Jun 30 2010

Wir sind Bundespräsident!

War das nicht schön? Public Viewing, banges Warten, strahlende Sieger und sportliche Verlierer. So unterhaltsam kann zerfahrene Politik sein, dass sie an einem fußballfreien Tag bis in den späten Abend hinein im Fernsehen live übertragen wird. Alles begann mit dem Hinschmeißen, mit Debakeln, Menetekeln und großen Coups. Am Ende steht nach überdurchschnittlich langem Wahlgang ein durchschnittlicher neuer Bundespräsident, mit dem zumindest vorerst wohl niemand richtig unzufrieden sein kann. Gauck steht für eine Weltsicht, in der Freiheit von Verantwortung nicht zu trennen ist, also alles andere als Beliebigkeit heißt. Ein unzeitgemäßer und recht sympathischer Ansatz, der für die Linke leider weiterhin unwählbar erscheint. Das Zeitgemäße hat sich wie erwartet durchgesetzt; beim Public Viewing singen die Zuschauer die obligatorische Nationalhymne am Ende der Sitzung mit. Die Fans jedenfalls beklatschen auch einen Wulff. Man wünscht ihm viel Glück… nicht dass man es in diesem Amte brauchen würde. Ich gebe ab, warte derweil auf die Autokorsos.


Jun 24 2010

Spielbericht: Deutschland gegen Ghana und sich selbst

Auch Münster liegt in Fußballdeutschland

Na bitte! Die „multiethnischen Panzer“ sind im Achtelfinale und das mit urdeutschem Ergebnisfußball – alles andere als schön und souverän, aber im Endeffekt erfolgreich. Jedenfalls kann einem nun egal sein, dass der Serbe uns mittlerweile nicht nur in puncto Völkermord eingeholt hat. Gruppenendsieg dank Fortschritt durch Rückschritt in einem klassischen Match Schwarz (Deutscher) gegen Weiß (Ghanele). Jetzt mal ehrlich, bei solchen Trikots kann einem doch auch das Farbfernsehen gestohlen bleiben. Und dank originalafrikanischer Vertonung neben der insgesamt schlechtesten Sportkommentierung aller Zeiten (Béla Réthy: „Messi sieht flehend zum Schiri, der sehnt sich nach ein bisschen Liebe“), möchte man auf den Ton gleich auch noch verzichten. Sendetechnisch wären wir damit in den 20ern angelangt, wenn es damals schon Live-Schaltungen gegeben hätte. Fußballerisch kann es dagegen genau so weiter gehen, auch wenn auf manchen Positionen durchaus noch Verbesserung möglich wäre. Aber Aussetzer gehören ja mittlerweile essentiell zu unserer Gesellschaft dazu, wie es scheint.

Woran nämlich der eklatante Leistungsabfall der Jungens in den schwarzweißen Shirts liegt, ist leider offensichtlich: So hat die neuste bundesweite Vergleichsstudie in Sachen Bildung klar bewiesen, dass Integration von sozial Schwächeren und originell anders gearteten (oder wie man mittlerweile umständlich sagt - Menschen mit Migrationshintergrund) dumm macht. Zumindest verschlechtert es die Lernergebnisse, was ja für Eltern, Menschen und ihre Fans meist gleichbedeutend mit Dummheit ist. Da ist doch klar, dass ein Team mitsamt Mesut, Miroslav und Jérôme einfach schlechter abschneiden muss, statistisch gesehen. Aber statistisch gesehen werden wir ja gleichzeitig auch noch Weltmeister. Bleibt nur auszuwerten, welche Statistik statistisch gesehen richtig liegt.

Jeder Statistik spottend bleibt übrigens weiterhin das Versagen unserer Regierung auf ganzer Linie. Liegt aber so gesehen vielleicht schlicht und einfach an den vielen Ministern mit Migrationshintergrund oder Herkunft aus anderen sozialen Randgruppen (Behinderte/Homosexuelle/Winzer). Wundern kann man sich jedenfalls nicht, dass solch ein Randgruppenkabinett reinste Klientelpolitik betreibt. Leider jedoch nur im Sinne diverser Großindustrien (Atom, Drogerie, Stundenhotels) und keinesfalls einer Gesellschaft von multiethnischen Panzern.

