Jul 17 2010

Momentan ist mehr nicht drin

Zorn, der keinen Adressaten trifft. Drogen ohne Bewusstsein. Verschwendete Mühen. Leerraum, Abraum zu füllen mit Gefühlen, gäbe es welche. Da wo Menschen aufeinanderprallen, in den Korridoren purer Verzweiflung. Und jemand findet doch sein Glück, so nennt er es. Doch dieser jemand bist nicht du.

Ich habe mir einen Aufguss bereitet, koche fetzenweise Vergangenheit auf und rühre lustlos in dem Sud herum. Mein Leben hatte nie Struktur. Also denke ich nach, schließe die Augen. Doch da sind nur die trüben Partikel schemenhafter Staubgebilde auf meinen Pupillen. Kein Gedanke, der mich heilen könnte.

Ich habe einen schönen Traum geträumt, in dem ich verstand, sie mich verstand. Ich wachte wortlos auf und habe nun nichts mehr zu sagen. Schlafen darf ich nicht mehr, will ich nicht zum Träumer werden. Nicht, dass ich schlafen könnte.

Schlägt immernoch in meiner Brust etwas. Gleich Geschwülsten frisst sich Leben durch mein Dasein, blutet Willen in den Tag. Ein kurzer Funken und dann ist da nur noch warme Luft, lange Atempause und der Schweiß, der kommt wenn mein Gedanke dich berührt.

Niemand anbei. Ein Mensch der dich zerstört, so nenn ihn Freund. Es gibt sonst keinen Menschen mehr.


Feb 19 2010

Bahnhof

Disteln wuchern zwischen aufgesprengtem Asphalt, verrostetes Eisen daneben und darunter Balken, mit Bolzen an die Erde geschlagen. Augen liegen verschlafen darauf und tasten sich vor zur perforierten Schalterscheibe. Dies ist der Bahnhof – erbaut von Menschen für Maschinen. Nur ein paar hölzerne Bänke haben sie sich gegönnt, fest in die Mauern geschraubt.
Bölke steht an der Begrenzung, die mit Neon beschienen wird wie alles hier. 18 Stunden am Tag fahren die Züge, 8 pro Stunde auf 6 Gleisen. Selbst die Fahrgastzahl bleibt gleich, versteht sich von selbst. Sonst könnte man auch den Schaffner fragen. Menschenmüde schrägt er neben den stehenden Waggons. Für ihn bedeutet dieser Ort nur etwa 20 Minuten seines Tages. Ein Name wie all die anderen. Auswendig weiß er sie zu sagen: Lünen, Borghausen, Esch.
Nichtssagende Punkte auf Linien, die das Land zergliedern. Bölke sieht auf den Plan, der öffentlich aushängt. Einer dieser Züge nennt sich Metronom. „Passend“. Doch dann tut jemand einen Seufzer. Ein Clown – große Schuhe, Blume am Revers und Schminke unter den Augen. Er setzt seine Mütze ab und fährt sich durch die krausen Haare. Eine Reise tun. Nur weg von hier. Von diesem Ort wie all die anderen; monoton und schlecht bestückt mit immer gleichen Plastikbeschilderbäumen. Zeitschriftenregale dort. Bier gibts überall.
Es zischt und hält sich an. Blutet Menschen in die Masse, die am Bahnsteig steht. Doch bleibt für kurz ein Stück von Ziel und weit, weit weg. Bölke steigt ein. Er sieht in jedes Eck und öffnet jedes Fach. Dann nimmt er leere Dosen aus dem Müll. Behutsam legt er sie in seine große Tasche. Es bleibt ihm nicht viel Zeit an einem kleinen Bahnhof so wie diesem. Es ist erst Dienstag und die Woche tief.
Längst zu spät, macht jeder nur, was ihm zu tun gegeben ist. Und hieß es auch, man nimmt sich einen Strick zum Hals. Doch sehr daran gewöhnt ist man, zu leben. Deshalb kommt alles, wie es kommen muss.
Glasflaschen bringen nichts, die sind das Tragen kaum nur Wert und Bölke dafür sich zu schade. Sonst eigentlich ein guter Job, manchmal findet man auch Sachen andrer Art im Polsterspalt, ganz hinten im Waggon. Die Menschen sind hier recht vergesslich und ihre Hast dem Orte angemessen.
Ein Zug kommt nie zu früh, braucht stets zu lang. Weshalb dient er so oft als schmutzige Metapher? Bölke lacht über sich selbst. Ja schlau zu sein, intelligent, kann sich nur wünschen, wer selbst dumm ist. Dumm zu sein kann sich nur wünschen, wer selbst dumm ist. Und so hat jeder jederzeit sein Unglück in der Hand.
Der Zug fährt an. Bölke vergeht das Grinsen. Zu langsam - selbst für das hier ist er es und lachen kann schon wieder nur der Schaffner: „Teures Hobby ham‘ se da.“ Er hat wohl Recht.


