Die bürgerliche Gesellschaft, § 240

Wir leben in einem Land, in dem man während einer globalen Pandemie trotzdem in den Urlaub fahren oder fliegen kann, selbst in Gebiete, die als Risikogebiete eingestuft sind. Niemand hindert einen an der Ausreise. Wenn man dann von seinem fahrlässig oder mutwillig sich und andere gefährdenden Erholungstrip zurückkommt, bekommt man zur Strafe: Einen kostenlosen Seuchentest, 1-2 Wochen zusätzlichen bezahlten Urlaub (wird nicht vom normalem Arbeitsurlaub abgezogen) und Unterstützung für den Fall, dass kein Freund oder Angehöriger für einen in den 1-2 Wochen Einkäufe erledigen kann.

Und trotzdem haben wir zigtausende Leute, die gegen die uns angeblich unterdrückende „Diktatur“, welche einen unter dem „Vorwand“ von Seuchenschutz gängelt und drangsaliert, gewaltsam demonstrieren…. während sie die Fahnen von Diktaturen und Monarchien schwenken.

Als ich 1997 meine erste AOL-Super-Flatrate-CD in meinen Computer schob, das Modem anschloss und sich auf dem 15 Zoll Monitor langsam, Zeile für Zeile die wunderbar bunte Welt des Internets auftat, hätte ich nicht gedacht, dass der günstige und dauerhafte Zugang zu Kommunikation und sämtlichen Informationen der Welt in knapp 25 Jahren zu Zuständen wie in all diesen dystopischen Actionfilmen führen würde, die ich damals wie heute so gerne angucke.

Snake Plissken, bald brauchen wir dich.

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Condé, Corona, Berlin

Achthunderttausend zogen durch Berlin, sagen die, die dabei waren. Dass andere nur 14000 gezählt haben, zählt nicht, das sei nur eine Meinung, sagen sie. Meinungsfreiheit sei wichtig, sagen sie und wer nicht ihrer Meinung ist, den beschimpfen oder verprügeln sie.  Durch das Brandenburger Tor liefen sie unter den Linden an Friedrich dem Großen vorbei. Der sitzt dort auf Condé, seinem liebsten Wallach, und schaut. Unter der Kehrseite des Fliegenschimmels steht Immanuel Kant und diskutiert mit Lessing. Vermutlich streiten sie darüber, was schlimmer ist: Seit über 150 Jahren unter dem bedrohlich aufschwänzelndem Arsch eines Pferdes zu stehen, oder der Anblick der ganzen Idioten, die in all dieser Zeit dort vorbeimarschiert sind. Dass diese immer noch genau so dumme Parolen rufen, obwohl jeder von ihnen mittlerweile das Wissen der Welt in der Tasche hätte, um sie mal eben nachzuprüfen, lässt die beiden Gelehrten einander vermutlich so Einiges über selbstverschuldete Unmündigkeit, Aufklärung und ihre Imperative an den Kopf werfen. Da möchte man gerne einmal Mäuschen spielen.

 

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Der Idiot

Der Idiot trifft schlechte Entscheidungen und fällt falsche Urteile. Da er ein Idiot ist, hält er sie für die guten und richtigen. Nur wer kein Idiot ist, erkennt die Idiotie darin. Unterhalten sich nun Idiot und Nicht-Idiot, müssen sie sich gegenseitig für Idioten halten. Der eine den anderen, weil er ein Idiot ist, der andere eben jenen, weil er kein Idiot ist. Beide beklagen sich anschließend aufrichtig, dass sie es nur mit Idioten zu tun haben.

Trifft eine Gruppe eine Mehrheitsentscheidung, beruht diese nicht nur auf besseren Argumenten, sondern auch auf der Zusammensetzung der Gruppe. Besteht die Gruppe vornehmlich aus Idioten, wird die Mehrheitsentscheidung idiotisch sein. Besteht die Gruppe nur teilweise aus Idioten, aber die Nicht-Idioten sind sich über die besseren Argumente uneins, wird die Mehrheitsentscheidung tendenziell idiotisch. Und alle halten anschließend alle anderen für die Idioten, die mit ihren idiotischen Argumenten für den idiotischen Kompromiss verantwortlich zu machen seien.

