Jul 17 2010

Momentan ist mehr nicht drin

Zorn, der keinen Adressaten trifft. Drogen ohne Bewusstsein. Verschwendete Mühen. Leerraum, Abraum zu füllen mit Gefühlen, gäbe es welche. Da wo Menschen aufeinanderprallen, in den Korridoren purer Verzweiflung. Und jemand findet doch sein Glück, so nennt er es. Doch dieser jemand bist nicht du.

Ich habe mir einen Aufguss bereitet, koche fetzenweise Vergangenheit auf und rühre lustlos in dem Sud herum. Mein Leben hatte nie Struktur. Also denke ich nach, schließe die Augen. Doch da sind nur die trüben Partikel schemenhafter Staubgebilde auf meinen Pupillen. Kein Gedanke, der mich heilen könnte.

Ich habe einen schönen Traum geträumt, in dem ich verstand, sie mich verstand. Ich wachte wortlos auf und habe nun nichts mehr zu sagen. Schlafen darf ich nicht mehr, will ich nicht zum Träumer werden. Nicht, dass ich schlafen könnte.

Schlägt immernoch in meiner Brust etwas. Gleich Geschwülsten frisst sich Leben durch mein Dasein, blutet Willen in den Tag. Ein kurzer Funken und dann ist da nur noch warme Luft, lange Atempause und der Schweiß, der kommt wenn mein Gedanke dich berührt.

Niemand anbei. Ein Mensch der dich zerstört, so nenn ihn Freund. Es gibt sonst keinen Menschen mehr.


Feb 19 2010

Bahnhof

Disteln wuchern zwischen aufgesprengtem Asphalt, verrostetes Eisen daneben und darunter Balken, mit Bolzen an die Erde geschlagen. Augen liegen verschlafen darauf und tasten sich vor zur perforierten Schalterscheibe. Dies ist der Bahnhof – erbaut von Menschen für Maschinen. Nur ein paar hölzerne Bänke haben sie sich gegönnt, fest in die Mauern geschraubt.
Bölke steht an der Begrenzung, die mit Neon beschienen wird wie alles hier. 18 Stunden am Tag fahren die Züge, 8 pro Stunde auf 6 Gleisen. Selbst die Fahrgastzahl bleibt gleich, versteht sich von selbst. Sonst könnte man auch den Schaffner fragen. Menschenmüde schrägt er neben den stehenden Waggons. Für ihn bedeutet dieser Ort nur etwa 20 Minuten seines Tages. Ein Name wie all die anderen. Auswendig weiß er sie zu sagen: Lünen, Borghausen, Esch.
Nichtssagende Punkte auf Linien, die das Land zergliedern. Bölke sieht auf den Plan, der öffentlich aushängt. Einer dieser Züge nennt sich Metronom. „Passend“. Doch dann tut jemand einen Seufzer. Ein Clown – große Schuhe, Blume am Revers und Schminke unter den Augen. Er setzt seine Mütze ab und fährt sich durch die krausen Haare. Eine Reise tun. Nur weg von hier. Von diesem Ort wie all die anderen; monoton und schlecht bestückt mit immer gleichen Plastikbeschilderbäumen. Zeitschriftenregale dort. Bier gibts überall.
Es zischt und hält sich an. Blutet Menschen in die Masse, die am Bahnsteig steht. Doch bleibt für kurz ein Stück von Ziel und weit, weit weg. Bölke steigt ein. Er sieht in jedes Eck und öffnet jedes Fach. Dann nimmt er leere Dosen aus dem Müll. Behutsam legt er sie in seine große Tasche. Es bleibt ihm nicht viel Zeit an einem kleinen Bahnhof so wie diesem. Es ist erst Dienstag und die Woche tief.
Längst zu spät, macht jeder nur, was ihm zu tun gegeben ist. Und hieß es auch, man nimmt sich einen Strick zum Hals. Doch sehr daran gewöhnt ist man, zu leben. Deshalb kommt alles, wie es kommen muss.
Glasflaschen bringen nichts, die sind das Tragen kaum nur Wert und Bölke dafür sich zu schade. Sonst eigentlich ein guter Job, manchmal findet man auch Sachen andrer Art im Polsterspalt, ganz hinten im Waggon. Die Menschen sind hier recht vergesslich und ihre Hast dem Orte angemessen.
Ein Zug kommt nie zu früh, braucht stets zu lang. Weshalb dient er so oft als schmutzige Metapher? Bölke lacht über sich selbst. Ja schlau zu sein, intelligent, kann sich nur wünschen, wer selbst dumm ist. Dumm zu sein kann sich nur wünschen, wer selbst dumm ist. Und so hat jeder jederzeit sein Unglück in der Hand.
Der Zug fährt an. Bölke vergeht das Grinsen. Zu langsam - selbst für das hier ist er es und lachen kann schon wieder nur der Schaffner: „Teures Hobby ham‘ se da.“ Er hat wohl Recht.


