Jun 24 2010

Spielbericht: Deutschland gegen Ghana und sich selbst

Auch Münster liegt in Fußballdeutschland

Na bitte! Die „multiethnischen Panzer“ sind im Achtelfinale und das mit urdeutschem Ergebnisfußball – alles andere als schön und souverän, aber im Endeffekt erfolgreich. Jedenfalls kann einem nun egal sein, dass der Serbe uns mittlerweile nicht nur in puncto Völkermord eingeholt hat. Gruppenendsieg dank Fortschritt durch Rückschritt in einem klassischen Match Schwarz (Deutscher) gegen Weiß (Ghanele). Jetzt mal ehrlich, bei solchen Trikots kann einem doch auch das Farbfernsehen gestohlen bleiben. Und dank originalafrikanischer Vertonung neben der insgesamt schlechtesten Sportkommentierung aller Zeiten (Béla Réthy: „Messi sieht flehend zum Schiri, der sehnt sich nach ein bisschen Liebe“), möchte man auf den Ton gleich auch noch verzichten. Sendetechnisch wären wir damit in den 20ern angelangt, wenn es damals schon Live-Schaltungen gegeben hätte. Fußballerisch kann es dagegen genau so weiter gehen, auch wenn auf manchen Positionen durchaus noch Verbesserung möglich wäre. Aber Aussetzer gehören ja mittlerweile essentiell zu unserer Gesellschaft dazu, wie es scheint.

Woran nämlich der eklatante Leistungsabfall der Jungens in den schwarzweißen Shirts liegt, ist leider offensichtlich: So hat die neuste bundesweite Vergleichsstudie in Sachen Bildung klar bewiesen, dass Integration von sozial Schwächeren und originell anders gearteten (oder wie man mittlerweile umständlich sagt - Menschen mit Migrationshintergrund) dumm macht. Zumindest verschlechtert es die Lernergebnisse, was ja für Eltern, Menschen und ihre Fans meist gleichbedeutend mit Dummheit ist. Da ist doch klar, dass ein Team mitsamt Mesut, Miroslav und Jérôme einfach schlechter abschneiden muss, statistisch gesehen. Aber statistisch gesehen werden wir ja gleichzeitig auch noch Weltmeister. Bleibt nur auszuwerten, welche Statistik statistisch gesehen richtig liegt.

Jeder Statistik spottend bleibt übrigens weiterhin das Versagen unserer Regierung auf ganzer Linie. Liegt aber so gesehen vielleicht schlicht und einfach an den vielen Ministern mit Migrationshintergrund oder Herkunft aus anderen sozialen Randgruppen (Behinderte/Homosexuelle/Winzer). Wundern kann man sich jedenfalls nicht, dass solch ein Randgruppenkabinett reinste Klientelpolitik betreibt. Leider jedoch nur im Sinne diverser Großindustrien (Atom, Drogerie, Stundenhotels) und keinesfalls einer Gesellschaft von multiethnischen Panzern.

Im Gegensatz zu solchen Negativbeispielen hat sich unsere Nationalmannschaft auch gegen Ghana redlich bemüht, und das bringt ihr zumindest bessere Kopfnoten ein, als die wildsäuische Gurkentruppe sie sich je verdient hätte. Auch betreibt man im Sportsektor, anders als etwa im Verteidigungsministerium, ehrliche Fehleranalyse und nur Schuldige (Badstuber/Guttenberg), nicht Unschuldige (Klose/Schneiderhahn) werden zu öffentlichen Sündenböcken. Lügen muss hier keiner, beschönigen auch nichts. Und damit wären wir bei der Lösung aller genannter Probleme angelangt: Antisemitismus. Denn Antisemitismus macht klug und wohlhabend, jedenfalls statistisch gesehen. Es kann doch schließlich kein Zufall sein, dass unser klügstes und reichstes Bundesland gleichzeitig das antisemitischste ist (Zeit Dossier vom 14.06.2010) und sich darüber hinaus noch eine klar als solche erkennbare Unterschicht hält. In Bayern ist die Welt eben noch in Ordnung und der Panzer nicht multiethnisch. So wird man zumindest Deutschmeister.


