Sep
8
2009
Knochen. Da liegen Knochen frei. Fleisch darüber wie ein Schlaufenschal gelegt. Ich bin ja doch ein Connaisseur der Innenraumgestaltung. Leber dort, die Knoten hier im Darm zeugen von Stress und viel zu viel Café. Taste dich durchs Leben. Spürst du es pulsieren, noch? Das hebt und senkt sich, legt sich bald und schweigt. Das Herz wird kühl, bleibt aber feucht und dunkelrot.
Eine Farbcollage ist der Körper, weiter nichts. Weiß und Rot, gelb die Bindehaut und Blau von dicken Kranzgefäßen. Das ist ein Tuschkasten der Existenz. Spritz Farben an die weißen Wände deiner Zukunft. Wälze dich in den Gefühlen.
Gestern trug ich Möbel durch die Stadt, stellte den Schreibtisch an die Autobahnabfahrt. Den Stuhl davor, die Hand am Füller und zum Winken in der Luft, getränkt von Fernwehfahrabgasen. Das Alles ist Kompositum.
Ich trenne Silben wie sich Menschen trennen: Substantiv. Zunge, Tod und Resonanz. Ich binde an mich, was nicht trägt. Trage Trümmer in den Taschen. Und ich liebe den Verlust. Ich halte viel davon.
Ach, was weißt du denn von mir. Glaubst du etwa, die Wahrheit wäre etwas, dass man sagt? Messer halte ich verdeckt. Kondome sind zumeist versteckt. Wie denn auch sonst.
Hier passiert nichts mehr. Die Zeit ist kalt und Menschen sind für sich, ganz eigentlich.
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Aug
13
2009
Auf Holz klopfen, sich die Wimpern ausrupfen, Glück mitnehmen, wo es geht. Ich kann es gebrauchen, sind doch Entscheidungen zu treffen. Nicht, dass ich die Wahl hätte. Aber man kann sich immer noch dagegen entscheiden, wogegen auch immer. Die letzte Freiheit bleibt.
Ich habe einen festen Glauben. Einen festen Glauben daran, dass nichts mehr kommt. Ich lese nicht, schreibe nichts neues und Fragen stelle ich keine mehr. Ich schaue auch den Frauen nicht mehr nach, schmecke keinen Unterschied zwischen Tafel- oder Landwein. Mir trocknet jede Tinte ein, der Tropfgedanke zieht bar jeder Spur daher.
Das Fernsehen flimmert, noch klingelt grell das Telefon. Verwählt vielleicht, wen interessiert das schon. Ich sollte was mit Tönen machen - Klangcollagen eines Nihilismus. Doch wie klingt das Nichts und wer zur Hölle hört sich sowas an.
Einmal zeichnete meine Feder Spuren auf die bloße Haut, strich behutsam Verse um die Fesseln deiner Füße. Es gab doch Poesie an deinem Leib. Die rote Tinte rieb ich zwischen meinen Fingern auf das weiße Pergament. Dein Fleisch log mich nicht an. So ist es mal gewesen.
Heut kauf ich mir die Höchsten der Gefühle stets im Schlussverkauf. „Leberwurst stillt Herzeleid“, so sprach die Fachverkäuferin. Und ich schenk ihr Gehör. Nun streicheln meine Hände Fleischsalat auf Graubrot; mit sanftem Auge dem Bedürfnis der Materie angemessen. Ich lege nach
und nach den Menschen in mir ab. Wo soll er denn auch leben? Hier, bei dir?
Bei mir? Mitnichten.
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Jun
15
2009
Man taugt nicht viel dazu, sich gegenseitig Halt zu geben, wo man sich nicht einmal mehr selbst zu stützen weiß. So taumelt man vorbei aneinander. Stößt aufeinander, zufällig, am Kiosk oder vor dem Klo. Gibt sich nen kleinen Schups, wohin man glaubt zu müssen. Es geht voran, ab und an in Schlingerlinien einem wirren Zielpunkt zu. Manchmal auf allen Vieren. Ich ziehe dabei Schlieren auf Papier in tiefem Tintenschwarz. Meinen Mitmenschen als Rorschachtest. Doch bei mir gibt es auch falsche Antworten. Aber keine Angst, nicht mehr lang und ich zieh eh aus mir heraus. Das Haus ist längst gerüstet, wird bis aufs Mark entkernt. Man glaubt ja stets den Preis zu steigern, wenn man die Innenwerte erst entfernt. Derweil kratz ich mit Bleistift Linien in den Gasbeton, der unsrer Zukunft weichen soll. Ein bisschen kindisch muss man nun mal sein. Sonst lebt sich’s schwer, so ganz allein.