Jan 22 2010

Neujahr

Sollte man jemals Anlass dazu finden, dann schreibe man von mir: Er tat sich schwer mit Allem, Wenige taten sich schwer mit ihm. Und er hatte ein reines Gewissen, bei Gott. Ich habe meinen Frieden mit Allen gefunden, längst nicht mit Allem und doch mit mir selbst. Ich tat wozu ich im Stande, wenn auch mein Können begrenzt, so war es doch da und ich sah, dass es gut war.
Jetzt hintergehe ich mich: Mein Selbst streift jede Ordnung ab, wird bloßes Sein und mehr als das. Viel mehr als Nichts, dass mir Voraussetzung gewesen. Ich bin im Flow. Eher noch: Es fließt etwas. So gibt sich Mannigfaltigkeit, wenn niemand da ist, der sie unternimmt. Ein substanzieller Wackelpudding: Gott, der keine Namen weiß. Da lässt sich zeitlos zwar nicht denken, aber sein = Ich, das ist nicht frei von Etwas. Nein, Freiheit selbst ist – Es.
Bin ich nun etwas anderes? Unmöglich darauf ist die Antwort wie auf jene Frage, wie es war, als ich da wurde, wer ich bin. Werden, das ist Nichts, das bleibt. Sein, das Ende in sich trägt – wie jeder Mensch den Tod. Dies Sein, das niemals wird, bleibt auch das Werden, das nicht ist.
Und alles geht vorbei.


Jan 7 2010

tempus fugitive

Man darf heute ja alles anzweifeln. Sogar die Strukturen der Marktwirtschaft fallen seit Neuestem darunter. Die Finanzkrise führte zu Feuilletonschlachten, in denen der Kapitalismus als entfesselt und entmenschlichend dargestellt wird. Doch übersieht man dabei, wie kapitalistisch unser Denken bereits ist. Wir betreiben diese Wirtschaftsform nicht allein deshalb, weil sie unsere Bedürfnisse befriedigt, sondern weil wir ihre Bedürfnisse zu den unsrigen gemacht haben. Wir haben den Geist des Kapitalismus verinnerlicht. Wir selbst sind entfesselt und wenn es für den Kapitalismus stimmen sollte, sind auch wir entmenschlicht. Nicht nurmehr der Markt oder seine Unternehmen, wir Menschen wollen expandieren, akkumulieren und unsere Konkurrenten verdrängen. Samt und sonders Ich-AGs, rationalisieren wir unsere Handlungen innerhalb der Arbeitswelt, wie der Freizeit. Beziehung, Familie und Freundschaft bleiben davon nicht verschont. Das Kosten/Nutzen Verhältnis wird zum einzigen Maßstab und alles, was in diesem Lichte unvorteilhaft erscheint, schlicht „wegrationalisiert“.