Feb 4 2010

Feuilletonismus

Google = Gott? Ja, solche Vergleiche zieht man heute. Weiter: Google und Apple machen uns mit ihren Geräten gottgleich. Und das scheint heute eine These zu sein, die sich aufdrängt, wenn man den Zeitungen glauben will. So sei das Google Handy „die entscheidende Prothese auf dem Weg zum absoluten Wissen“ [Zeit 14.01.10], folglich nach nun meinetwegen 10.000 Jahren Kulturgeschichte endlich die Überwindung der Entzweiung von Sein und Erscheinung (Wissen und Welt). Also genau das, was seit dem Anbeginn der Philosophie alle Denker gleichwohl erträumten, obschon sie es für unmöglich hielten – Nexus One macht uns gottgleich. Doch wenn ich ein Glas Wasser drauf gieße, dann ist es kaputt. Und was ich vornehmlich damit tun kann, ist telefonieren und mir in kleinem Ausschnitt detailreiche Landkarten mit ausführlicher Legende ansehen. Entschuldigung, aber so bleib ich doch ein sehr fader deus ex machina.
Ist es die bloße Sehnsucht nach einer neuen, das Leben gänzlich umwälzenden Technologie, die diese Beschwörungen und Götzendienste hervorbringt? Das Internet vermochte es ja leider nicht, dem Leben eine gänzlich neue Qualität zu geben. Es hat lediglich dazu geführt, dass wir, was wir eh schon taten, jetzt online tun können: Kontaktanzeigen aufgeben und beantworten, Pornographie ansehen und Pizza bestellen. Sicher, es erleichtert uns den Zugang und darüber hinaus hat sich der Funktionsumfang etwas erweitert, aber nicht die Grundfunktionen, nicht die „Tiefe“. Sie mögen 1000 Facebookfreunde haben – wie viele davon laden sie zu ihrem Geburtstag ein? Web 2.0 führte bisher nicht zum Menschen 2.0, ja nicht einmal zum User 1.01 – im Gegenteil.
Und deshalb ist diese „Revolution der Kommunikation“ nicht viel mehr als die „Revolution des Fahrgefühls“ – ein bloßer Werbeslogan, der es wiedermal aus dem Anzeigenteil der Zeitung in den redaktionellen geschafft hat. Da mag man Kloppstock zitieren, soviel man will. Übrigens, der einzige Neogott (sprich I-Phonebesitzer) den ich kenne, besaß zwar dutzende „Apps“ für sein Gerät, konnte aber damit nicht mal Fotos auf seinen PC übertragen. „Viel zu kompliziert“ war seine Begründung. Ein völlig neuer Ansatz zur Theodizee.


Feb 2 2010

Banker und Privatbankiers ™

„Und auch die Schweizer Bankiersvereinigung hält nichts von Geschäften mit Kriminellen.“

(tagesschau.de)

Ein überraschender Satz, oder? Wenn sie glauben er bezöge sich darauf, dass Schweizer Bankiers ihrem werbewirksamen Motto untreu würden, „[Weder Gott noch Vaterland, sondern:] Nur unseren Kunden verpflichtet“, muss ich sie enttäuschen. Es ist natürlich keine Selbstverpflichtung gemeint, zukünftig Geldgeschäfte mit zwielichtigen Gestalten aus ominösen Finanzquellen zu unterbinden. Man will diese bloß weiterhin im Zwielicht lassen können. Da ist es schon eine Unverschämtheit, wenn deutsche Behörden Bankdaten aus der Schweiz kaufen, die sie in Deutschland ohne Weiteres legal erfragen könnten. Mir jedoch ein Rätsel, weshalb die CDU plötzlich zur Datenschutzpartei wird, wenn es um Bankdaten von Schweizer Nummernkonten geht. Eigentlich müssten gerade Vertreter der CDU zu den Schweizer Bankern doch so gute Kontakte haben, dass man sich schnell einig wird. Nun stellt die Schweiz jedenfalls zur Disposition, in Zukunft mit deutschen Finanzbehörden zusammenarbeiten zu wollen – was sie bis heute noch nie getan hat. Auf welchen seltsamen Wegen Schweizer Justiz wandert, wenn es um ausländische Staatsbürger geht, die dem eigenen Land Einnahmen bescheren, konnte man nicht zuletzt im Falle Polanski sehen.
Und wieso eigentlich Datenschutz? Wenn es einen Informanten gäbe, der eine Liste mit klaren Beweisen für Straftaten feilbieten würde, dann liegt das moralische Dilemma doch nicht darin, dass man die Daten von Straftätern vor den Justizbehörden schützen müsste. Wäre das der Fall, dürfte man schließlich deutsche Banken auch nicht nach Auffälligkeiten in den Bankdaten fragen dürfen. Die Frage ist lediglich: Darf die Polizei Belohnungen zum Ergreifen von Tätern aussetzen oder Entlohnung für Informaten. Diese Frage ist längst beantwortet. Reden sie mal mit NPDlern, die können ihnen was davon erzählen…


Jan 7 2010

tempus fugitive

Man darf heute ja alles anzweifeln. Sogar die Strukturen der Marktwirtschaft fallen seit Neuestem darunter. Die Finanzkrise führte zu Feuilletonschlachten, in denen der Kapitalismus als entfesselt und entmenschlichend dargestellt wird. Doch übersieht man dabei, wie kapitalistisch unser Denken bereits ist. Wir betreiben diese Wirtschaftsform nicht allein deshalb, weil sie unsere Bedürfnisse befriedigt, sondern weil wir ihre Bedürfnisse zu den unsrigen gemacht haben. Wir haben den Geist des Kapitalismus verinnerlicht. Wir selbst sind entfesselt und wenn es für den Kapitalismus stimmen sollte, sind auch wir entmenschlicht. Nicht nurmehr der Markt oder seine Unternehmen, wir Menschen wollen expandieren, akkumulieren und unsere Konkurrenten verdrängen. Samt und sonders Ich-AGs, rationalisieren wir unsere Handlungen innerhalb der Arbeitswelt, wie der Freizeit. Beziehung, Familie und Freundschaft bleiben davon nicht verschont. Das Kosten/Nutzen Verhältnis wird zum einzigen Maßstab und alles, was in diesem Lichte unvorteilhaft erscheint, schlicht „wegrationalisiert“.