Feb 10 2010

Frühling

Tiri Tira, die Weiber sind zum Vögeln da,
die Welt heißt das zu nutzen.
Tiri Tiraun, bloß Denken schlafft den Hosensaum,
verflüssigt jäh den Stutzen.
Die Felder tauen, es spannt der Hahn
sich wacker vor die Kammer.
 dieu, ihr Frauen, mir grient der Wahn.
	Ich schieß mir in den Kopf.
		Mit einem Minié!
		Geladen wird’s von vorn,
		Mit Pulver und mit Horn,
		solch Ende tut nicht weh.
	Da geht ein armer Tropf.
Trara, Palim, dass ich am End zufrieden bin,
so bar von jeder Scham,
das überrascht.

F: Doch horcht! Wer spricht  so leise durch die Kammertür?
Wer flüstert nur durchs Schlüsselloch und wagt sich nicht herfür?
F: Ein Dämon, der den Zweifel wagt, von Anstand und von Sitte,
ein Geist, den jähe Reue plagt, das Wissen um die Mitte,
die, sagt man, gutes Leben prägt, und Rettung sei der Seele;
nur all zu schwer erreichen kann, dass man sie nicht verfehle.
F: Ein Wahn ist es, der Reden glaubt, von Ordnung und von Sinn,
von einem Grund des Lebens spricht, so tief und so weit hin,
dass er als steter Horizont am Ende dieser Welt,
und jener mächtgen Sonne gleich, das Innerste erhellt.
Ich kenne dieses Hoffen auch, ich weiß um jenes Licht,
einst blendete es mich selbst, drum misse ich es nicht.
F: Und wenn du noch geblendet bist und dich dein Sinn belügt?
Wenn dich die andre Hoffnung nun statt dem von Neuem trügt?
F: Ein Hoffen ist’s, ich leugne nicht, denn Hoffnung trägt die Welt,
doch weder Glaub noch Sinn ist es, was diese Hoffnung hält.
Ein Ende bloß, kein Zugewinn, ist mir nunmehr zum Ziel,
verlangt man Nichts und Niemanden, so will man kaum zu viel.

Jan 7 2010

tempus fugitive

Man darf heute ja alles anzweifeln. Sogar die Strukturen der Marktwirtschaft fallen seit Neuestem darunter. Die Finanzkrise führte zu Feuilletonschlachten, in denen der Kapitalismus als entfesselt und entmenschlichend dargestellt wird. Doch übersieht man dabei, wie kapitalistisch unser Denken bereits ist. Wir betreiben diese Wirtschaftsform nicht allein deshalb, weil sie unsere Bedürfnisse befriedigt, sondern weil wir ihre Bedürfnisse zu den unsrigen gemacht haben. Wir haben den Geist des Kapitalismus verinnerlicht. Wir selbst sind entfesselt und wenn es für den Kapitalismus stimmen sollte, sind auch wir entmenschlicht. Nicht nurmehr der Markt oder seine Unternehmen, wir Menschen wollen expandieren, akkumulieren und unsere Konkurrenten verdrängen. Samt und sonders Ich-AGs, rationalisieren wir unsere Handlungen innerhalb der Arbeitswelt, wie der Freizeit. Beziehung, Familie und Freundschaft bleiben davon nicht verschont. Das Kosten/Nutzen Verhältnis wird zum einzigen Maßstab und alles, was in diesem Lichte unvorteilhaft erscheint, schlicht „wegrationalisiert“.