Man kann einwenden, dies sei keine neue Entwicklung. Der Mensch habe immer schon danach gestrebt, sich das Leben leichter und komfortabler zu machen und deshalb sei er stets bemüht gewesen, seine Arbeitsprozesse zu optimieren. Und das stimmt. Ein Pfluggespann ist besser als eine Hacke, denn es erleichtert die Arbeit – verkürzt sie und erhöht ihre Produktivität. Dieser Produktivitätsgewinn hat erst einmal dazu geführt, dass ein Bauer mit weniger Arbeit mehr Ertrag erwirtschaften konnte. Die Folge war ein leichteres Auskommen, Brot mit etwas weniger Schweiß im Angesicht. Aber der moderne Mensch strebt eben nicht mehr nach Komfort und einem leichten Leben. Man kann sich das sehr leicht vor Augen führen: Wie viele Stunden müssten sie jeden Monat arbeiten, um eine Wohnung und die Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen zu können? Reicht das?

Nein! Werden sie nun empört sagen – oder gleich Sozialleistungen beantragen, denn deren Bemessungsgrenzen würden ihnen ansonsten einen für sie ausreichenden Lebensstandard nahezu ohne Arbeit ermöglichen. Und nicht nur ihnen reicht das nicht. Auch der Bauer machte nämlich nicht einfach Feierabend und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein, als er plötzlich denselben Acker in einem Bruchteil der Zeit pflügen konnte. Er vergrößerte ihn und schaffte so ganz nebenbei die Subsistenzwirtschaft ab. Die verschwand in Deutschland allerdings erst im Laufe des 19. Jahrhundert und damit parallel zur Durchsetzung jener Entwicklung, die wir heute mit Industrialisierung bezeichnen. Vor dieser Zeit hatte die Erleichterung der Arbeit vor allem einen Zweck: Weniger und leichtere Arbeit zu haben. Arbeitslosigkeit war kein Fluch, sondern der Traum ganzer Jahrtausende – wenn es denn nicht mit Auskommenslosigkeit einher ging. Aristoteles etwa sah in der Lohnarbeit den größten Feind des Denkens. Die Höchste Befriedigung eines glückseligen Lebens stellte für ihn dagegen nur eines dar: Nichts tun; kontemplativ den Sternenhimmel betrachten oder schlicht nachzudenken als das dem Menschen größtmögliche Glück. Wer da durch laut sägenden und hämmernden Maschinenlärm des Nächtens gestört wird, preist dies kaum als Segen einer durch-“rationalisierten“ Gesellschaft.

Heutzutage darf man ja alles tun, nur nicht nichts. Es ist das seltsamerweise völlig akzeptierte Paradigma eines dogmatischen Pragmatismus, dass es besser sei alles falsch zu machen, als es gar nicht erst zu versuchen. Aber ist denn wirklich besser ein schlechter, dummer Präsident zu sein, als die Wahl gar nicht erst anzustreben? Kein Wunder, dass einer so verantwortungsloser Auffassung der Begriff „Demut“ abhanden gekommen ist, ja sogar als moralisch anstößig gilt, wie eben das Nichtstun selbst. Man mache sich das klar: In diesem Sinne waren etwa die meisten Philosophen, Kirchenväter, Poeten und Wissenschaftler vergangener Epochen höchst unmoralisch – Sie machten die meiste Zeit nichts. Sie gaben sich der Muße hin. Muße ist aber ein gänzlich anderer Begriff als unsere heutige Freizeit, die mit Freiheit so gut wie gar nichts mehr gemein hat, sondern nur mit Herstellung. Wiederherstellung der Arbeitskraft, Konsum des Erarbeiteten zwecks Schaffung neuer Nachfrage für Arbeit. Muße dagegen ist der kreative Freiraum, den sich ein Individuum selbst gibt und in höchstem Maße Selbstverwirklichung. Deshalb entfremdet ausartende Arbeit auch, weil sie uns der Muße beraubt. Sie artet aus, weil sie nicht mehr dazu da ist, ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern selbst als das angenehme Leben erscheint: Liebe deine Arbeit, mache sie zu deinem Leben. Wollen wir das wirklich?