Im Gegensatz zu solchen Negativbeispielen hat sich unsere Nationalmannschaft auch gegen Ghana redlich bemüht, und das bringt ihr zumindest bessere Kopfnoten ein, als die wildsäuische Gurkentruppe sie sich je verdient hätte. Auch betreibt man im Sportsektor, anders als etwa im Verteidigungsministerium, ehrliche Fehleranalyse und nur Schuldige (Badstuber/Guttenberg), nicht Unschuldige (Klose/Schneiderhahn) werden zu öffentlichen Sündenböcken. Lügen muss hier keiner, beschönigen auch nichts. Und damit wären wir bei der Lösung aller genannter Probleme angelangt: Antisemitismus. Denn Antisemitismus macht klug und wohlhabend, jedenfalls statistisch gesehen. Es kann doch schließlich kein Zufall sein, dass unser klügstes und reichstes Bundesland gleichzeitig das antisemitischste ist (Zeit Dossier vom 14.06.2010) und sich darüber hinaus noch eine klar als solche erkennbare Unterschicht hält. In Bayern ist die Welt eben noch in Ordnung und der Panzer nicht multiethnisch. So wird man zumindest Deutschmeister.


Feb 2 2010

Banker und Privatbankiers ™

„Und auch die Schweizer Bankiersvereinigung hält nichts von Geschäften mit Kriminellen.“

(tagesschau.de)

Ein überraschender Satz, oder? Wenn sie glauben er bezöge sich darauf, dass Schweizer Bankiers ihrem werbewirksamen Motto untreu würden, „[Weder Gott noch Vaterland, sondern:] Nur unseren Kunden verpflichtet“, muss ich sie enttäuschen. Es ist natürlich keine Selbstverpflichtung gemeint, zukünftig Geldgeschäfte mit zwielichtigen Gestalten aus ominösen Finanzquellen zu unterbinden. Man will diese bloß weiterhin im Zwielicht lassen können. Da ist es schon eine Unverschämtheit, wenn deutsche Behörden Bankdaten aus der Schweiz kaufen, die sie in Deutschland ohne Weiteres legal erfragen könnten. Mir jedoch ein Rätsel, weshalb die CDU plötzlich zur Datenschutzpartei wird, wenn es um Bankdaten von Schweizer Nummernkonten geht. Eigentlich müssten gerade Vertreter der CDU zu den Schweizer Bankern doch so gute Kontakte haben, dass man sich schnell einig wird. Nun stellt die Schweiz jedenfalls zur Disposition, in Zukunft mit deutschen Finanzbehörden zusammenarbeiten zu wollen – was sie bis heute noch nie getan hat. Auf welchen seltsamen Wegen Schweizer Justiz wandert, wenn es um ausländische Staatsbürger geht, die dem eigenen Land Einnahmen bescheren, konnte man nicht zuletzt im Falle Polanski sehen.
Und wieso eigentlich Datenschutz? Wenn es einen Informanten gäbe, der eine Liste mit klaren Beweisen für Straftaten feilbieten würde, dann liegt das moralische Dilemma doch nicht darin, dass man die Daten von Straftätern vor den Justizbehörden schützen müsste. Wäre das der Fall, dürfte man schließlich deutsche Banken auch nicht nach Auffälligkeiten in den Bankdaten fragen dürfen. Die Frage ist lediglich: Darf die Polizei Belohnungen zum Ergreifen von Tätern aussetzen oder Entlohnung für Informaten. Diese Frage ist längst beantwortet. Reden sie mal mit NPDlern, die können ihnen was davon erzählen…