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Mai
13
2009
„Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Die gleichen Fehler wiederholen, die gleichen Sätze sagen, denken. Leben nennt man das, gemeinhin. „Nein“ war mein Wort noch nie. Ich mache alles nochmal durch. Gebe mich her. Bin da, wo man mich braucht, solange man mich braucht. Ich stelle keine Fragen. Kerbe dich in meinen Verstand. Woran ich denke, ganz egal. Schon da. Und haust du ab, bleibt nicht einmal ein Bild von dir zurück. Dann lodern Zettelfeuer, Rauchopfer der Gefühle. Die Nächte sind schon wieder lang, die Flaschen sammeln sich im Flur. Ich habe das alles klar durchdacht. Ich weiß es doch. Aber was sonst tun, als darüber schreiben, vielleicht endlich klare Worte finden können. Sie nach draußen stellen, wo sie jeder sieht. Ich brauche Zeit. Ich habe nichts als Zeit. Zeit tötet, so oder so. Ein Text ohne jeden literarischen Wert, ohne belletristischen Charme. Geschrieben aus Verlegenheit, die Gewohnheit ist – oder anders herum. Als Schreibtherapie verkauft man so etwas. Die Kunst dabei ist, sich selbst einmal zu denken, als könnte jemand anders es verstehen. Danach glaubt man sich selbst zu verstehen. Aber auch wenn ich meine Wünsche nicht kontrollieren kann, so doch meine Handlungen: Austrinken, abhauen.
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Mai
12
2009
Freund, frisch zur Hand und reich dem Jüngling den Pokal. Auf diesen Schluck Vergessen wartet eine Welt, die bloße Angst vorm Nichts noch in den Fugen hält. Ein Durst, der sich in dünnem Blut erfand.
Zertrenn das Band, das mich ans Leben knüpft. Zerschlag der Hoffnung Stütze. Sei mir ein Freund, in dieser letzten Nacht mir endlich zu was nütze. Bring das Geschirr, füll meinen Becher zum Rand.
Den Trank aus blassem Kraut, vom Doldenschieferwein. Schenk ein, den Flurenmost, dass tief im Bauch der Traum entgast. Dort hab ich Leben, Liebe längst zu blutgem Stuhl verdaut.
Nein! Was zu reden war, ist aufgeschrieben. Was Leben ist, ward längst gesagt. Es nagt kein Wunsch, kein Glauben mehr an mir. Wer nie gewann, ist schließlich der, der nichts mehr wagt.
Niemand mehr hier, der mich entzweit. Nun kenn ich alles, hab die Welt geschaut. Bald wird es wieder jung und kalt. Ich freue mich darauf, wie man sich auf die Erde freut.
Freund, schweig. Reich einem alten Mann seinen Pokal. Nach diesem Schluck Vergessen dürstet eine Welt, die aus dem Nichts entstand und die ins Nichts zerfällt.
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Mai
5
2009
Ich wollte etwas schreiben: Mit Körper, Seele, runden Formen. Nun will es nicht, nicht passen. Und doch, du hättest es verdient.
Ich wollte etwas sagen, so lange schon und ja, es will nicht passen. Dabei wär‘s weder rund noch körperlich, nur Seele hätte es, wenn es denn sowas gibt.
Ich wollt, ich könnt dich lesen. So wie auf meinem Blatt Papier, in dir ein Stück von mir. Doch schein ich nicht zu passen.
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Apr
10
2009
lesen, was keiner liest,
schreiben, was keiner liest,
leben, was keiner liebt,
lieben, was keinen liebt
ertragen, was keiner trägt
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Apr
6
2009
Geschmeiß auf Papier,
braun-weiß,
flüstert zu dir:
Verzeih ’s.
Ich grabe mich ein. Bereue mein Leben und habe seit Längerem das Gefühl alles falsch zu machen ohne jedoch diese Gewohnheit ablegen zu können. Eine seltsame Nervosität, die man mir anmerkt. Man hält besser Distanz.
Lass sein.
Deckel drauf.
Nägel hinein.
Erde zuhauf.
Alternativen gibt es nicht, nur was man tut – und das ist wenig: Meine Stifte, deine Briefe brachte ich zum Wertstoffhof. Ich strich die roten Wände schwarz. Mein Herz liegt schon beim Schlachter.