Bevor sie diese Frage beantworten, führen sie sich bitte eines vor Augen. Sie werden sterben. Und die meisten von uns sterben zumindest nach eigener Einschätzung viel zu früh. Zeit ist der einzige Rohstoff, den jeder Mensch hat und es ist ebenfalls derjenige, an dem es uns Allen ermangelt. Und zwar existenziell. Arbeitszeit ist eben deshalb das wichtigste Gut im ganzen Wirtschaftsprozess – sie verleiht Produkten ihren eigentlichen Wert (leider nicht immer ihren Preis). Was ich kaufe oder bezahle, muss ich selbst nicht mehr Herstellen oder tun. Bei Dienstleistungen ist uns dies klar, aber auch Produkte sind letztlich nichts anderes als an einem Rohstoff materialisierte Arbeitszeit. Diese lässt sich auch recht leicht wieder zurück rechnen, jedenfalls für einen selbst. Überlegen sie sich vor ihrem nächsten Besuch im Reisebüro einfach mal nicht, wie viel Geld, sondern wie viel Arbeitszeit sie für ihren Flug erbringen müssen. Wie viele Tage ihres Lebens haben sie ihrem Auto geopfert, leben sie heute einmal nur für ihre neue Mikrowelle?
Die arbeitsteilige Gesellschaft hat uns eine derartig große Produktivität verliehen, dass wir mit relativ geringer Arbeitszeit unsere grundlegenden Bedürfnisse stillen können. Das ist tatsächlich ein Fortschritt. Wie lange würden sie brauchen, um eigenhändig ein Pfund Mehl herzustellen und wie schnell schaffen sie es dagegen, mit ihrem Stundenlohn ein Pfund Mehl aus dem Supermarkt bezahlen zu können? Doch dieser Fortschritt hat kaum zur Reduktion der individuellen Arbeitszeit geführt. Jedes Jahr steigt die Produktivität weiter, doch seit Jahrzehnten arbeitet man gemeinhin 8 Stunden täglich. Gleichzeitig sind Millionen gänzlich arbeitslos und müssen aus den 8 Stunden der arbeitenden Bevölkerung gegenfinanziert werden. Ja, es werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt, die ebenfalls aus ihren 8 Stunden Lebenszeit bezahlt werden, nur damit jene Arbeitslosen nicht zu viel Zeit mit sich allein haben. Und das ist es, was die eigentliche Perversion unserer Gesellschaft darstellt: Dass man zu viel Zeit für sich haben kann, angeblich. Muße? Fehlanzeige.

Wir erarbeiten uns zwar einen immer größeren Wohlstand, der macht uns aber erwiesenermaßen nicht glücklicher. Im Gegenteil, unser schlimmster Mangel wird uns nur noch deutlicher: Der Mangel an Zeit, Lebenszeit: Muße. Ob die uns glücklicher machen kann? Nehmen wir uns doch die Zeit, es heraus zu finden. Wir haben ja nur noch den Rest unseres Lebens. Oder zumindest die Zeit, in der wir arbeitslos sind.


Aug 10 2009

Endlich normale Menschen

Ein klassischer Abgang - als sie geht, beginnt es dicke Tropfen zu regnen. Es donnert. Ein reinigendes Gewitter nennt man das wohl. Schlussstriche ziehen, vorgezeichnet sind sie ja bereits, auf den Straßen etwa. Nur an gewissen Stellen zu überqueren. Auf Lichtzeichen hin, die Menschen ähneln. Verzerrt, fast wie das Leben entstellt. Wäre Verwesung kein höchst lebendiger Prozess, sie würde keinen Ekel erregen. Totes ist nicht hässlich, niemals. Doch das sind abstrakte Gedanken. Ergebnisorientiert muss man denken. Sich wieder angewöhnen, den Selbsthass auf andere zu projizieren; sich abgewöhnen, seinen Selbstwert anderen zuzuerkennen. Lernen sollte man, Menschen nach ihren Taten zu bewerten; nicht nach den eigenen Gedanken. Das klappt so nicht. Uns klappt nicht.
Ich war auf der Straße und dort war es so heiß, wie ich betrunken. Ich weiß nicht, wusste nicht, was ich dort sollte. Aber ich bin mir sicher dort gewesen zu sein. Nicht nur ich bin es gewesen. Teil war ich, Teilmenge. Es gibt ja Situationen, die klingen vielsagender als sie sind. So etwa: Zwei Sekt bei Vollmond. Doch dann schmeckt der Sekt nicht und ihr schmeckt es gar nicht. Der Mond bewegt sich auch viel zu schnell. Aber das war etwas anderes. Das war davor.