Man kann einwenden, dies sei keine neue Entwicklung. Der Mensch habe immer schon danach gestrebt, sich das Leben leichter und komfortabler zu machen und deshalb sei er stets bemüht gewesen, seine Arbeitsprozesse zu optimieren. Und das stimmt. Ein Pfluggespann ist besser als eine Hacke, denn es erleichtert die Arbeit – verkürzt sie und erhöht ihre Produktivität. Dieser Produktivitätsgewinn hat erst einmal dazu geführt, dass ein Bauer mit weniger Arbeit mehr Ertrag erwirtschaften konnte. Die Folge war ein leichteres Auskommen, Brot mit etwas weniger Schweiß im Angesicht. Aber der moderne Mensch strebt eben nicht mehr nach Komfort und einem leichten Leben. Man kann sich das sehr leicht vor Augen führen: Wie viele Stunden müssten sie jeden Monat arbeiten, um eine Wohnung und die Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen zu können? Reicht das?

Nein! Werden sie nun empört sagen – oder gleich Sozialleistungen beantragen, denn deren Bemessungsgrenzen würden ihnen ansonsten einen für sie ausreichenden Lebensstandard nahezu ohne Arbeit ermöglichen. Und nicht nur ihnen reicht das nicht. Auch der Bauer machte nämlich nicht einfach Feierabend und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein, als er plötzlich denselben Acker in einem Bruchteil der Zeit pflügen konnte. Er vergrößerte ihn und schaffte so ganz nebenbei die Subsistenzwirtschaft ab. Die verschwand in Deutschland allerdings erst im Laufe des 19. Jahrhundert und damit parallel zur Durchsetzung jener Entwicklung, die wir heute mit Industrialisierung bezeichnen. Vor dieser Zeit hatte die Erleichterung der Arbeit vor allem einen Zweck: Weniger und leichtere Arbeit zu haben. Arbeitslosigkeit war kein Fluch, sondern der Traum ganzer Jahrtausende – wenn es denn nicht mit Auskommenslosigkeit einher ging. Aristoteles etwa sah in der Lohnarbeit den größten Feind des Denkens. Die Höchste Befriedigung eines glückseligen Lebens stellte für ihn dagegen nur eines dar: Nichts tun; kontemplativ den Sternenhimmel betrachten oder schlicht nachzudenken als das dem Menschen größtmögliche Glück. Wer da durch laut sägenden und hämmernden Maschinenlärm des Nächtens gestört wird, preist dies kaum als Segen einer durch-“rationalisierten“ Gesellschaft.

Heutzutage darf man ja alles tun, nur nicht nichts. Es ist das seltsamerweise völlig akzeptierte Paradigma eines dogmatischen Pragmatismus, dass es besser sei alles falsch zu machen, als es gar nicht erst zu versuchen. Aber ist denn wirklich besser ein schlechter, dummer Präsident zu sein, als die Wahl gar nicht erst anzustreben? Kein Wunder, dass einer so verantwortungsloser Auffassung der Begriff „Demut“ abhanden gekommen ist, ja sogar als moralisch anstößig gilt, wie eben das Nichtstun selbst. Man mache sich das klar: In diesem Sinne waren etwa die meisten Philosophen, Kirchenväter, Poeten und Wissenschaftler vergangener Epochen höchst unmoralisch – Sie machten die meiste Zeit nichts. Sie gaben sich der Muße hin. Muße ist aber ein gänzlich anderer Begriff als unsere heutige Freizeit, die mit Freiheit so gut wie gar nichts mehr gemein hat, sondern nur mit Herstellung. Wiederherstellung der Arbeitskraft, Konsum des Erarbeiteten zwecks Schaffung neuer Nachfrage für Arbeit. Muße dagegen ist der kreative Freiraum, den sich ein Individuum selbst gibt und in höchstem Maße Selbstverwirklichung. Deshalb entfremdet ausartende Arbeit auch, weil sie uns der Muße beraubt. Sie artet aus, weil sie nicht mehr dazu da ist, ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern selbst als das angenehme Leben erscheint: Liebe deine Arbeit, mache sie zu deinem Leben. Wollen wir das wirklich?