Sep 29 2009

Wählen wollen

Es kommen Zeiten, in denen der Mensch Dinge in Frage stellt, derer er sich doch Zeit seines Lebens sicher war. Diese Selbstschau ist wohl die wünschenswerteste Folge dessen, was man Krise nennt: Kritik nämlich. Es hat nun einiges gebraucht, grundlegende Kritik an Wirtschaft und Gesellschaft zurück in den redaktionellen Teil seriöser Zeitungen zu bringen. Wo jahrelang nur noch über etwaige Stil- und Verfahrensfehler diskutiert wurde, stellt man jetzt grundsätzlichere Fragen. Wollen wir so weiter machen? Können wir auch anders?
Das grundsätzliche „Nein!“ verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit, wo in kürzester Zeit über weiteste politische wie geographische Grenzen hinweg ein Finanzsystem zu retten versucht wurde, obgleich man in jüngerer Zeit jegliche Einflussmöglichkeit auf selbiges wo nicht für unerwünscht, da für unmöglich gehalten hatte. Nun also doch? Man kann es zumindest versuchen.
Man kann versuchen, den vorherigen Zustand zu erhalten, in dem man ihn den neuen Herausforderungen anpasst. Diese Vermittlung nennt man Reformpolitik. Einfach zu bewerkstelligen ist diese nicht. Noch dazu in einer Gesellschaft, deren Meinung von und Interesse für Politik derart gering ist. Wie soll man einer Bevölkerung vermitteln, dass sich Dinge ändern müssen, wenn selbst deren junge, kluge Köpfe nichts anderes mehr wollen, als einen Job? Und ihr Job sei es eben nicht, Verhältnisse zielgerichtet zu verändern. Recht haben sie damit. Das ist kein Job, es ist eine Berufung.
Aristoteles war Aristokrat. Bloßen Handwerkern sprach er die Eignung zur Politik ab, da sie ihr Tagwerk für derartige Belange zu sehr in Anspruch nähme. Sein Lehrer Platon war noch weiter gegangen. Er hatte den Berufspolitikern die Eignung zur Politik abgesprochen, denn diese würden Politik als einen Job betreiben. Sie seien Banausen, bloße Handwerker. Es bedürfe mehr, das Wohl des Staates zu befördern, als ein gewisses handwerkliches Können in Verwaltungsfragen, verquickt mit einem Sinn für Populismus.
Dass Politik im wahrsten Sinne begeistert sein kann und begeisternd, scheint heute Großteilen der Bevölkerung fremd und allein die Vorstellung dessen eher bedrohlich. Was wir von unseren Politikern erwarten ist nichts weiter, als dass sie ihren Job machen. Detailfragen sind uns dabei gemeinhin egal, sofern es nur gut ausschaut. Vor allem für uns persönlich, ganz pragmatisch gesehen. Jegliche Richtungsdiskussion ist unerwünscht. Nachhaltige, gesamtgesellschaftlich ausgerichtete Reformpolitik muss dann unbequem, deshalb unpolpulär sein. Doch wird Gesellschaft so dauerhaft funktionieren? Man kann niemandem Visions- und Phantasielosigkeit vorwerfen, dem man genau das abverlangt. Verstehen sie mich nicht falsch – weder fordere ich, die Politik zu reromantisieren noch deren Professionalisierung rückgängig zu machen. Dennoch glaube ich, dass Politik mehr ist, als bloßes Staatsingeneurwesen und die viel gelobte neue Nüchternheit. Und man wird Krisen wie jene dieser Tage mit einer Feuerwehrpolitik nicht bewältigen, geschweige denn verhindern können. Wo nicht Visionen, braucht es doch zumindest Vorstellungskraft, ganz pragmatisch gesehen.
Wir können doch auch anders. Wir können plötzlich darüber nachdenken, Banken globalen Regelwerken zu unterwerfen. Dabei war global schon ein Synonym geworden für die vermeintlich einzige Regel – die des Marktes. Sie schien gleichzeitig Ursprung und Ziel aller politischen Entwicklungen der Moderne zu sein. Der Motor von Entwicklung und Fortschritt und deshalb Garant der Freiheit und Demokratie. Jeder Versuch, diese Maschinerie unter Kontrolle zu bekommen, erschien als Anachronismus aus Zeiten der großen ideologischen Systeme. Nicht nur in Amerika galten Vertreter eines “starken Staates” als verdächtig sozialistisch.
Nun aber geht Manchem wieder auf, dass auch die Regeln des Marktes ein Regelwerk sind. Milliardenfach geschaffen, jeden Tag, von Menschen, die nichts weiter tun, als ihren Job - ob mit Keyboard, Sichel oder bloßen Händen. Wie der Gesellschaftsvertrag eine Idee, ist die Marktwirtschaft ein Konstrukt und nicht ohne Baumeister. Politik, Wirtschaftsunternehmen und jeder einzelne Mensch, der an diesem Prozess beteiligt ist, drückt ihm seinen Stempel auf. Auch du hast Einflussmöglichkeit. Wer reproduziert, der kann auch auch variieren, nachhaltig.
Man kann schon. Die Frage ist nur, wie lange die neuerliche Nachdenklichkeit in grundsätzlichen Fragen vorhalten mag. Kaum glaubt man die Talsole der Wirtschaftskrise erreicht zu haben, kehrt man wieder ab von der Umkehr. Der eigene Job scheint nicht mehr in akuter Gefahr und damit schwindet jede Motivation, sich für Veränderung einzusetzen. Selbst der Wahlkampf beschränkt sich auf den Streit darüber, ob man denn überhaupt streitet. Warum sollte man auch - ist man sich ja im Prinzip einig, was sich ändern soll: Wenig, damit alles wird, wie es war. Und so fordert auch jeder öffentliche Protest bei Studenten wie Metallarbeitern, die Rückkehr des Vorherigen. Reformieren soll man das Andere, damit das Eigene bleibt. So versucht jeder seinen Einfluss zu nutzen, seinen Einflussbereich vor Veränderung zu schützen. Dem passt sich populäre Politik an, ein schlechter Nährboden für fruchtbare Debatten. Wo ließen sich auch Dinge anstoßen, wenn das allgemeine Heilsversprechen lautet: Stillstand.
Vielleicht ist dies aber auch ein gutes Zeichen. Denn es gibt Zeiten, in denen der Mensch kaum in Frage stellt, was er Zeit seines Lebens für sicher glaubte. Wie Kritik das Produkt der Krise ist, entspringt dieses Einverständnis mit dem Gegebenen möglicherweise der Stabilität des Wohlstandes. Entweder also ist die Krise nicht so schlimm, wie gedacht, oder es wird bloß nicht darüber nachgedacht. Vielleicht ist es ein wenig von Beidem. Wo man glaubt seinen Zenit erreicht zu haben, kann alles neue nur Angst machen.
Um nun reflektiert zu handeln, müsste man sich schon berufen fühlen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Nicht allein Politik müsste abrücken von einer öffentlichen Debatte, in der Änderung immer nur mit Verlustängsten und Verteilungskämpfen gleichgesetzt wird. Und diese Diskussion kann man nicht bloß Berufspolitikern überlassen. Man sollte endlich die Chance ergreifen, die eigenen Gestalungsmöglichkeiten für wahr zu nehmen. Frage man nicht immer nur, was man hätte tun können. Fragen wir endlich, was wir tun wollen. Handeln wir danach.