Man kann einwenden, dies sei keine neue Entwicklung. Der Mensch habe immer schon danach gestrebt, sich das Leben leichter und komfortabler zu machen und deshalb sei er stets bemüht gewesen, seine Arbeitsprozesse zu optimieren. Und das stimmt. Ein Pfluggespann ist besser als eine Hacke, denn es erleichtert die Arbeit – verkürzt sie und erhöht ihre Produktivität. Dieser Produktivitätsgewinn hat erst einmal dazu geführt, dass ein Bauer mit weniger Arbeit mehr Ertrag erwirtschaften konnte. Die Folge war ein leichteres Auskommen, Brot mit etwas weniger Schweiß im Angesicht. Aber der moderne Mensch strebt eben nicht mehr nach Komfort und einem leichten Leben. Man kann sich das sehr leicht vor Augen führen: Wie viele Stunden müssten sie jeden Monat arbeiten, um eine Wohnung und die Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen zu können? Reicht das?

Nein! Werden sie nun empört sagen – oder gleich Sozialleistungen beantragen, denn deren Bemessungsgrenzen würden ihnen ansonsten einen für sie ausreichenden Lebensstandard nahezu ohne Arbeit ermöglichen. Und nicht nur ihnen reicht das nicht. Auch der Bauer machte nämlich nicht einfach Feierabend und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein, als er plötzlich denselben Acker in einem Bruchteil der Zeit pflügen konnte. Er vergrößerte ihn und schaffte so ganz nebenbei die Subsistenzwirtschaft ab. Die verschwand in Deutschland allerdings erst im Laufe des 19. Jahrhundert und damit parallel zur Durchsetzung jener Entwicklung, die wir heute mit Industrialisierung bezeichnen. Vor dieser Zeit hatte die Erleichterung der Arbeit vor allem einen Zweck: Weniger und leichtere Arbeit zu haben. Arbeitslosigkeit war kein Fluch, sondern der Traum ganzer Jahrtausende – wenn es denn nicht mit Auskommenslosigkeit einher ging. Aristoteles etwa sah in der Lohnarbeit den größten Feind des Denkens. Die Höchste Befriedigung eines glückseligen Lebens stellte für ihn dagegen nur eines dar: Nichts tun; kontemplativ den Sternenhimmel betrachten oder schlicht nachzudenken als das dem Menschen größtmögliche Glück. Wer da durch laut sägenden und hämmernden Maschinenlärm des Nächtens gestört wird, preist dies kaum als Segen einer durch-“rationalisierten“ Gesellschaft.

Heutzutage darf man ja alles tun, nur nicht nichts. Es ist das seltsamerweise völlig akzeptierte Paradigma eines dogmatischen Pragmatismus, dass es besser sei alles falsch zu machen, als es gar nicht erst zu versuchen. Aber ist denn wirklich besser ein schlechter, dummer Präsident zu sein, als die Wahl gar nicht erst anzustreben? Kein Wunder, dass einer so verantwortungsloser Auffassung der Begriff „Demut“ abhanden gekommen ist, ja sogar als moralisch anstößig gilt, wie eben das Nichtstun selbst. Man mache sich das klar: In diesem Sinne waren etwa die meisten Philosophen, Kirchenväter, Poeten und Wissenschaftler vergangener Epochen höchst unmoralisch – Sie machten die meiste Zeit nichts. Sie gaben sich der Muße hin. Muße ist aber ein gänzlich anderer Begriff als unsere heutige Freizeit, die mit Freiheit so gut wie gar nichts mehr gemein hat, sondern nur mit Herstellung. Wiederherstellung der Arbeitskraft, Konsum des Erarbeiteten zwecks Schaffung neuer Nachfrage für Arbeit. Muße dagegen ist der kreative Freiraum, den sich ein Individuum selbst gibt und in höchstem Maße Selbstverwirklichung. Deshalb entfremdet ausartende Arbeit auch, weil sie uns der Muße beraubt. Sie artet aus, weil sie nicht mehr dazu da ist, ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern selbst als das angenehme Leben erscheint: Liebe deine Arbeit, mache sie zu deinem Leben. Wollen wir das wirklich?

Bevor sie diese Frage beantworten, führen sie sich bitte eines vor Augen. Sie werden sterben. Und die meisten von uns sterben zumindest nach eigener Einschätzung viel zu früh. Zeit ist der einzige Rohstoff, den jeder Mensch hat und es ist ebenfalls derjenige, an dem es uns Allen ermangelt. Und zwar existenziell. Arbeitszeit ist eben deshalb das wichtigste Gut im ganzen Wirtschaftsprozess – sie verleiht Produkten ihren eigentlichen Wert (leider nicht immer ihren Preis). Was ich kaufe oder bezahle, muss ich selbst nicht mehr Herstellen oder tun. Bei Dienstleistungen ist uns dies klar, aber auch Produkte sind letztlich nichts anderes als an einem Rohstoff materialisierte Arbeitszeit. Diese lässt sich auch recht leicht wieder zurück rechnen, jedenfalls für einen selbst. Überlegen sie sich vor ihrem nächsten Besuch im Reisebüro einfach mal nicht, wie viel Geld, sondern wie viel Arbeitszeit sie für ihren Flug erbringen müssen. Wie viele Tage ihres Lebens haben sie ihrem Auto geopfert, leben sie heute einmal nur für ihre neue Mikrowelle?
Die arbeitsteilige Gesellschaft hat uns eine derartig große Produktivität verliehen, dass wir mit relativ geringer Arbeitszeit unsere grundlegenden Bedürfnisse stillen können. Das ist tatsächlich ein Fortschritt. Wie lange würden sie brauchen, um eigenhändig ein Pfund Mehl herzustellen und wie schnell schaffen sie es dagegen, mit ihrem Stundenlohn ein Pfund Mehl aus dem Supermarkt bezahlen zu können? Doch dieser Fortschritt hat kaum zur Reduktion der individuellen Arbeitszeit geführt. Jedes Jahr steigt die Produktivität weiter, doch seit Jahrzehnten arbeitet man gemeinhin 8 Stunden täglich. Gleichzeitig sind Millionen gänzlich arbeitslos und müssen aus den 8 Stunden der arbeitenden Bevölkerung gegenfinanziert werden. Ja, es werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt, die ebenfalls aus ihren 8 Stunden Lebenszeit bezahlt werden, nur damit jene Arbeitslosen nicht zu viel Zeit mit sich allein haben. Und das ist es, was die eigentliche Perversion unserer Gesellschaft darstellt: Dass man zu viel Zeit für sich haben kann, angeblich. Muße? Fehlanzeige.