Bevor sie diese Frage beantworten, führen sie sich bitte eines vor Augen. Sie werden sterben. Und die meisten von uns sterben zumindest nach eigener Einschätzung viel zu früh. Zeit ist der einzige Rohstoff, den jeder Mensch hat und es ist ebenfalls derjenige, an dem es uns Allen ermangelt. Und zwar existenziell. Arbeitszeit ist eben deshalb das wichtigste Gut im ganzen Wirtschaftsprozess – sie verleiht Produkten ihren eigentlichen Wert (leider nicht immer ihren Preis). Was ich kaufe oder bezahle, muss ich selbst nicht mehr Herstellen oder tun. Bei Dienstleistungen ist uns dies klar, aber auch Produkte sind letztlich nichts anderes als an einem Rohstoff materialisierte Arbeitszeit. Diese lässt sich auch recht leicht wieder zurück rechnen, jedenfalls für einen selbst. Überlegen sie sich vor ihrem nächsten Besuch im Reisebüro einfach mal nicht, wie viel Geld, sondern wie viel Arbeitszeit sie für ihren Flug erbringen müssen. Wie viele Tage ihres Lebens haben sie ihrem Auto geopfert, leben sie heute einmal nur für ihre neue Mikrowelle?
Die arbeitsteilige Gesellschaft hat uns eine derartig große Produktivität verliehen, dass wir mit relativ geringer Arbeitszeit unsere grundlegenden Bedürfnisse stillen können. Das ist tatsächlich ein Fortschritt. Wie lange würden sie brauchen, um eigenhändig ein Pfund Mehl herzustellen und wie schnell schaffen sie es dagegen, mit ihrem Stundenlohn ein Pfund Mehl aus dem Supermarkt bezahlen zu können? Doch dieser Fortschritt hat kaum zur Reduktion der individuellen Arbeitszeit geführt. Jedes Jahr steigt die Produktivität weiter, doch seit Jahrzehnten arbeitet man gemeinhin 8 Stunden täglich. Gleichzeitig sind Millionen gänzlich arbeitslos und müssen aus den 8 Stunden der arbeitenden Bevölkerung gegenfinanziert werden. Ja, es werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt, die ebenfalls aus ihren 8 Stunden Lebenszeit bezahlt werden, nur damit jene Arbeitslosen nicht zu viel Zeit mit sich allein haben. Und das ist es, was die eigentliche Perversion unserer Gesellschaft darstellt: Dass man zu viel Zeit für sich haben kann, angeblich. Muße? Fehlanzeige.

Wir erarbeiten uns zwar einen immer größeren Wohlstand, der macht uns aber erwiesenermaßen nicht glücklicher. Im Gegenteil, unser schlimmster Mangel wird uns nur noch deutlicher: Der Mangel an Zeit, Lebenszeit: Muße. Ob die uns glücklicher machen kann? Nehmen wir uns doch die Zeit, es heraus zu finden. Wir haben ja nur noch den Rest unseres Lebens. Oder zumindest die Zeit, in der wir arbeitslos sind.