Entgangen
Entsagt
Vergangen
Versagt
Wir schrieben uns. Wir schrieben uns ab. Zusammen gingen wir auseinander. Das Leben ist eine Phrase, die jeder drischt, jeder fallen lässt. Ich halte – meinen Mund.
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Feb
10
2009
Als ich noch jung war, da brauchte ich nur Papier auszulegen um die Zeilen, die Verse aufzusaugen, die sich aus mir ergossen. Doch zu was für einen Menschen hat mich das gemacht? Es ist ja nicht so, dass einen bloß die äußeren Umstände in eine Rolle drängen. Und wer sonst wechselt seine Bettlaken höchstens einmal der vielen Tintenflecken wegen? Nun drängen die äußeren Umstände schon länger dazu, die bisherige Rolle abzulegen. Wieso auch nicht? Mit dem Alter fällt es immer schwerer, dem Papier noch ein paar Wörter zu erpressen. In jedem Tropfen schmeckt man alte Zeiten wieder, glücklich machen sie einen nicht mehr, zeigen sie doch wie verdorrt man mittlerweile ist. Trotzdem, die Rolle seines Lebens legt man schwerlich ab. Schon gar den Stift nicht aus der Hand, egal wie müde sie auch sein mag. „Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen/ Gilt für weise.“ Noch schreibe ich gegen das Vergessen an. Schreibe mich weiter, neue Zeilen meiner Rolle inmitten eines schlechten Films. Ich bin ein self-made-up man, erzähle mir mehr davon. Es wird einmal. Doch wer glaubt noch an solche Märchen; wer nimmt die Filme noch ernst, die Dialoge aus denen wir unsere Leben zusammensetzen. Für die Kritik leicht durchschaubar, hätte ihr Wort Gewicht.
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Jan
12
2009
Und das neue Jahr geht dir erst wieder auf, als du es in den Todesanzeigen liest. Du bist unter deinesgleichen, unter Freunden – so sagen sie. Was das heute noch heißen mag steht auf einem anderen Blatt. Reziproke Nutzungsverhältnisse herrschen vor. Esprit wird nach außen getragen, Karierung. Nicht Ziehung, Beziehung. Ich hörte, mit Sonntagen habe das etwas zu tun. Entschuldige, hätte ich keine Blähungen, dann würden wir sicher etwas unternehmen, miteinander.
Da stehen Zwei innerhalb von vier Pfosten und schlagen sich ins Gesicht. Das Blut spritzt nicht, es platzt von der Stirn, von den Wangen. Tänzeln und Stampfen. Es gibt Regeln, ja, es gibt Technik auch hier. All das ist Kunst und Musik.
Ich sehe zu, sehe mir all das an. Dieses Verhalten zueinander, zu mir. Mein Sein in Bezug. Papier in nervösen Händen. Seit Monaten habe ich keine Zeile mehr erhalten von dir, Jahre werden daraus und ich alt dabei. Langsam ringeln sich falten auf meiner Haut grau sprießender Haare. Aus einem Ansatz wird Bauch, auch.
Haben sie sich so eine Beerdigung schon einmal angesehen? Da stehen sie alle aufgereiht und klatschen einander ab, beim kondolieren. Hinten an einem Seitentisch trinken die Sargträger und Totengräber bereits den ersten Schnaps nach getaner Arbeit. Wer will ihnen das streitig machen. Wer würde sich nicht betrinken wollen an diesen langen Tischen mit notdürftigen Gesichtern.
Mein Leben ist nicht episodenhaft, keine narratives Ganzes. Es liegt hinter mir als eine schiere Masse umgeformter Gedanken und loser Reime. Jetzt ist nicht Fluchtpunkt. Ordnung bringe ich in dieses Ding keine mehr hinein.
Schreiben hat nichts mit Genuis zu tun, mit Inspiration schon gar nicht. Glauben Sie Novalis wäre ein fauler Mensch gewesen, müßig durch die Wälder schweifend, ein bloßer Getriebener in dem Stollen des Wahns? Jede Hymne ist eine Fleißarbeit, ihre Strophen sind pure Arbeit. Aus einem hohlen Block Papier schneidet man in Stunden und Wochen ein Werk.
Auch Ich hielt mich für etwas besseres, beseelt von den Musen eh ich erkannte, dass Kalliope und selbst Euterpe höchstens halbtags arbeiten. Vielleicht sind sie auch nur gerade in Mutterschutz. Ich für meinen Teil setze mich nun jeden Tag eine Stunde hin. Hier. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Stift. Komme, was wolle.
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