Wir erarbeiten uns zwar einen immer größeren Wohlstand, der macht uns aber erwiesenermaßen nicht glücklicher. Im Gegenteil, unser schlimmster Mangel wird uns nur noch deutlicher: Der Mangel an Zeit, Lebenszeit: Muße. Ob die uns glücklicher machen kann? Nehmen wir uns doch die Zeit, es heraus zu finden. Wir haben ja nur noch den Rest unseres Lebens. Oder zumindest die Zeit, in der wir arbeitslos sind.


Nov 12 2009

Bildungsstreik eskaliert!

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

So sieht also Aufruhr aus. Vor leeren Rängen malen hipp gekleidete junge Menschen mit Farbe an der Nase bunte Plakate mit witzigen Slogans darauf, die Marketingstrategen sich kaum besser hätten ausdenken können. Oder ist dieses friedselige Posieren vor der Pressekamera vielleicht nur eine Tarnung, um von illegalen Aktionen abzulenken und die Apparatschiks in Sicherheit zu wiegen? Nein, das ist schon alles und ernst gemeint. Wo Aufruhr so amüsant ist, kann jedenfalls die Revolution nur lachhaft sein. Live anzusehen war eine derartige Aktion auch in Münster. Das Audimax wurde besetzt. Vorne debattierten ein paar Menschen nach dem Konsensprinzip darüber, warum sie überhaupt da waren. Was wollte man denn überhaupt? Darüber sollte doch erst einmal Einigkeit herrschen. Nach Vorbild der „ständigen Revolution“, also des Deutschen Bundestages, wurden zuvorderst Arbeitsgruppen delegiert. Diese bemühten sich direkt vor der Webcam medienwirksam darum, eine möglichst gerechte Verteilung von Tabak, langen Blättchen und kleinen Pappstückchen herzustellen: „Hast du noch was da?“ – „Nä, nur Bier…“. Ernst nehmen muss man diese jungen, idealistischen Menschen, die darum kämpfen ein besseres Preis/Leistungsverhältnis für ihre Bildung offeriert zu bekommen. Jedenfalls solange sie noch da sind. Unter die paar Hundert Demonstranten in der Tagesschau haben sie es in Münster schließlich nicht geschafft – diese ebenso mutige wie entschlossene Infragestellung der Autorität wurde leider schon vorher durch einen Polizisten beendet: „Diese Veranstaltung ist aufgelöst. Der Saal ist zu räumen“ – „Dürfen wir vorher noch aufräumen?“ – „Geht klar.“ Mögen wir ihren heldenhaften Kampf, ihr Opfer für das Wohl der Gesellschaft niemals verleugnen. Niemals vergessen!