Dem Idioten fehlt die Kompetenz, seine eigene Idiotie zu erkennen. Dem Nicht-Idioten fehlt die Möglichkeit, den Idioten von seiner Idiotie zu überzeugen. Für die Idiotie innerhalb einer Gruppe gibt es also eine kritische Masse. Ist diese erreicht, ist die Qualität von Argumenten nachrangig und die Mehrheit der Entscheidungen, die eine Gesellschaft trifft, wird idiotisch sein.

Hält man die Mehrheitsentscheidungen einer Gesellschaft für zunehmend idiotisch, liegt das entweder daran, dass man kein Idiot ist und die Gesellschaft immer idiotischer wird  – oder aber an der eigenen Idiotie und immer weniger idiotischen Entscheidungen der Gesellschaft. Einen verlässlichen Gradmesser dafür, wie die Idiotenverteilung innerhalb der Gesellschaft wirklich ist und ob man zu ihnen gehört, gibt es für das einzelne Individuum nicht.

Bis der Kompromiss der Mehrheit plötzlich lautet: Wir machen den wirklich größten Idioten von allen zu unserem Präsidenten.

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Kritik

Es gibt genau zwei Arten von Leuten: Die eine sieht jemanden einen Zug versäumen und freut sich darüber, die andere sieht jemanden einen Zug versäumen und wird melancholisch. Beide Arten schreiben Texte. Keiner dieser Texte ist es wert, seine Zeit damit zu vergeuden. Weder beim Lesen, noch beim Schreiben. Sie alle sind trivial.

Langsam komme ich in ein Alter, in dem ich mich nicht mehr mit Dingen beschäftigen möchte, die mir trivial erscheinen. Langsam bin ich in einem Alter, in dem mich Literatur nervt. Je länger ein Text ist, desto langsamer ist er. Je langsamer etwas ist, desto schlimmer nervt es.

Der eine Teil der Leute sieht jemanden einen Zug versäumen und freut sich darüber. Der andere Teil sieht jemanden einen Zug versäumen und wird melancholisch. Texte schreiben beide Teile, doch keiner davon ist es Wert, seine Zeit damit zu vergeuden.  Sie alle sind trivial und wiederholen sich ständig. Unverschämte nennen das Refrain.

Wer schon einmal einen Text geschrieben hat, der lernt ihn als Produkt einer Arbeit kennen: Man versucht etwas, man scheitert; man versucht etwas anderes und glaubt, es funktioniere. Der Glaube an die Funktion verleitet einen dazu, nichts neues mehr zu versuchen und gleichförmig weiter zu produzieren. Das nennt man ganz unverschämt Literaturbetrieb;

Der eine Teil der Leute kauft ein Buch und stellt es sich ins Regal, zwei Arten von Leuten freuen sich darüber. Ich kann Ihnen nur sagen: Lesen Sie nichts, das ein Preisschild trägt und geben Sie niemandem Geld, der Texte schreibt, wie melancholisch sie auch sein mögen. Denn das wird ihn nicht davon abhalten. Das hat es noch nie.

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Bürgerharnisch

Ob wir vornehm Schlips und Kragen,
Nieten oder Kopftuch tragen,
flache Stiefel oder Schuh’;
Ob wir Andachtsmessen lesen,
Oder stehen hinterm Tresen –
Das tut nichts, tut nichts dazu.

Ob wir Paragraphen reiten,
Oder Unternehmen leiten
ihren Umsatzzielen zu;
Ob uns vorne Orden schmücken,
Oder Ordres hinten drücken –
Das tut nichts, tut nichts dazu.

Aber, ob wir Neues bauen,
Oder Altes nur verdauen
Wie das Gras verdaut die Kuh –
Ob wir für die Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen –
Das tut was dazu.

Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Dass es brennt im Nu;
Oder ob wir schläfrig denken:
Man(n) wird’s uns im Schlafe schenken –
Das tut was, tut was dazu.

Drum ihr Schwestern, drum ihr Brüder,
Bürger, eines Bundes Glieder,
Alles was ein Mensch nur tu’ –
Alle, die dies Lied gesungen
So die Alten wie die Jungen –
Tun wir denn dazu.

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