seinen Einfluss zu nutzen, seinen Einflussbereich vor Veränderung zu schützen. Dem passt sich populäre Politik an, ein schlechter Nährboden für fruchtbare Debatten. Wo ließen sich auch Dinge anstoßen, wenn das allgemeine Heilsversprechen lautet: Stillstand.
Vielleicht ist dies aber auch ein gutes Zeichen. Denn es gibt Zeiten, in denen der Mensch kaum in Frage stellt, was er Zeit seines Lebens für sicher glaubte. Wie Kritik das Produkt der Krise ist, entspringt dieses Einverständnis mit dem Gegebenen möglicherweise der Stabilität des Wohlstandes. Entweder also ist die Krise nicht so schlimm, wie gedacht, oder es wird bloß nicht darüber nachgedacht. Vielleicht ist es ein wenig von Beidem. Wo man glaubt seinen Zenit erreicht zu haben, kann alles neue nur Angst machen.
Um nun reflektiert zu handeln, müsste man sich schon berufen fühlen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Nicht allein Politik müsste abrücken von einer öffentlichen Debatte, in der Änderung immer nur mit Verlustängsten und Verteilungskämpfen gleichgesetzt wird. Und diese Diskussion kann man nicht bloß Berufspolitikern überlassen. Man sollte endlich die Chance ergreifen, die eigenen Gestalungsmöglichkeiten für wahr zu nehmen. Frage man nicht immer nur, was man hätte tun können. Fragen wir endlich, was wir tun wollen. Handeln wir danach.

Vorliegender Essay war Beitrag zum Wettbewerb der “Zeit”, schied jedoch bereits in der Vorrunde aus - was mich jedoch nicht davon abhält, ihnen dennoch damit unter die Augen zu treten, werte Lesende. Dafür bitte ich vielmals um Entschuldigung.


Sep 28 2009

Volonté de tous

Jedes Land bekommt die Regierung, die es verdient. So wird ein Land mit größeren und schneller anwachsenden sozialen Unterschieden, als es sie selbst in den USA gibt; ein Land dessen Kinder vor ihre Zeugung bereits in ihren Bildungschancen determiniert sind und in dem es seit über einem Jahrzehnt ob mit oder ohne Wirtschaftswachstum keine Lohnerhöhungen gibt – dieses Land wird in Zukunft von einer Schwarz/Gelben Koalition regiert, deren Rekord FDP vor allem damit punkten konnte, neben dem Spitzensteuersatz auch die Steuerfreibeträge zu senken. Leiden sie auch so unter dem Spitzensteuersatz? Dann scheint es zumindest ihnen ja noch recht gut zu gehen. Beten sie nur dafür, niemals auf den Sozialstaat angewiesen zu sein. Oder nach seinem Versagen die marodierenden Horden verarmten Lumpenproletariats zumindest mit privaten Sicherheitsdiensten außerhalb der Mauern ihrer Residenz halten zu können. Der Kollaps lässt sich eigentlich nur recht bald herbei wünschen, denn so hat man wenigstens noch nicht sein ganzes Leben in irgendwelche Versicherungen eingezahlt, die es dann nicht mehr gibt. Good bye Erhard. Semper fidelis, Weltgeist.


Sep 24 2009

Nicklichkeiten und Nichtigkeiten

Mein Leben ist eigentlich recht gut strukturiert. Entweder fürchte ich mich, bald an einer schrecklichen Krankheit zu sterben, oder ich denke über den Freitod als ultima ratio nach. Verbunden ist dies mit der zugehörigen Schlafstörung. Die Angst treibt einen nach wenigen Stunden aus dem Bett. Der Unwille zu leben wirkt dagegen recht einschläfernd und ihm verdanke ich, momentan sehr gut zu schlafen, angstfrei aufzuwachen. Ein angenehmes Gefühl: Den Tag in Ruhe nach allen Anderen mit Kaffee zu begehen, das Frühstück ausfallen lassen. Bald schon ist Abend. Und man hat ein Ziel, über das man nicht einmal groß schreiben müsste.
Am Sonntag sind Wahlen; dies und ein Geburtstag sind die eigentlichen Gründe, mich wieder einmal an die Scheinöffentlichkeit zu wenden. Wenn Sie nicht wollen, gehen sie bitte zu Beidem nicht. Sie werden durch ihr Fernbleiben kaum etwas ändern. Bei bürgerlichen Groß- wie Kleinveranstaltungen ist es nicht der Einzelne, der zählt. Die Gruppendynamik allein wird von Bedeutung sein. Ich für meinen Teil, werde mich wohl weder hier noch dort enthalten wollen können. Das allerdings ist pure Geltungssucht.
A propos. Bitte verschonen Sie Ihre Mitmenschen damit, in Diskussionen Ihre Privatinteressen als öffentliches Anliegen zu kaschieren. Wenn sie tatsächlich glauben, die FDP sichere Ihnen und Ihren Kindern jenes überdurchschnittliche Gehalt, dann wählen Sie die halt. Jedes Volk erhält die Regierung, die es verdient. Außer vielleicht in afrikanischen Staaten.
Und könnte mir mal bitte jemand sagen, was man mit der vielen Zeit anfangen soll, wenn man erst festzustellen glaubt, doch an keiner fatalen Krankheit zu leiden? Nicht das ich Probleme mit der Auffindung zeitraubender Nichtigkeiten hätte. Aber die Frage zielt schließlich nicht darauf ab, was man machen könnte, sondern sollte. Antworten bitte postwendend an meine neue Adresse. Ich hab auch so ein nettes Namensschild davor geklebt.


Jul 31 2009

Da zog einer aus…

Da mein Umzug nun handfest wird, bitte ich etwaige Leerläufe hier zu entschuldigen. Sollte sich jemand als Gastautor betätigen wollen, um den Platz auszufüllen - einfach mailen oder in den Kommentar posten.

PS: Zur Auszugsparty heute Abend lade ich herzlich ein.