Sep 29 2009

Wählen wollen

Es kommen Zeiten, in denen der Mensch Dinge in Frage stellt, derer er sich doch Zeit seines Lebens sicher war. Diese Selbstschau ist wohl die wünschenswerteste Folge dessen, was man Krise nennt: Kritik nämlich. Es hat nun einiges gebraucht, grundlegende Kritik an Wirtschaft und Gesellschaft zurück in den redaktionellen Teil seriöser Zeitungen zu bringen. Wo jahrelang nur noch über etwaige Stil- und Verfahrensfehler diskutiert wurde, stellt man jetzt grundsätzlichere Fragen. Wollen wir so weiter machen? Können wir auch anders?
Das grundsätzliche „Nein!“ verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit, wo in kürzester Zeit über weiteste politische wie geographische Grenzen hinweg ein Finanzsystem zu retten versucht wurde, obgleich man in jüngerer Zeit jegliche Einflussmöglichkeit auf selbiges wo nicht für unerwünscht, da für unmöglich gehalten hatte. Nun also doch? Man kann es zumindest versuchen.
Man kann versuchen, den vorherigen Zustand zu erhalten, in dem man ihn den neuen Herausforderungen anpasst. Diese Vermittlung nennt man Reformpolitik. Einfach zu bewerkstelligen ist diese nicht. Noch dazu in einer Gesellschaft, deren Meinung von und Interesse für Politik derart gering ist. Wie soll man einer Bevölkerung vermitteln, dass sich Dinge ändern müssen, wenn selbst deren junge, kluge Köpfe nichts anderes mehr wollen, als einen Job? Und ihr Job sei es eben nicht, Verhältnisse zielgerichtet zu verändern. Recht haben sie damit. Das ist kein Job, es ist eine Berufung.
Aristoteles war Aristokrat. Bloßen Handwerkern sprach er die Eignung zur Politik ab, da sie ihr Tagwerk für derartige Belange zu sehr in Anspruch nähme. Sein Lehrer Platon war noch weiter gegangen. Er hatte den Berufspolitikern die Eignung zur Politik abgesprochen, denn diese würden Politik als einen Job betreiben. Sie seien Banausen, bloße Handwerker. Es bedürfe mehr, das Wohl des Staates zu befördern, als ein gewisses handwerkliches Können in Verwaltungsfragen, verquickt mit einem Sinn für Populismus.
Dass Politik im wahrsten Sinne begeistert sein kann und begeisternd, scheint heute Großteilen der Bevölkerung fremd und allein die Vorstellung dessen eher bedrohlich. Was wir von unseren Politikern erwarten ist nichts weiter, als dass sie ihren Job machen. Detailfragen sind uns dabei gemeinhin egal, sofern es nur gut ausschaut. Vor allem für uns persönlich, ganz pragmatisch gesehen. Jegliche Richtungsdiskussion ist unerwünscht. Nachhaltige, gesamtgesellschaftlich ausgerichtete Reformpolitik muss dann unbequem, deshalb unpolpulär sein. Doch wird Gesellschaft so dauerhaft funktionieren? Man kann niemandem Visions- und Phantasielosigkeit vorwerfen, dem man genau das abverlangt. Verstehen sie mich nicht falsch – weder fordere ich, die Politik zu reromantisieren noch deren Professionalisierung rückgängig zu machen. Dennoch glaube ich, dass Politik mehr ist, als bloßes Staatsingeneurwesen und die viel gelobte neue Nüchternheit. Und man wird Krisen wie jene dieser Tage mit einer Feuerwehrpolitik nicht bewältigen, geschweige denn verhindern können. Wo nicht Visionen, braucht es doch zumindest Vorstellungskraft, ganz pragmatisch gesehen.
Wir können doch auch anders. Wir können plötzlich darüber nachdenken, Banken globalen Regelwerken zu unterwerfen. Dabei war global schon ein Synonym geworden für die vermeintlich einzige Regel – die des Marktes. Sie schien gleichzeitig Ursprung und Ziel aller politischen Entwicklungen der Moderne zu sein. Der Motor von Entwicklung und Fortschritt und deshalb Garant der Freiheit und Demokratie. Jeder Versuch, diese Maschinerie unter Kontrolle zu bekommen, erschien als Anachronismus aus Zeiten der großen ideologischen Systeme. Nicht nur in Amerika galten Vertreter eines “starken Staates” als verdächtig sozialistisch.
Nun aber geht Manchem wieder auf, dass auch die Regeln des Marktes ein Regelwerk sind. Milliardenfach geschaffen, jeden Tag, von Menschen, die nichts weiter tun, als ihren Job - ob mit Keyboard, Sichel oder bloßen Händen. Wie der Gesellschaftsvertrag eine Idee, ist die Marktwirtschaft ein Konstrukt und nicht ohne Baumeister. Politik, Wirtschaftsunternehmen und jeder einzelne Mensch, der an diesem Prozess beteiligt ist, drückt ihm seinen Stempel auf. Auch du hast Einflussmöglichkeit. Wer reproduziert, der kann auch auch variieren, nachhaltig.
Man kann schon. Die Frage ist nur, wie lange die neuerliche Nachdenklichkeit in grundsätzlichen Fragen vorhalten mag. Kaum glaubt man die Talsole der Wirtschaftskrise erreicht zu haben, kehrt man wieder ab von der Umkehr. Der eigene Job scheint nicht mehr in akuter Gefahr und damit schwindet jede Motivation, sich für Veränderung einzusetzen. Selbst der Wahlkampf beschränkt sich auf den Streit darüber, ob man denn überhaupt streitet. Warum sollte man auch - ist man sich ja im Prinzip einig, was sich ändern soll: Wenig, damit alles wird, wie es war. Und so fordert auch jeder öffentliche Protest bei Studenten wie Metallarbeitern, die Rückkehr des Vorherigen. Reformieren soll man das Andere, damit das Eigene bleibt. So versucht jeder seinen Einfluss zu nutzen, seinen Einflussbereich vor Veränderung zu schützen. Dem passt sich populäre Politik an, ein schlechter Nährboden für fruchtbare Debatten. Wo ließen sich auch Dinge anstoßen, wenn das allgemeine Heilsversprechen lautet: Stillstand.
Vielleicht ist dies aber auch ein gutes Zeichen. Denn es gibt Zeiten, in denen der Mensch kaum in Frage stellt, was er Zeit seines Lebens für sicher glaubte. Wie Kritik das Produkt der Krise ist, entspringt dieses Einverständnis mit dem Gegebenen möglicherweise der Stabilität des Wohlstandes. Entweder also ist die Krise nicht so schlimm, wie gedacht, oder es wird bloß nicht darüber nachgedacht. Vielleicht ist es ein wenig von Beidem. Wo man glaubt seinen Zenit erreicht zu haben, kann alles neue nur Angst machen.
Um nun reflektiert zu handeln, müsste man sich schon berufen fühlen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Nicht allein Politik müsste abrücken von einer öffentlichen Debatte, in der Änderung immer nur mit Verlustängsten und Verteilungskämpfen gleichgesetzt wird. Und diese Diskussion kann man nicht bloß Berufspolitikern überlassen. Man sollte endlich die Chance ergreifen, die eigenen Gestalungsmöglichkeiten für wahr zu nehmen. Frage man nicht immer nur, was man hätte tun können. Fragen wir endlich, was wir tun wollen. Handeln wir danach.

