Nov 12 2009

Bildungsstreik eskaliert!

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

Marburger Studenten proben den Aufstand (Quelle: tagesschau.de)

So sieht also Aufruhr aus. Vor leeren Rängen malen hipp gekleidete junge Menschen mit Farbe an der Nase bunte Plakate mit witzigen Slogans darauf, die Marketingstrategen sich kaum besser hätten ausdenken können. Oder ist dieses friedselige Posieren vor der Pressekamera vielleicht nur eine Tarnung, um von illegalen Aktionen abzulenken und die Apparatschiks in Sicherheit zu wiegen? Nein, das ist schon alles und ernst gemeint. Wo Aufruhr so amüsant ist, kann jedenfalls die Revolution nur lachhaft sein. Live anzusehen war eine derartige Aktion auch in Münster. Das Audimax wurde besetzt. Vorne debattierten ein paar Menschen nach dem Konsensprinzip darüber, warum sie überhaupt da waren. Was wollte man denn überhaupt? Darüber sollte doch erst einmal Einigkeit herrschen. Nach Vorbild der „ständigen Revolution“, also des Deutschen Bundestages, wurden zuvorderst Arbeitsgruppen delegiert. Diese bemühten sich direkt vor der Webcam medienwirksam darum, eine möglichst gerechte Verteilung von Tabak, langen Blättchen und kleinen Pappstückchen herzustellen: „Hast du noch was da?“ – „Nä, nur Bier…“. Ernst nehmen muss man diese jungen, idealistischen Menschen, die darum kämpfen ein besseres Preis/Leistungsverhältnis für ihre Bildung offeriert zu bekommen. Jedenfalls solange sie noch da sind. Unter die paar Hundert Demonstranten in der Tagesschau haben sie es in Münster schließlich nicht geschafft – diese ebenso mutige wie entschlossene Infragestellung der Autorität wurde leider schon vorher durch einen Polizisten beendet: „Diese Veranstaltung ist aufgelöst. Der Saal ist zu räumen“ – „Dürfen wir vorher noch aufräumen?“ – „Geht klar.“ Mögen wir ihren heldenhaften Kampf, ihr Opfer für das Wohl der Gesellschaft niemals verleugnen. Niemals vergessen!


Okt 27 2009

Schließlich

Da, ein Wort, zeigt an den Mann. Er steht allein. Und neben ihm die Welt ist nichts, was nach dem Koitus zusammen hält. Wenn er selbst noch daran glaubt, ist es ein Wille bloß, der bald zerfällt. Er trinkt und Schluck für Schluck verliert sich allbeflissene Verlorenheit. Am Ende sitzt er neben, ja unter jenen Menschen, die von Fußball viel verstehen.
Armes Lastentier Selbstmitleid, wirst du geschunden dieser Tage. Den Durst stillt keiner meiner klugen Sprüche, der Abend endet nicht, bevor das Elend ausgeschwiegen ist und weggeschwemmt. Prophetie erscheint doch immer nur als Selbstexzess.
Heut Nacht schlaf ich am Boden.
Vor kurzem schrieb ich jemandem: Wenn dich ich nicht hätte, was sollte mir dann überhaupt noch einen Anlass geben, morgens aufzustehen. Dieser Satz ist falsch. Menschen eignen sich doch nicht dazu, sein Wollen ihnen anzuheften. Auch braucht es keinen Anlass, aufzustehen. Man macht es sowieso. Zwangsläufig wacht man auf, selbst wenn man weder Sinn noch Lustgewinn mehr darin sieht, etwas zu tun. Ja, mittlerweile liegt mir nichts am Schreiben, denn Leben findet sich schon lang nicht mehr darin. Es überrascht mich demnach negativ, dass es trotzdem noch jemand liest. Ich würde das nicht tun - tue eh nicht viel noch. Es gibt nicht eine Aussicht oder Handlung, die mir irgendwie verheißungsvoll erschiene. Kein Datum, das es abzuwarten gilt. Keinen Menschen mehr, auf den ich hoffte. Das ist der Weisheit letzter Schluss.