Sep 24 2009

Nicklichkeiten und Nichtigkeiten

Mein Leben ist eigentlich recht gut strukturiert. Entweder fürchte ich mich, bald an einer schrecklichen Krankheit zu sterben, oder ich denke über den Freitod als ultima ratio nach. Verbunden ist dies mit der zugehörigen Schlafstörung. Die Angst treibt einen nach wenigen Stunden aus dem Bett. Der Unwille zu leben wirkt dagegen recht einschläfernd und ihm verdanke ich, momentan sehr gut zu schlafen, angstfrei aufzuwachen. Ein angenehmes Gefühl: Den Tag in Ruhe nach allen Anderen mit Kaffee zu begehen, das Frühstück ausfallen lassen. Bald schon ist Abend. Und man hat ein Ziel, über das man nicht einmal groß schreiben müsste.
Am Sonntag sind Wahlen; dies und ein Geburtstag sind die eigentlichen Gründe, mich wieder einmal an die Scheinöffentlichkeit zu wenden. Wenn Sie nicht wollen, gehen sie bitte zu Beidem nicht. Sie werden durch ihr Fernbleiben kaum etwas ändern. Bei bürgerlichen Groß- wie Kleinveranstaltungen ist es nicht der Einzelne, der zählt. Die Gruppendynamik allein wird von Bedeutung sein. Ich für meinen Teil, werde mich wohl weder hier noch dort enthalten wollen können. Das allerdings ist pure Geltungssucht.
A propos. Bitte verschonen Sie Ihre Mitmenschen damit, in Diskussionen Ihre Privatinteressen als öffentliches Anliegen zu kaschieren. Wenn sie tatsächlich glauben, die FDP sichere Ihnen und Ihren Kindern jenes überdurchschnittliche Gehalt, dann wählen Sie die halt. Jedes Volk erhält die Regierung, die es verdient. Außer vielleicht in afrikanischen Staaten.
Und könnte mir mal bitte jemand sagen, was man mit der vielen Zeit anfangen soll, wenn man erst festzustellen glaubt, doch an keiner fatalen Krankheit zu leiden? Nicht das ich Probleme mit der Auffindung zeitraubender Nichtigkeiten hätte. Aber die Frage zielt schließlich nicht darauf ab, was man machen könnte, sondern sollte. Antworten bitte postwendend an meine neue Adresse. Ich hab auch so ein nettes Namensschild davor geklebt.


Sep 8 2009

September

Knochen. Da liegen Knochen frei. Fleisch darüber wie ein Schlaufenschal gelegt. Ich bin ja doch ein Connaisseur der Innenraumgestaltung. Leber dort, die Knoten hier im Darm zeugen von Stress und viel zu viel Café. Taste dich durchs Leben. Spürst du es pulsieren, noch? Das hebt und senkt sich, legt sich bald und schweigt. Das Herz wird kühl, bleibt aber feucht und dunkelrot.
Eine Farbcollage ist der Körper, weiter nichts. Weiß und Rot, gelb die Bindehaut und Blau von dicken Kranzgefäßen. Das ist ein Tuschkasten der Existenz. Spritz Farben an die weißen Wände deiner Zukunft. Wälze dich in den Gefühlen.
Gestern trug ich Möbel durch die Stadt, stellte den Schreibtisch an die Autobahnabfahrt. Den Stuhl davor, die Hand am Füller und zum Winken in der Luft, getränkt von Fernwehfahrabgasen. Das Alles ist Kompositum.
Ich trenne Silben wie sich Menschen trennen: Substantiv. Zunge, Tod und Resonanz. Ich binde an mich, was nicht trägt. Trage Trümmer in den Taschen. Und ich liebe den Verlust. Ich halte viel davon.
Ach, was weißt du denn von mir. Glaubst du etwa, die Wahrheit wäre etwas, dass man sagt? Messer halte ich verdeckt. Kondome sind zumeist versteckt. Wie denn auch sonst.
Hier passiert nichts mehr. Die Zeit ist kalt und Menschen sind für sich, ganz eigentlich.