Vorliegender Essay war Beitrag zum Wettbewerb der “Zeit”, schied jedoch bereits in der Vorrunde aus - was mich jedoch nicht davon abhält, ihnen dennoch damit unter die Augen zu treten, werte Lesende. Dafür bitte ich vielmals um Entschuldigung.


Sep 28 2009

Volonté de tous

Jedes Land bekommt die Regierung, die es verdient. So wird ein Land mit größeren und schneller anwachsenden sozialen Unterschieden, als es sie selbst in den USA gibt; ein Land dessen Kinder vor ihre Zeugung bereits in ihren Bildungschancen determiniert sind und in dem es seit über einem Jahrzehnt ob mit oder ohne Wirtschaftswachstum keine Lohnerhöhungen gibt – dieses Land wird in Zukunft von einer Schwarz/Gelben Koalition regiert, deren Rekord FDP vor allem damit punkten konnte, neben dem Spitzensteuersatz auch die Steuerfreibeträge zu senken. Leiden sie auch so unter dem Spitzensteuersatz? Dann scheint es zumindest ihnen ja noch recht gut zu gehen. Beten sie nur dafür, niemals auf den Sozialstaat angewiesen zu sein. Oder nach seinem Versagen die marodierenden Horden verarmten Lumpenproletariats zumindest mit privaten Sicherheitsdiensten außerhalb der Mauern ihrer Residenz halten zu können. Der Kollaps lässt sich eigentlich nur recht bald herbei wünschen, denn so hat man wenigstens noch nicht sein ganzes Leben in irgendwelche Versicherungen eingezahlt, die es dann nicht mehr gibt. Good bye Erhard. Semper fidelis, Weltgeist.


Jul 22 2009

Beziehungsweise

Was ist eigentlich eine Beziehung? Was ist das Wesen einer Beziehung? Ist es Kooperation? Das nicht mehr ohne einander Auskommen? Augenscheinlich könnte es das sein, wo doch beim Zusammenbruch vieler Beziehungen offen zutage tritt, dass zumindest ein Beteiligter nicht mehr ohne den anderen auskommt. Aber ohne was kommt er nicht mehr aus und was ist daran eigentlich so schmerzhaft? Wohl nicht das Fehlen einer Person. Oft ist jene doch sogar noch da, wenn auch nicht für einen. Nicht die Person ist es, deren Verlust so schmerzhaft ist, sondern was sie für einen bedeutet hat. Was man ihr zuerkannt hat und wovon man glaubte, dass sie einem das gleiche zuerkennt. Dem ist plötzlich nicht mehr so. Wie unfair.
Eine Beziehung, egal welcher Natur, besteht wesentlich in gegenseitiger Anerkennung. Diese fremde Wertschätzung der eigenen Person benötigt jeder. Je intensiver die Beziehung, d.h. je größer der Wert, den man der Anerkennung einer Person beimisst, umso wirkmächtiger wird der Einfluss dieser Anerkennung auf das eigene Wohlbefinden. Wähnt man sich ihrer sicher, was für eine Euphorie und Selbstsicherheit gibt sie einem. Zweifelt man, kann einen dann überhaupt noch etwas sicher machen, jemals Selbstwert besessen zu haben? Anerkennung ist Segen, ist Fluch zugleich – eben Wesen dessen, was man Beziehung nennt. In der Übersetzung des alten Testaments ist sie Synonym für den Schlussstein von dem, was man heute unter Beziehung versteht: „Und er erkannte sie an“, danach folgt bereits die Auflistung der Nachkommenschaft.
Beziehung also ist gegenseitige Anerkennung. Das ist fair. Und besser noch. Von Liebe jedoch soll hier noch nicht die Rede sein. Liebe heißt, sich vor dem Pinkeln die Hände zu waschen – modern gesprochen.


Jun 30 2009

Was tun? - Münster und der Bildungsstreik im Juni 2009

Vor dem altehrwürdigen Münsteraner Dom steht ein hölzernes Rednerpult. Dahinter ein Mann mit grauen Haaren und einigen Zetteln in der Hand. Er ließt ab, beschreibt den Unterschied zwischen der Erklärung natürlicher Ereignisse und dem Verstehen menschlicher Handlungen. Wenn ein Apfel fällt, zum Beispiel, dann ist dies ein Ereignis und keine Handlung. Es lässt sich genau voraussagen wo er auftrifft und ebenso präzise bestimmen, wann er seinen Halt verlor. Es geht um Willensfreiheit. Wo etwas nicht auch hätte anders sein können, kann es keine freie Entscheidung gegeben haben. Freiheit braucht Modalität. Physikalisch ist dies nicht zu erfassen, denn die Physik kennt keine Modalität. Sie kennt nur Tatsachen. Und auch ihre Betrachtung der Zeit ist nicht modal sondern dimensional. Ein Zeitstrahl, zum Zeitpunkt t: 0 ist herrscht ein bestimmter Zustand und es kann nicht anders sein, als es ist.