“Schon wieder da?” Die einzige Frage ist es, die man mir noch stellt. „Schon?“ Hätte ich später kommen sollen, oder überhaupt nicht? Ich bin mir selbst nicht mehr ganz sicher. Entschuldigen werde ich mich in keinem Fall. Das ist Teil des New Deal. Wann war das? Da waren Menschen, die schlugen aufeinander ein. Irgendwie erinnerte mich das an mich selbst. Gemahnte mich, Prioritäten zu überdenken. Konsequenzen abzuwägen und Menschen umzuwerten. Letztlich kommt man dazu, sämtliche Allsätze zu verwerfen. „Liebe ist alles“ „Alles ist schlecht“ „Was soll das alles?“ - Ungültige Ausdrücke. Klarheit, Einzelaussagen braucht es. „Ich liebe X“ „Ich hasse X“ „Ich suche einen Mitbewohner Y“. Welcher Term soll es sein?

„Menschen bringen einen weiter!“, sagte sie, als wir wieder an genau derselben S-Bahnhaltestelle ankamen, an der wir ausgestiegen waren. Plötzlich liefen wir mitten in diesem Umzug mit. Schwule waren es, Frauen und Fetischisten. Abneigung erntete nur ich.
Aber irgendwann hört auch das Denken auf. Damit die Zeit. Endlich wird sich das Fühlen verlieren. Eines Tages wachst du auf und es ist der letzte Tag, vom Rest deines Lebens.


Jul 25 2009

In eigener Sache

In den Augen meiner Mitbewohnerin bin ich ein Bauer, denn ich wuchs in einem Dorf auf. Dort gab es Bauern, eine handvoll, deren Erkennungszeichen karierte Hemden in umgürteten Jeanshosen waren. Ich habe niemals Hemden unter Gürteln in Jeanshosen getragen. Dennoch hat mich mein Umfeld geprägt. Ich wollte dort weg.
Meine Sozialisation ereignete sich dementsprechend in der nächstgrößeren Kleinstadt. Ich bin meinen Eltern noch heute zutiefst dankbar, mich dort auf eine konfessionelle Schule geschickt und mir somit die Eingliederung der Gemeindegesamtschule erspart zu haben. Anders als an dieser waren in jenem Hort des Katholizismus nicht nur die Schüler weitaus vielschichtiger: Sie soffen nicht bloß, sie hörten auch Musik. Und gleichwelches Geschlecht, es gab unterschiedliche Frisuren.
Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich nach eher schleppendem Auftakt irgendwann recht gut in der Schule. Es war wohl zu der Zeit, in der die meisten Menschen aufgrund ihres hormonellen Haushaltes zumindest hinsichtlich ihrer schulischen Leistung einknicken und dabei Leute wie mich weitaus intelligenter aussehen lassen – der Benotung nach Klassenschnitt sei dank. Frauen brachten mir nie etwas anderes als Frust. Und wer hier liest, der weiß, dass Frust einer der wenigen Motivatoren in meinem Leben ist.
Doch man mag es kaum glauben, die ganze Mittelstufe hindurch war ich der Klassenclown. Mein Hang zur Ironie verfärbte sich erst später ins Tiefschwarze. Ich selbst kann es nicht mehr glauben, aber zu jener Zeit gehörten kanariegelbe Hemden und Shorts mit riesigen Sonnenblumen darauf durchaus zu meiner Garderobe. Dabei blieb es jedoch nicht. Gott sei dank.
Nach meinem Abschluss wechselte ich von der konfessionellen Schule an eine Klosterschule. Dort sammelte ich die wohl seltsamsten und prägenden Eindrücke meines Lebens: Ich traf die ersten Hippies, erhielt meine erste Eins in Religion bei jenem Lehrer, der Marienbildnisse als „Wichsvorlagen für Zölibatäre“ bezeichnete und trug zum letzten Mal Kleidung, die mehr als zwei Farben aufwies. Ein geistig fruchtbares Umfeld - es gab sogar Philosophieunterricht.
Wenn ich heute das Wort “Politeia” lese, muss ich immer an jene Kleinstadt zurückdenken, deren Größe wohl mit der des antiken Athens vergleichbar ist. Und ebenso vergleichbar war die soziale Struktur: Ab einer gewissen Ebene kannte man sich. An jener Schule trafen sich der Sohn des Bürgermeisters, des größten Bauunternehmers und auch des Zahnarztes mit dem kleinen Stadtschlösschen. Nur Sklaven gab es nicht und anders als unter den Geistesgrößen der platonischen Akademie war hier die Lohnarbeit nicht als Gedankentod verschrien. Schließlich wurde man von Lohnarbeitern unterrichtet, von den paar Mönchen einmal abgesehen. Genau wie in Athen jedenfalls, reisten die Schüler mit größeren Karossen an und ab als ihre Lehrer.
Heute frage ich mich manchmal, in welcher Weise mich meine Jugend zu dem gemacht hat, was ich bin. Obschon ich viele grundlegende Gedanken und Ansichten schon mein ganzes Leben zu haben glaube, sollte man sich doch nicht zu leichtgläubig dem eigenen Storytelling hingeben. Hat man nicht schon oft genug den Satz gehört, Prioritäten würden sich ändern? Meiner Erfahrung nach sind es jedoch eher Entschuldigungen, die sich ändern. Prioritäten (z.b. „Ich“ oder „Wir“) bleiben sich meist gleich.
Was die Persönlichkeit prägt sind deshalb vielleicht auch nicht jene Dinge, die man macht. Eher, was man unterlässt. Logisch gesehen, ist das nur Haarspalterei, aber Logik ist nicht alles. Das war leider erst eine meiner späteren Erkenntnisse im Umgang mit Menschen.