Vorliegender Essay war Beitrag zum Wettbewerb der “Zeit”, schied jedoch bereits in der Vorrunde aus - was mich jedoch nicht davon abhält, ihnen dennoch damit unter die Augen zu treten, werte Lesende. Dafür bitte ich vielmals um Entschuldigung.


Sep 28 2009

Volonté de tous

Jedes Land bekommt die Regierung, die es verdient. So wird ein Land mit größeren und schneller anwachsenden sozialen Unterschieden, als es sie selbst in den USA gibt; ein Land dessen Kinder vor ihre Zeugung bereits in ihren Bildungschancen determiniert sind und in dem es seit über einem Jahrzehnt ob mit oder ohne Wirtschaftswachstum keine Lohnerhöhungen gibt – dieses Land wird in Zukunft von einer Schwarz/Gelben Koalition regiert, deren Rekord FDP vor allem damit punkten konnte, neben dem Spitzensteuersatz auch die Steuerfreibeträge zu senken. Leiden sie auch so unter dem Spitzensteuersatz? Dann scheint es zumindest ihnen ja noch recht gut zu gehen. Beten sie nur dafür, niemals auf den Sozialstaat angewiesen zu sein. Oder nach seinem Versagen die marodierenden Horden verarmten Lumpenproletariats zumindest mit privaten Sicherheitsdiensten außerhalb der Mauern ihrer Residenz halten zu können. Der Kollaps lässt sich eigentlich nur recht bald herbei wünschen, denn so hat man wenigstens noch nicht sein ganzes Leben in irgendwelche Versicherungen eingezahlt, die es dann nicht mehr gibt. Good bye Erhard. Semper fidelis, Weltgeist.