Aug 10 2009

Endlich normale Menschen

Ein klassischer Abgang - als sie geht, beginnt es dicke Tropfen zu regnen. Es donnert. Ein reinigendes Gewitter nennt man das wohl. Schlussstriche ziehen, vorgezeichnet sind sie ja bereits, auf den Straßen etwa. Nur an gewissen Stellen zu überqueren. Auf Lichtzeichen hin, die Menschen ähneln. Verzerrt, fast wie das Leben entstellt. Wäre Verwesung kein höchst lebendiger Prozess, sie würde keinen Ekel erregen. Totes ist nicht hässlich, niemals. Doch das sind abstrakte Gedanken. Ergebnisorientiert muss man denken. Sich wieder angewöhnen, den Selbsthass auf andere zu projizieren; sich abgewöhnen, seinen Selbstwert anderen zuzuerkennen. Lernen sollte man, Menschen nach ihren Taten zu bewerten; nicht nach den eigenen Gedanken. Das klappt so nicht. Uns klappt nicht.
Ich war auf der Straße und dort war es so heiß, wie ich betrunken. Ich weiß nicht, wusste nicht, was ich dort sollte. Aber ich bin mir sicher dort gewesen zu sein. Nicht nur ich bin es gewesen. Teil war ich, Teilmenge. Es gibt ja Situationen, die klingen vielsagender als sie sind. So etwa: Zwei Sekt bei Vollmond. Doch dann schmeckt der Sekt nicht und ihr schmeckt es gar nicht. Der Mond bewegt sich auch viel zu schnell. Aber das war etwas anderes. Das war davor.

“Schon wieder da?” Die einzige Frage ist es, die man mir noch stellt. „Schon?“ Hätte ich später kommen sollen, oder überhaupt nicht? Ich bin mir selbst nicht mehr ganz sicher. Entschuldigen werde ich mich in keinem Fall. Das ist Teil des New Deal. Wann war das? Da waren Menschen, die schlugen aufeinander ein. Irgendwie erinnerte mich das an mich selbst. Gemahnte mich, Prioritäten zu überdenken. Konsequenzen abzuwägen und Menschen umzuwerten. Letztlich kommt man dazu, sämtliche Allsätze zu verwerfen. „Liebe ist alles“ „Alles ist schlecht“ „Was soll das alles?“ - Ungültige Ausdrücke. Klarheit, Einzelaussagen braucht es. „Ich liebe X“ „Ich hasse X“ „Ich suche einen Mitbewohner Y“. Welcher Term soll es sein?

„Menschen bringen einen weiter!“, sagte sie, als wir wieder an genau derselben S-Bahnhaltestelle ankamen, an der wir ausgestiegen waren. Plötzlich liefen wir mitten in diesem Umzug mit. Schwule waren es, Frauen und Fetischisten. Abneigung erntete nur ich.
Aber irgendwann hört auch das Denken auf. Damit die Zeit. Endlich wird sich das Fühlen verlieren. Eines Tages wachst du auf und es ist der letzte Tag, vom Rest deines Lebens.


Aug 4 2009

Er

Er bereist das Land schon wieder quer, von ihr zu ihr. Er weiß schon wieder nicht, was er wo soll, wohin, woher. Da steht er hart im Wind. Da sitzt er weich, allein. Und längst schon reicht die Fahrt, das Neue reicht nicht aus. Das Meer.
Da liegt nichts an. Da ist kein Wunsch, ein Wollen nicht. Wenn er denn träumt, dann träumt nicht er. Und hinterher bleibt es doch stets zuvor. Die Tage liegen unvermengt, die Nächte ziehen leer daher. Er will schon lang nicht mehr.
Eine Stimme hört er noch, als wenn es seine wär. Nur wenn sie spricht, fällt ihm das Atmen nicht so schwer.