Jun 30 2009

Was tun? - Münster und der Bildungsstreik im Juni 2009

Vor dem altehrwürdigen Münsteraner Dom steht ein hölzernes Rednerpult. Dahinter ein Mann mit grauen Haaren und einigen Zetteln in der Hand. Er ließt ab, beschreibt den Unterschied zwischen der Erklärung natürlicher Ereignisse und dem Verstehen menschlicher Handlungen. Wenn ein Apfel fällt, zum Beispiel, dann ist dies ein Ereignis und keine Handlung. Es lässt sich genau voraussagen wo er auftrifft und ebenso präzise bestimmen, wann er seinen Halt verlor. Es geht um Willensfreiheit. Wo etwas nicht auch hätte anders sein können, kann es keine freie Entscheidung gegeben haben. Freiheit braucht Modalität. Physikalisch ist dies nicht zu erfassen, denn die Physik kennt keine Modalität. Sie kennt nur Tatsachen. Und auch ihre Betrachtung der Zeit ist nicht modal sondern dimensional. Ein Zeitstrahl, zum Zeitpunkt t: 0 ist herrscht ein bestimmter Zustand und es kann nicht anders sein, als es ist.

Alles ist doch eine Frage der Skalierung, auch bei der Beurteilung von Menschen. Welche Zeitabschnitte sind relevant, um ein Ereignis zu erklären, oder gar eine Mentalität? Gibt es überhaupt noch eine Berechtigung, Menschen als zusammengehörige Gruppe zu beschreiben, nur weil ihr Geburtsdatum nicht weiter als gut ein Jahrzehnt auseinander liegt? Es scheint doch weit wichtigere Faktoren der Vorsehung zu geben, die unser Leben voraus bestimmen. Die OECD hat in Studien einerseits herausgestellt, dass weniger die Generation, als vielmehr der Status der Eltern die Ausformung des Lebens vorausbestimmen. Andererseits zeigte sie, dass soziale Unterschichten heute kaum mehr Berührungspunkte mit höheren Schichten teilen. „Abkoppelung“ ist der schöne Fachbegriff dazu. Was ließe sich also noch im Allgemeinen sagen zu den Menschen, die ich als meine Generation bezeichnen müsste? Was hat uns zu dem gemacht, was wir sind - was sind wir? Ich denke dabei kaum an die Vergangenheit, denn es gibt keine Mondlandung, keinen Mauerfall, der sich mir als entscheidend ins Gedächtnis geprägt hätte, persönliche Ereignisse sind es vielmehr. Massenwirkung kann ich keinem zuschreiben. Und massive Wirkung kann ich auch nichts von dem zuschreiben, was man heute im Allgemeinen mit meiner Generation verbindet. Mit der Musik, die wir angeblich hören. Den Erkennungszeichen, die wir mit uns führen. Gibt es solche überhaupt? Die Mode schlägt sie vor. Der Markt palettiert sich nach den aktuellen Kultursparten und absorbiert selbst jene Strömungen, die ihm feindselig gegenüber stehen. Aber das ist nicht neu, einen Grammy für alternative Musik gibt es bald 20 Jahre.