Alles ist doch eine Frage der Skalierung, auch bei der Beurteilung von Menschen. Welche Zeitabschnitte sind relevant, um ein Ereignis zu erklären, oder gar eine Mentalität? Gibt es überhaupt noch eine Berechtigung, Menschen als zusammengehörige Gruppe zu beschreiben, nur weil ihr Geburtsdatum nicht weiter als gut ein Jahrzehnt auseinander liegt? Es scheint doch weit wichtigere Faktoren der Vorsehung zu geben, die unser Leben voraus bestimmen. Die OECD hat in Studien einerseits herausgestellt, dass weniger die Generation, als vielmehr der Status der Eltern die Ausformung des Lebens vorausbestimmen. Andererseits zeigte sie, dass soziale Unterschichten heute kaum mehr Berührungspunkte mit höheren Schichten teilen. „Abkoppelung“ ist der schöne Fachbegriff dazu. Was ließe sich also noch im Allgemeinen sagen zu den Menschen, die ich als meine Generation bezeichnen müsste? Was hat uns zu dem gemacht, was wir sind - was sind wir? Ich denke dabei kaum an die Vergangenheit, denn es gibt keine Mondlandung, keinen Mauerfall, der sich mir als entscheidend ins Gedächtnis geprägt hätte, persönliche Ereignisse sind es vielmehr. Massenwirkung kann ich keinem zuschreiben. Und massive Wirkung kann ich auch nichts von dem zuschreiben, was man heute im Allgemeinen mit meiner Generation verbindet. Mit der Musik, die wir angeblich hören. Den Erkennungszeichen, die wir mit uns führen. Gibt es solche überhaupt? Die Mode schlägt sie vor. Der Markt palettiert sich nach den aktuellen Kultursparten und absorbiert selbst jene Strömungen, die ihm feindselig gegenüber stehen. Aber das ist nicht neu, einen Grammy für alternative Musik gibt es bald 20 Jahre.

Im WDR5 spricht eine Münsteraner Studentenvertreterin für den Bildungsstreik. Sie sehe sich selbst in erster Linie als Kundin, so sagt sie, die viel Geld für die Bildung ausgebe und deswegen vor allem einen besseren Service erwarte. Damit bringt sie das Bildungsverständnis vieler ihrer Kommilitonen auf den Punkt. Solch Argumentation versucht nicht einmal ein übergreifendes Anliegen zu suggerieren. Sie streikt für ein Preis/Leistungsverhältnis das noch mehr zu ihren Gunsten geht, sie betreibt Lobbyarbeit in eigener Sache. Das ist es vielleicht, was abseits der multimedialen Protestformen neu ist. Der Glaube, das Vertrauen in Nichts außer in den Markt und die Selbstvermarktung. In den Kunden, der einem sagt was man tun soll und dem Kundigen, der einem sagt, wie man das hinbekommt. Hierin erschöpfen sich Hoffnung, Glaube und Gewissen. Wie die Werbung eines Schweitzer Finanzdienstleisters verspricht: „Wir fühlen uns einzig unseren Kunden verpflichtet“ – weder Staat noch Gott. Und dieses Selbstverständnis entfaltet sich überall.

In einem Seminarraum der Politikwissenschaft sitzen Studenten, zum Großteil Frauen, aber das ist hier nichts Ungewöhnliches. Die Referentinnen des katholischen Hilfswerkes Misereor erläutern die Entwicklungsarbeit ihrer Organisation am Beispiel Afrika. Sie beginnen den Vortrag damit uns mitzuteilen, wie sehr sie sich über die große Anzahl an Teilnehmern auch aus anderen Fakultäten freuen. Sie hatten zuerst erwartet, überhaupt niemanden hier anzutreffen – es sei ja Streik. Die Organisation und Arbeitsweise der Entwicklungshilfe werden von den dennoch Anwesenden interessiert zur Kenntnis genommen. Schließlich stellt jemand die Frage, wie die Referentinnen zur aktuellen Debatte um den Nutzen der Entwicklungshilfe überhaupt stehen würden. Ein Teilnehmer meldet sich mehrfach mit seiner Einschätzung zu Wort, dass man es in Krisengebieten nur zu genug Elend und damit Zorn kommen lassen müsse, so dass die Menschen schließlich aufbegehren und die Situation eigenhändig verbessern. Dabei würde es sicher auch zu Blutvergießen kommen, aber das sei nun mal der Lauf der Geschichte und legitim, wenn es denn zu Verbesserung führe. Er selbst könne das einschätzen, sagt er, denn er sei Afrikaner, selbst wenn er nicht so aussehe. Die Referintin antwortet: Zorn, Eigeninitiative, das seien in jedem Fall wichtige Faktoren. Es werden Flyer zum weiteren Programm der Fakultät gereicht. Ein Diskussionsabend mit Buffet und Filmvorführung, zur späten Stunde folgt „Powerpointfreestyle anschließend Dancefloor“ – Die lange Nacht der Bildung.