Sep 24 2009

Nicklichkeiten und Nichtigkeiten

Mein Leben ist eigentlich recht gut strukturiert. Entweder fürchte ich mich, bald an einer schrecklichen Krankheit zu sterben, oder ich denke über den Freitod als ultima ratio nach. Verbunden ist dies mit der zugehörigen Schlafstörung. Die Angst treibt einen nach wenigen Stunden aus dem Bett. Der Unwille zu leben wirkt dagegen recht einschläfernd und ihm verdanke ich, momentan sehr gut zu schlafen, angstfrei aufzuwachen. Ein angenehmes Gefühl: Den Tag in Ruhe nach allen Anderen mit Kaffee zu begehen, das Frühstück ausfallen lassen. Bald schon ist Abend. Und man hat ein Ziel, über das man nicht einmal groß schreiben müsste.
Am Sonntag sind Wahlen; dies und ein Geburtstag sind die eigentlichen Gründe, mich wieder einmal an die Scheinöffentlichkeit zu wenden. Wenn Sie nicht wollen, gehen sie bitte zu Beidem nicht. Sie werden durch ihr Fernbleiben kaum etwas ändern. Bei bürgerlichen Groß- wie Kleinveranstaltungen ist es nicht der Einzelne, der zählt. Die Gruppendynamik allein wird von Bedeutung sein. Ich für meinen Teil, werde mich wohl weder hier noch dort enthalten wollen können. Das allerdings ist pure Geltungssucht.
A propos. Bitte verschonen Sie Ihre Mitmenschen damit, in Diskussionen Ihre Privatinteressen als öffentliches Anliegen zu kaschieren. Wenn sie tatsächlich glauben, die FDP sichere Ihnen und Ihren Kindern jenes überdurchschnittliche Gehalt, dann wählen Sie die halt. Jedes Volk erhält die Regierung, die es verdient. Außer vielleicht in afrikanischen Staaten.
Und könnte mir mal bitte jemand sagen, was man mit der vielen Zeit anfangen soll, wenn man erst festzustellen glaubt, doch an keiner fatalen Krankheit zu leiden? Nicht das ich Probleme mit der Auffindung zeitraubender Nichtigkeiten hätte. Aber die Frage zielt schließlich nicht darauf ab, was man machen könnte, sondern sollte. Antworten bitte postwendend an meine neue Adresse. Ich hab auch so ein nettes Namensschild davor geklebt.


Mai 23 2009

Durchgesehene und revidierte Fassung

Da das Provisorium Grundgesetz nun langsam ins Rentenalter kommt, sollten wir langsam überlegen, uns endlich eine richtige Verfassung zu geben. Schließlich hat selbst der Irak mittlerweile eine. Wenn man schon dabei ist, sollte man sich vielleicht etwas realistischere und der aktuellen Lage entsprechende Artikel ersinnen, die jedoch bereits heute in die Zukunft verweisen. Vorschläge meinerseits mit der bitte um Ergänzung:

§1. Die Währung der Bundesrepublik Deutschland ist der deutsche Euro.
§2. Die Dummheit des Menschen ist unantastbar.
§3. Würde kann man weder anfassen noch zeichnen, aber schön, dass wir uns drauf einigen konnten.
§4. Was du nicht willst, das man dir tu, dagegen gibts Anwälte und Lobbyisten.
§5. Eigentum verpflichtet dazu, es unangetastet vermehren oder verschwenden zu können.
§6. Die verfassungsgemäßen Rechte, wie meinetwegen Meinugns- und Pressefreiheit, gelten uneingeschränkt insoweit sie nicht von §2 oder §7 beschränkt werden.
§7. Die Macht liegt bei den Monopolisten, u.a. beim Staat, der u.a. das Monopol auf Rechtssicherheit inne hat.
§8. Für Änderung an der Verfassung ist midnestens eine Gebühr von 100 € zu entrichten


Mai 18 2009

Moderne Mythen. Heute: Leistung muss sich wieder lohnen.