Jul 25 2009

In eigener Sache

In den Augen meiner Mitbewohnerin bin ich ein Bauer, denn ich wuchs in einem Dorf auf. Dort gab es Bauern, eine handvoll, deren Erkennungszeichen karierte Hemden in umgürteten Jeanshosen waren. Ich habe niemals Hemden unter Gürteln in Jeanshosen getragen. Dennoch hat mich mein Umfeld geprägt. Ich wollte dort weg.
Meine Sozialisation ereignete sich dementsprechend in der nächstgrößeren Kleinstadt. Ich bin meinen Eltern noch heute zutiefst dankbar, mich dort auf eine konfessionelle Schule geschickt und mir somit die Eingliederung der Gemeindegesamtschule erspart zu haben. Anders als an dieser waren in jenem Hort des Katholizismus nicht nur die Schüler weitaus vielschichtiger: Sie soffen nicht bloß, sie hörten auch Musik. Und gleichwelches Geschlecht, es gab unterschiedliche Frisuren.
Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich nach eher schleppendem Auftakt irgendwann recht gut in der Schule. Es war wohl zu der Zeit, in der die meisten Menschen aufgrund ihres hormonellen Haushaltes zumindest hinsichtlich ihrer schulischen Leistung einknicken und dabei Leute wie mich weitaus intelligenter aussehen lassen – der Benotung nach Klassenschnitt sei dank. Frauen brachten mir nie etwas anderes als Frust. Und wer hier liest, der weiß, dass Frust einer der wenigen Motivatoren in meinem Leben ist.
Doch man mag es kaum glauben, die ganze Mittelstufe hindurch war ich der Klassenclown. Mein Hang zur Ironie verfärbte sich erst später ins Tiefschwarze. Ich selbst kann es nicht mehr glauben, aber zu jener Zeit gehörten kanariegelbe Hemden und Shorts mit riesigen Sonnenblumen darauf durchaus zu meiner Garderobe. Dabei blieb es jedoch nicht. Gott sei dank.
Nach meinem Abschluss wechselte ich von der konfessionellen Schule an eine Klosterschule. Dort sammelte ich die wohl seltsamsten und prägenden Eindrücke meines Lebens: Ich traf die ersten Hippies, erhielt meine erste Eins in Religion bei jenem Lehrer, der Marienbildnisse als „Wichsvorlagen für Zölibatäre“ bezeichnete und trug zum letzten Mal Kleidung, die mehr als zwei Farben aufwies. Ein geistig fruchtbares Umfeld - es gab sogar Philosophieunterricht.
Wenn ich heute das Wort “Politeia” lese, muss ich immer an jene Kleinstadt zurückdenken, deren Größe wohl mit der des antiken Athens vergleichbar ist. Und ebenso vergleichbar war die soziale Struktur: Ab einer gewissen Ebene kannte man sich. An jener Schule trafen sich der Sohn des Bürgermeisters, des größten Bauunternehmers und auch des Zahnarztes mit dem kleinen Stadtschlösschen. Nur Sklaven gab es nicht und anders als unter den Geistesgrößen der platonischen Akademie war hier die Lohnarbeit nicht als Gedankentod verschrien. Schließlich wurde man von Lohnarbeitern unterrichtet, von den paar Mönchen einmal abgesehen. Genau wie in Athen jedenfalls, reisten die Schüler mit größeren Karossen an und ab als ihre Lehrer.
Heute frage ich mich manchmal, in welcher Weise mich meine Jugend zu dem gemacht hat, was ich bin. Obschon ich viele grundlegende Gedanken und Ansichten schon mein ganzes Leben zu haben glaube, sollte man sich doch nicht zu leichtgläubig dem eigenen Storytelling hingeben. Hat man nicht schon oft genug den Satz gehört, Prioritäten würden sich ändern? Meiner Erfahrung nach sind es jedoch eher Entschuldigungen, die sich ändern. Prioritäten (z.b. „Ich“ oder „Wir“) bleiben sich meist gleich.
Was die Persönlichkeit prägt sind deshalb vielleicht auch nicht jene Dinge, die man macht. Eher, was man unterlässt. Logisch gesehen, ist das nur Haarspalterei, aber Logik ist nicht alles. Das war leider erst eine meiner späteren Erkenntnisse im Umgang mit Menschen.