Ein befreundeter Master der Politikwissenschaften, der mich regelmäßig zu Landesdelegiertentagen der Grünen einlädt, erwidert auf meine Nachricht, ich schriebe gerade einen Artikel zum Bildungsstreik erst einmal die Frage, von welchem Streik ich denn spreche. Reaktion: „Interessiert keinen, sag ich dir jetzt mal so auf den Kopp.“ Und in der Tat behält die kleine Blondine, die vor dem Dom die Menschen anspricht und ihnen grüne Zettel hinhält, während da ein Professor über Willensfreiheit doziert, die meisten Flyer zurück. So recht kann niemand etwas damit anfangen, obschon das Wort Bildung in fetten Lettern zu lesen wäre. Doch geht es hier kaum um Bildung, als vielmehr um Ausbildung. Für die Rechte von Auszubildenden und Berufsanfängern würden in Deutschland wohl kaum Streikwellen das Land überschwemmen. Kann einen solch müder Protest überhaupt interessieren? Seit Wochen liegen meine Notizen dazu nun schon auf dem Schreibtisch ohne dass mir irgendeine Motivation gekommen wäre, mich mit der Beendigung dieses Artikels zu beeilen. Nur den Schlusssatz habe ich mir irgendwann dazu geschrieben, dass wer streiken wolle, wohl erst einmal arbeiten müsse.

Es ist Mittwochmorgen, der Dom zeigt fünf vor zehn. Vor der Uni stehen kleine Grüppchen, reden und rauchen. Die Parkplätze sind voll, die Fahrradständer belegt – so wie die Hörsäle. Nichts erscheint verdächtig. Auf dem nahegelegenen Domplatz ist Markt, wie jeden Mittwoch. Die Älteren und Alten kaufen frisches Gemüse und Schnittblumen. Im Hintergrund kann man ein leises Sirren hören. Eine Straße weiter demonstrieren Studenten und Schüler mit Plakaten und Trillerpfeifen. Schulmädchen in pastellfarbenen Sommerkleidern schwenken eine Fahne, während ihr Lehrer ihnen den Ablauf des Umzuges erklärt. Weiter abseits steht ein grüner Polizeitransporter, an dem ein Polizist lehnt und lächelt. Seine Kollegen auf den Sitzen dösen unter der Sonne. Links und rechts der Demonstranten flanieren Leute auf Einkaufsbummel durch Schmuckgeschäfte und Boutiquen. So viele Schüler laufen herum, dass man ein schlechtes Gewissen hat, sich eine Zigarette anzuzünden. Alles in allem bietet der Münsteraner Prinzipalmarkt mit seinem Kalksandstein eine gute Lärmdämmung und einzig der Straßenakkordeonist ist in die Seitengasse vor das Kaffee Kleimann gezogen, wo ihn eher der geschäftige Lärm der Kaffeehausbesucher übertönt, als jener Protest. An der Spitze des Demonstrationszuges stehen einige Fahrzeuge des Roten Kreuzes und sammeln Blutspenden. Viele Schüler bleiben stehen und lesen das Infomaterial, während andere sich gegenseitig und die historische Altstadt fotografieren. Aus den Lautsprechern der Demonstrationsleitung dringt eine dumpfe Baseline. Währenddessen ist vor dem Universitätsschloss bereits eine Bühne aufgebaut, auf der eine Ska-Band probt. Sie erwarten die tausende Zuhörer, die sich ihnen mit großer Verspätung entgegen schieben. Doch noch lange bevor der Zug eintrifft, stehe ich zum ersten Mal seit Jahren vor dem Studierendensekretariat im Schloss und denke darüber nach, mich zu exmatrikulieren.


Mai 18 2009

Moderne Mythen. Heute: Leistung muss sich wieder lohnen.

„Leistung muss sich wieder lohnen“, klingt doch eigentlich ganz gut. Schließlich leisten wir alle unsern Beitrag, jeden Tag. Dementsprechend kann niemand ernsthaft dagegen sein, dass wir Leistungsträger endlich entlastet werden. Aber auf wessen Kosten kann man uns überhaupt entlasten? Die Antwort ist klar: Auf Kosten der Leistungsempfänger. Diejenigen, die ohne irgendeine Leistung zu erbringen in den Tag hinein Leben und das nicht allzu schlecht. Davon gibt es zwar immer weniger, aber bei denen ist glücklicherweise immer mehr zu holen. Denn kaum jemand, der heute noch viel mehr Einkommen als seine Mitmenschen hat, bezieht dies maßgeblich aus eigener Hände Arbeit. Er wäre ja auch schön blöd, denn obwohl der sog. progressive Steuersatz Spitzeneinkommen prozentual wesentlich geringer besteuert als kleinere und mittlere Einkommen, ist die Einkommenssteuer auf Arbeitseinkünfte immer noch wesentlich höher, als auf Kapitaleinkünfte und Aktiengewinne. Am lohnenswertesten ist also nicht Leistung, sondern Transferleistung und zwar diejenige, die „Arbeitnehmer“ erbringen und „Arbeitgeber“ erzwingen. Leistung zu erbringen lohnt sich nicht, hat sich auch noch nie gelohnt (s.a. Mehrwert). Deswegen ist fraglich, worauf “muss sich wieder lohnen” überhaupt verweist. Bundesrepublikanische Politik jedenfalls kann damit nicht gemeint sein. Warum nun also gerade “CDU” und “FDP” mit genanntem Slogan für sich werben, lässt Zweifel aufkommen. Auch, da Ihre Zielgruppe keinesfalls dem Segment der Leistungsträger entstammt. Dass sich Leistung nicht lohnt und nie gelohnt hat, liegt nämlich nicht zuletzt an ihrer langjährigen Tradition der Politik für Transferleistungsempfänger. Es verbleiben also zwei Möglichkeiten der Deutung: Entweder genannte Parteien wollen endlich zu “Volksparteien” werden oder ihr Verwendung des Wortes “Leistung” ist das, was man seit Freud einfach “Fehlleistung” nennt.