„Leistung muss sich wieder lohnen“, klingt doch eigentlich ganz gut. Schließlich leisten wir alle unsern Beitrag, jeden Tag. Dementsprechend kann niemand ernsthaft dagegen sein, dass wir Leistungsträger endlich entlastet werden. Aber auf wessen Kosten kann man uns überhaupt entlasten? Die Antwort ist klar: Auf Kosten der Leistungsempfänger. Diejenigen, die ohne irgendeine Leistung zu erbringen in den Tag hinein Leben und das nicht allzu schlecht. Davon gibt es zwar immer weniger, aber bei denen ist glücklicherweise immer mehr zu holen. Denn kaum jemand, der heute noch viel mehr Einkommen als seine Mitmenschen hat, bezieht dies maßgeblich aus eigener Hände Arbeit. Er wäre ja auch schön blöd, denn obwohl der sog. progressive Steuersatz Spitzeneinkommen prozentual wesentlich geringer besteuert als kleinere und mittlere Einkommen, ist die Einkommenssteuer auf Arbeitseinkünfte immer noch wesentlich höher, als auf Kapitaleinkünfte und Aktiengewinne. Am lohnenswertesten ist also nicht Leistung, sondern Transferleistung und zwar diejenige, die „Arbeitnehmer“ erbringen und „Arbeitgeber“ erzwingen. Leistung zu erbringen lohnt sich nicht, hat sich auch noch nie gelohnt (s.a. Mehrwert). Deswegen ist fraglich, worauf “muss sich wieder lohnen” überhaupt verweist. Bundesrepublikanische Politik jedenfalls kann damit nicht gemeint sein. Warum nun also gerade “CDU” und “FDP” mit genanntem Slogan für sich werben, lässt Zweifel aufkommen. Auch, da Ihre Zielgruppe keinesfalls dem Segment der Leistungsträger entstammt. Dass sich Leistung nicht lohnt und nie gelohnt hat, liegt nämlich nicht zuletzt an ihrer langjährigen Tradition der Politik für Transferleistungsempfänger. Es verbleiben also zwei Möglichkeiten der Deutung: Entweder genannte Parteien wollen endlich zu “Volksparteien” werden oder ihr Verwendung des Wortes “Leistung” ist das, was man seit Freud einfach “Fehlleistung” nennt.


Feb 19 2009

Zur Sache selbst

„Nach Artikel 15 können Grund, Boden, Naturschätze und Produktionsmittel in Gemeineigentum überführt werden. Der Artikel kam noch nie zur Anwendung. Er wurde vor allem in den frühen Jahren der Bundesrepublik diskutiert, als es darum ging, in welche Richtung sich die Gesellschaftsordnung entwickeln sollte.“ (tagesschau.de)

Besagter Artikel zur Enteignung wurde damals nicht nur diskutiert, er wurde offensichtlich ins Grundgesetz aufgenommen und gehört damit zu unserer „objektiven Wertordnung“. Dass die Bundesrepublik in ihrer Entstehung viel mehr sozialstaatlich gedacht war, als man sie heute denkt, ist ein offenes und gern totgeschwiegenes Geheimnis. Gerade eine christsoziale Unionspartei, deren linker Flügel damals für einen Sozialismus mit christlichem Antlitz eintrat, wollte davon lange Zeit nichts wissen. Umso erstaunlicher, dass unter Beteiligung eben dieser Partei eine solche ursozialistische Forderung abermals in einer Regierungskoalition ausgearbeitet wird. Letztlich stellt sich die Frage, warum bei Kapitaleigentum nicht recht sein soll, was im Falle von Privatsphäre, Landbesitz oder Geburtshaus nur billig ist. Neben der erst kürzlich zaghaft beschnittenen Steuerfreiheit genießen Kapital und Einkünfte aus selbigen in diesem Land wohl eine ganze Reihe von Privilegien, die eine Kapitalenteignung so obszön erscheinen lassen.
Dass also in den „Wir sind die Mitte“-Parteien ein neokonservatives Tabu nach dem andern fällt (Subventionen, regulierte Finanzmärkte, staatliche Mitspracherechte usw.) kann eigentlich nur begrüßt werden. In lautes Hurrah-Geschrei lässt sich dennoch nicht verfallen. Warum? Nicht einfach, weil es eine momentane Krise zu bewältigen gilt, sondern weil diese Verstaatlichung nur der dem Bürger am leichtesten zu plausibilisierende Weg ist, Milliardenbeträge in ein Unternehmen zu stecken, das nur wenige hundert Arbeitsplätze aufrecht erhält. Nebenbei entschädigt (im wahrsten Sinne) man auf diesem Wege noch Aktionäre, deren Anteile marktwirtschaftlich kaum mehr wert sind als Komforttoilettenpapier. Diejenigen Aktionäre, die ihre Papiere marktgerecht zu einem Konkurspreis abstießen, können sich hernach nur über Dummheit ärgern. Wessen Dummheit , das bleibt die Frage.