Jul 7 2009

Dinge des Lebens

Abb.1

Wenn sie sich fragen sollten, wieso hier mal wieder solch langanhaltende Stille eingekehrt ist, so seien Sie, werte Leser, beruhigt. Alles hat seinen Grund - bis auf das Fass, dass man Leben nennt. Mich beutelt’s momentan an allen Fronten und dementsprechend gerät man als schon von Natur aus weinerlicher Gonzosoph schnell einmal ins Taumeln (Abb.1). Hinzu kommen dann auch noch reale Katastrophen, die einem selbst im sonst so vertrauten, heimischen Wohnraum drohen. Nun hat man mich des öfters gewarnt, mir werde irgendwann einmal die Decke auf den Kopf fallen (Abb.2), geglaubt habe ich das bis dato nicht. Dass jedoch meine Wohnsituation prekär ist, hat mir dieser Vorfall einprägsam gemacht und nun bin ich also auf der Suche nach einer neuen Behausung. Viel braucht man ja nicht zum Leben eines Gonzosophen, aber ein intaktes Habitat gehört nun einmal dazu. Keine Angst, sollten sie nicht wissen, was ein Habitat ist, liegen sie voll im Trend. Das nur am Rande. “Fakt ist:” Neben anderen, angenehmeren Verwicklungen zwingt mich meine ganz persönliche Finanzkrise (von der übrigens auch niemand weiß, ob sie jemals endet) weiterhin wohngemeinschaftlich zu leben. Wer mich kennt, kennt die Implikationen. Wer mich nicht kennt, sollte mich kennen lernen - sowieso. (Abb.3)
Außer solch vermeintlich tollen Sprüchen, fällt mir nicht mehr sonderlich viel ein. Mein sich sonst zumindest gelegentlich regendes Geistesleben ist unter der Hitze des hereinbrechenden Sommers und dem Staub einer einbrechenden Decke vollkommen zum Erliegen gekommen. Dabei trinke ich mehr Kaffee als jemals zuvor.
Abb.2
Wenn sie jetzt denken: “Oh Gott, nun fängt auch er noch an über seinen belanglosen Alltag zu schreiben”, dann denken sie, was ich denke. Dies is auch einer der Gründe, warum sich die Gestaltung eines Artikels momentan eher schwierig darstellt. Ich tue es deshalb einfach den Bloggern gleich und fülle diesen Schrieb mit lauter Photos auf. Wer will in heutigen Zeiten eigentlich mit dem Prädikat “Blogger” unterschrieben werden? Viele vielleicht, aber bei denen ist ja laut Schiller - und da stimme ich ihm vollkommen zu - wohl kaum die Wahrheit zu finden. Sehen sie?
GOnzosophWenn mir derartiges Sinnieren auch sehr gut zu Gesichte steht, es lässt sich damit kaum unter das heutige Pragmatismusideal schlüpfen. Jener Maxime folgend, sollte man vielleicht einfach den Arsch hoch kriegen, anstatt ihn seinen Lesern allforderst zu präsentieren (Abb.1)


Jun 24 2009

Griffelglosse

Zwischen dir und mir ist es nicht weit und doch, wir sind uns niemals nah. Wir können es nicht sein. Es trennen uns Gedanken. Uns entzweit das Wort. Wir schauen uns nur zu, und wie unsre Tage Löcher in das Leben stanzen, dass wir führen, fernab einander.
Heute fraß ich wohl den ganzen Tag. Gestern durchwachte ich die Nacht. Ich hab den Tag mit Nichts vollbracht. Und Nichts ist wohl das Einzige, dem ich mich nicht versag.