Jul 27 2009

Sinnieren

Manche Debatten ziehen sich nicht allein durch die Geistesgeschichte der Menschheit, sondern erstrecken sich auch über die eigene Biographie. Vornehmlich die Frage nach Sinn oder Unsinn des Lebens selbst. Da man schnell glaubt keine Antwort auf diese Frage finden zu können, so gewöhnt man sich mit der Zeit daran und hört schließlich auf zu fragen. Ob Sinn oder Unsinn – es ist Alltag, das reicht zur Legitimation völlig aus. Schwerlich ließen sich auch so alte Gewohnheiten wie das Weiterleben einfach ablegen.
Doch ehrlich gesagt lässt sich diese Trägheit weder durch triftige Gründe, noch hoffnungsreiche Perspektiven begründen. Glauben sie tatsächlich irgendwann einmal glücklich zu werden? Statistisch gesehen liegen sie damit völlig falsch. Aber statistisch gesehen sollten sie es trotzdem glauben. Es ist ja auch nicht weiter verwunderlich, dass nicht glücklich werden kann, wer sich noch fragen muss, ob er’s denn ist. Dies jedoch nicht, wie so oft angenommen, weil Naivität und Vollbeschäftigung notwendige Vorraussetzungen wären für das Glück (s.a. „Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück.“) Viel Schlimmer noch! So etwas wie das Glück gibt es doch gar nicht. Sicher, man redet viel davon. Aber: Denkt man erst einmal darüber nach, löst es sich auf. Es ist wie mit der Religion. Und flüchtiger noch, als jede Utopie.
Aber wer sagt eigentlich, dass Wert im Leben unbedingt des Glücks bedarf. Ist etwa nur glückliches Leben wertvoll und anders herum: Ist Leben wertvoll denn auch glücklich? Ich denke gegen Beides spricht sehr viel. Nicht allein in punkto Kunst, auch auf dem Feld der Wissenschaften schufen gerade jene Menschen Werte ohne Flüchtigkeit, die von Zeitgenossen kaum für glücklich angesehen wurden. Das Grandiose ist des Wahnsinns liebstes Kind. Wohl mancher manisch depressive Suizidiär hat während seines kurzen Erdenaufenthalts mehr beigetragen zu der Menschen Zeitenwerk, als Glückspilze es allesamt seit es jeher wohl zu tun vermochten.
In Anbetracht dessen kann man wohl nicht umhin als Gruß nunmehr „Verdrießlichen Tag!“ jedem zu wünschen, den man schätzt. Es füllt ja auch die purste Lebensunlust das Dasein dauerhaft nicht aus. So hat es durchaus seinen Grund, warum man Vorstellungen von letztem Glück stets jenseitig verortet sieht. Ein Tag Zufriedenheit, eine ganze Woche gar? Ich bitte Sie! Der Mensch hält es im Leben doch nicht aus, ganz ohne Wunsch zu sein und ohne jede Regung noch dazu. Die Faulheit ist ihm angeboren zwar, doch Muße nicht und somit wär ein wunschlos Paradies nichts weiter als ein Kreis der Hölle. Wir suchen nicht das Glück, Ablenkung wollen wir vom Unglück nur und diese bietet uns das Leben schlechter mehr, als recht. Kultur nennt man die Form von Ablenkungen heute, die nun der Mensch in tausenden von Jahren gerade jenem Zweck zu diensten schuf. Und sie ist wohl das Einzige von Wert, da sie den Menschen wissen lässt: Dein Schicksal litten schon Millionen. Das lenkt ihn gern von seinem Unglück ab: Zum Glück.