Das bleibt die Frage in einem Finanzwirtschaftssystem, dass uns in den letzten Jahren äußerst wirksam weißgemacht hat, dass staatliche Unterstützung vollkommen unsicher sei und man anstatt auf eine staatliche Rente zu setzen lieber einer privatwirtschaftliche Altersvorsorge vertrauen sollte. Diese sei krisensicherer und renditefreudiger. Was davon zu halten ist, sehen wir nun gerade bei den ehemaligen Zugpferden der privatwirtschaftlichen Renditenproduktion – sie sollen in sog. staatliche „Mobilisierungsfonds“ überführt werden. Dass bei kränkelnden, hilfesuchenden Unternehmen trotzdem noch Gewinnausschüttungen stattfinden, ist kaum verwunderlich. Gewinne wurden ja auch lange Zeit erwirtschaftet, schließlich sind weder Konzernzentralen noch Luxusyachten ihrer Insassen mit reiner Phantasie bezahlt worden. Wer sie allerdings bezahlt hat, das erraten sie schnell, wenn sie in den aktuellen Bundeshaushalt hineinsehen.
Und so muss man auch nicht lange raten, wer zukünftig die Rentenversicherung derjenigen zu zahlen hat, deren Rentenversicherer innerhalb der Pustefix™-Blasen der nächsten 40 Jahre zerstäubt. So die Weltwirtschaft will wohl derselbe, der sie in den letzten 40 Jahren bezahlt hat. Das hätte man aber doch auch so haben können, ohne Konzernzentralen und Luxusyachten. Die Opel fahrenden Beamten in ihren muffigen Amtsstuben haben wenigstens schon 20 Jahre vorher erkannt, dass die Rente in ihrer bisherigen Form auf massive Probleme stoßen wird. Die Yachtfahrer wollen es immer noch nicht wahr haben, ein halbes Jahr nach Beginn der massiven Probleme. Warum auch? Es ist ja nicht so als hätten sie abseits außerplanmäßiger Spesenreisen größere Schwierigkeiten zu erwarten.


Jan 20 2009

König Harkan

Harkan war ein Rübezahl,
ein Grobian, der manches Mal,
sein kleines, feines Weib betörte,
das jedoch selten ihn begehrte.

Er naschte gern vom Beerenstrauch,
der neben frischen Beeren auch,
der schon vergorenen anbot,
die brachten ihn oft aus dem Lot.

Dann wankte er, nun schwankte er,
und hin zum Weibe langte er,
das da schon ahnte, was passierte,
sich dementsprechend präparierte.

Doch König Harkan, Herr von Allen,
begann im Sturze, Plotz! zu fallen,
und landete in Weibes Schoß,
der ihm schon offen und ganz bloß.

Nun war die Königin sehr träge,
und wusch gar selten die Beläge,
die ihr dort unten wuchsen weg,
- hygienisch war‘s ein blinder Fleck.

Es stiegen folglich üble Gase,
dem Heros Harkan in die Nase,
der schon von Beerenwein benommen,
nun vollends fühlte sich beklommen.

So sank der König rasch hernieder,
dem längst erschlafft warn alle Glieder,
und lag nun vor der Königin.
Die nahm das hin.

Denn heimlich hatte sie geplant,
wär Harkan erst mal ungewarnt,
den fetten Wanst ihm auf zu tun,
und brachte also flugs ihn um.

Es herrscht nun bis zur heutgen Stunde
Die Königin in muntrer Runde,
„Und die Moral“, so spricht sie helle,
„vergisst man manchmal auf die Schnelle!“

[PS: jegliche Ähnlichkeit zu realen Amtspersonen ist rein zufällig]