Jun 14 2009

Aisthetik

Ein Mund, dass sind zwei Lappen Fleisch, die passdicht aufeinander liegen. Hier ist er wohl recht gut gelungen, wenn auch die Symmetrie von Bohrungen durchbrochen wird. Üblicherweise sind Augen prall gefüllte Bälle aus Schleimhäuten und Muskeln. Braun eingefärbt, so zeigt sich dieses Paar und wohlgeformt. Markant, die Nase mitten im Gesicht und von beeindruckender Gestalt, passt sie sich dem an, der sie trägt. Es stimmt, ein Antlitz sieht man niemals an – man schaut hinein. Und man verliert sich schon einmal dabei. Im besten Fall sieht es dir dabei zu.


Jun 9 2009

rau

Urbanes Wohnen, modernes Leben. Prekäre Gefühle an den Randzonen der Stadt. Man reibt sich an den rauen Wänden, der Wärme wegen wäre ich gerne ein Mensch geworden, was immer das noch heißt. Zwischen Einkaufsalleen und Flaniermeilen suche ich meine Gedanken zu ordnen, doch nicht einmal die Straßenführung hier hat klare Linie. Mir kommt was Feuchtes in die Augen, manchmal. Dann denke ich daran, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal empfunden habe. Was es auch war. Hier spielt Empfindung so wenig seine Rolle, wie Ich trinke jeden Tag. Rituale, die durchs Leben führen strukturieren das, was übrig ist von mir. Das ist nicht viel. Das macht es leicht.


Mai 20 2009

keine Sentenz

Mein Herz, es hämmert Schlag auf Schlag auf Schlag. Wozu braucht er so viele Nägel nur, mein Sarg? Tag für Tag für Tag hämmert das Leben Nägel mir ins Herz, bis ich den Lärm nicht mehr ertrag und die Pointe setze unter diesen schlechten Scherz.


Mai 18 2009

Von Arbeit

Ich wollte es versuchen, bewarb mich auf eine Stelle, die der Außensicht auf mein Leben gerecht zu sein schien. Eine Arbeit im universitären Bereich, kinderleicht verdientes Geld, wie mir von Kennern der Materie versichert wurde. Natürlich wurde ich nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen. Mich brachte dies zu der Erkenntnis, dass meine Qualifikationen wohl doch im Bereich der unqualifizierten Hilfsarbeit liegen. Zwar nicht kinderleicht, aber zumindest ehrlich verdientes Geld. Drum bewarb ich mich nun als Versuchsperson und für die Nachtschicht in einem Industrielager. Die Resonanzen hier waren gleich viel positiver. Ich hoffe nun endlich wieder genug Geld verdienen zu können, mir um Bierpreise keine Sorgen mehr machen zu müssen. Denn Sorgen habe ich auch so schon genug. Nur damit sie es wissen.


Mai 13 2009

13.05

„Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Die gleichen Fehler wiederholen, die gleichen Sätze sagen, denken. Leben nennt man das, gemeinhin. „Nein“ war mein Wort noch nie. Ich mache alles nochmal durch. Gebe mich her. Bin da, wo man mich braucht, solange man mich braucht. Ich stelle keine Fragen. Kerbe dich in meinen Verstand. Woran ich denke, ganz egal. Schon da. Und haust du ab, bleibt nicht einmal ein Bild von dir zurück. Dann lodern Zettelfeuer, Rauchopfer der Gefühle. Die Nächte sind schon wieder lang, die Flaschen sammeln sich im Flur. Ich habe das alles klar durchdacht. Ich weiß es doch. Aber was sonst tun, als darüber schreiben, vielleicht endlich klare Worte finden können. Sie nach draußen stellen, wo sie jeder sieht. Ich brauche Zeit. Ich habe nichts als Zeit. Zeit tötet, so oder so. Ein Text ohne jeden literarischen Wert, ohne belletristischen Charme. Geschrieben aus Verlegenheit, die Gewohnheit ist – oder anders herum. Als Schreibtherapie verkauft man so etwas. Die Kunst dabei ist, sich selbst einmal zu denken, als könnte jemand anders es verstehen. Danach glaubt man sich selbst zu verstehen. Aber auch wenn ich meine Wünsche nicht kontrollieren kann, so doch meine Handlungen: Austrinken, abhauen.