Jul 25 2009

In eigener Sache

In den Augen meiner Mitbewohnerin bin ich ein Bauer, denn ich wuchs in einem Dorf auf. Dort gab es Bauern, eine handvoll, deren Erkennungszeichen karierte Hemden in umgürteten Jeanshosen waren. Ich habe niemals Hemden unter Gürteln in Jeanshosen getragen. Dennoch hat mich mein Umfeld geprägt. Ich wollte dort weg.
Meine Sozialisation ereignete sich dementsprechend in der nächstgrößeren Kleinstadt. Ich bin meinen Eltern noch heute zutiefst dankbar, mich dort auf eine konfessionelle Schule geschickt und mir somit die Eingliederung der Gemeindegesamtschule erspart zu haben. Anders als an dieser waren in jenem Hort des Katholizismus nicht nur die Schüler weitaus vielschichtiger: Sie soffen nicht bloß, sie hörten auch Musik. Und gleichwelches Geschlecht, es gab unterschiedliche Frisuren.
Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich nach eher schleppendem Auftakt irgendwann recht gut in der Schule. Es war wohl zu der Zeit, in der die meisten Menschen aufgrund ihres hormonellen Haushaltes zumindest hinsichtlich ihrer schulischen Leistung einknicken und dabei Leute wie mich weitaus intelligenter aussehen lassen – der Benotung nach Klassenschnitt sei dank. Frauen brachten mir nie etwas anderes als Frust. Und wer hier liest, der weiß, dass Frust einer der wenigen Motivatoren in meinem Leben ist.
Doch man mag es kaum glauben, die ganze Mittelstufe hindurch war ich der Klassenclown. Mein Hang zur Ironie verfärbte sich erst später ins Tiefschwarze. Ich selbst kann es nicht mehr glauben, aber zu jener Zeit gehörten kanariegelbe Hemden und Shorts mit riesigen Sonnenblumen darauf durchaus zu meiner Garderobe. Dabei blieb es jedoch nicht. Gott sei dank.
Nach meinem Abschluss wechselte ich von der konfessionellen Schule an eine Klosterschule. Dort sammelte ich die wohl seltsamsten und prägenden Eindrücke meines Lebens: Ich traf die ersten Hippies, erhielt meine erste Eins in Religion bei jenem Lehrer, der Marienbildnisse als „Wichsvorlagen für Zölibatäre“ bezeichnete und trug zum letzten Mal Kleidung, die mehr als zwei Farben aufwies. Ein geistig fruchtbares Umfeld - es gab sogar Philosophieunterricht.
Wenn ich heute das Wort “Politeia” lese, muss ich immer an jene Kleinstadt zurückdenken, deren Größe wohl mit der des antiken Athens vergleichbar ist. Und ebenso vergleichbar war die soziale Struktur: Ab einer gewissen Ebene kannte man sich. An jener Schule trafen sich der Sohn des Bürgermeisters, des größten Bauunternehmers und auch des Zahnarztes mit dem kleinen Stadtschlösschen. Nur Sklaven gab es nicht und anders als unter den Geistesgrößen der platonischen Akademie war hier die Lohnarbeit nicht als Gedankentod verschrien. Schließlich wurde man von Lohnarbeitern unterrichtet, von den paar Mönchen einmal abgesehen. Genau wie in Athen jedenfalls, reisten die Schüler mit größeren Karossen an und ab als ihre Lehrer.
Heute frage ich mich manchmal, in welcher Weise mich meine Jugend zu dem gemacht hat, was ich bin. Obschon ich viele grundlegende Gedanken und Ansichten schon mein ganzes Leben zu haben glaube, sollte man sich doch nicht zu leichtgläubig dem eigenen Storytelling hingeben. Hat man nicht schon oft genug den Satz gehört, Prioritäten würden sich ändern? Meiner Erfahrung nach sind es jedoch eher Entschuldigungen, die sich ändern. Prioritäten (z.b. „Ich“ oder „Wir“) bleiben sich meist gleich.
Was die Persönlichkeit prägt sind deshalb vielleicht auch nicht jene Dinge, die man macht. Eher, was man unterlässt. Logisch gesehen, ist das nur Haarspalterei, aber Logik ist nicht alles. Das war leider erst eine meiner späteren Erkenntnisse im Umgang mit Menschen.