bloggen

Es wird Frühling. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass mein Mitbewohner mir in letzter Zeit nur noch Fun-Facts zu dem angeblich größten Bordell in Europa erzählt, dem Pascha in Köln. Es gibt da wohl so etwas wie eine Transenetage. Komisches Wort. Wie dem auch sei, er hat mir die St.Pauli Nachrichten zum Geburtstag geschenkt, nach eigenen Angaben das beste Lustblatt Europas. Unter „Lustblatt“ hatte ich mir eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt. Aber Lust ist auch kein wirklich klar umrissener Begriff, oder?
In letzter Zeit träume ich immer wieder von einem Haus. Das Befremdliche daran ist, dass ich mich nicht erinnern kann, ein solches Haus jemals gesehen zu haben, auch im Traum ist es mir fremd und doch kenne ich es offenbar sehr gut. Es scheint irgendwo in der Champagne oder in Südengland zu stehen, jedenfall lässt die Landschaft darauf schließen, die schroffen Bäume und kargen Wiesen, alles unter stahlblauem Himmel. Es ist ein einsames Haus. Ich bewege mich darin, als wäre es mir vertraut. Dieses Haus gehört nicht mir, nicht meiner Familie, es scheint niemandem zu gehören und doch ist es alles andere als unbewohnt. In meinen Träumen kehre ich nach durchlebter Nacht zu diesem Haus zurück und finde es leer vor. Ich bin froh, dass es da ist und verlassen, mit seinem vermosten Holz und den geschlossenen Fensternläden. Ich betrachte es und plötzlich muss ich weinen. Kein Wohlfühlweinen, wie man es bei bestimmten Anlässen zu tun pflegt. Ein wirkliches Weinen, ganz ohne Anlass, unvermittelt.
Doch es ist ja nur ein Traum: Ich gehe hinein und wache auf.
In letzter Zeit gehe ich gerne durch den Nebel. Das ist seltsam, denn der Nebel macht die Welt so intim. Um etwas wahrzunehmen, muss man ihm nahe kommen, es manchmal gar anfassen. Manchmal stehe ich vor Sonnenaufgang auf, gehe durch den Nebel und setze mich hin, irgendwo. Es spielt dann keine Rolle, wo genau. Ich sitze und starre, werde klamm. Glücklicherweise wird man im Nebel nicht gesehen. Die Leute würden sich sonst wundern.
Bald bin ich dreißig Jahre alt. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, wenn man noch als halbwegs junger Mann abtreten möchte. Ich glaube allerdings schon seit 4 Jahren, dass mein Körper dies ohnehin in naher Zukunft von selbst erledigen wird. Inwiefern dieser bangen Hoffnung zu trauen ist, wird sich zeigen müssen, da ich seit 6 Jahren keine Ärzte mehr besuche. Denen ist nicht zu trauen.
Aber in letzter Zeit vertraue ich eh nur noch auf sehr wenig. Auf mich und meine Fähigkeiten zu allerletzt. Man kommt nun in ein Alter, wo die Perspektiven etwas sind, über das man im Präteritum spricht. Die Zukunft, das ist das heute, das sich nicht mehr verändert. So wie die Frauen: Bald schon kommt das Perfekt. Hurrah.
In letzter Zeit fühle ich mich manchmal seltsam, selten allein, sehr oft sogar sorglos, denn über Sorgen, Gesellschaft und Normalität denke ich nicht mehr nach. Man möchte fast meinen, ich hätte zu mir gefunden. Und dort bleibe ich. In letzer Zeit sehr gerne.

Dieser Beitrag wurde unter Autopoiesis abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.