Im WDR5 spricht eine Münsteraner Studentenvertreterin für den Bildungsstreik. Sie sehe sich selbst in erster Linie als Kundin, so sagt sie, die viel Geld für die Bildung ausgebe und deswegen vor allem einen besseren Service erwarte. Damit bringt sie das Bildungsverständnis vieler ihrer Kommilitonen auf den Punkt. Solch Argumentation versucht nicht einmal ein übergreifendes Anliegen zu suggerieren. Sie streikt für ein Preis/Leistungsverhältnis das noch mehr zu ihren Gunsten geht, sie betreibt Lobbyarbeit in eigener Sache. Das ist es vielleicht, was abseits der multimedialen Protestformen neu ist. Der Glaube, das Vertrauen in Nichts außer in den Markt und die Selbstvermarktung. In den Kunden, der einem sagt was man tun soll und dem Kundigen, der einem sagt, wie man das hinbekommt. Hierin erschöpfen sich Hoffnung, Glaube und Gewissen. Wie die Werbung eines Schweitzer Finanzdienstleisters verspricht: „Wir fühlen uns einzig unseren Kunden verpflichtet“ – weder Staat noch Gott. Und dieses Selbstverständnis entfaltet sich überall.

In einem Seminarraum der Politikwissenschaft sitzen Studenten, zum Großteil Frauen, aber das ist hier nichts Ungewöhnliches. Die Referentinnen des katholischen Hilfswerkes Misereor erläutern die Entwicklungsarbeit ihrer Organisation am Beispiel Afrika. Sie beginnen den Vortrag damit uns mitzuteilen, wie sehr sie sich über die große Anzahl an Teilnehmern auch aus anderen Fakultäten freuen. Sie hatten zuerst erwartet, überhaupt niemanden hier anzutreffen – es sei ja Streik. Die Organisation und Arbeitsweise der Entwicklungshilfe werden von den dennoch Anwesenden interessiert zur Kenntnis genommen. Schließlich stellt jemand die Frage, wie die Referentinnen zur aktuellen Debatte um den Nutzen der Entwicklungshilfe überhaupt stehen würden. Ein Teilnehmer meldet sich mehrfach mit seiner Einschätzung zu Wort, dass man es in Krisengebieten nur zu genug Elend und damit Zorn kommen lassen müsse, so dass die Menschen schließlich aufbegehren und die Situation eigenhändig verbessern. Dabei würde es sicher auch zu Blutvergießen kommen, aber das sei nun mal der Lauf der Geschichte und legitim, wenn es denn zu Verbesserung führe. Er selbst könne das einschätzen, sagt er, denn er sei Afrikaner, selbst wenn er nicht so aussehe. Die Referintin antwortet: Zorn, Eigeninitiative, das seien in jedem Fall wichtige Faktoren. Es werden Flyer zum weiteren Programm der Fakultät gereicht. Ein Diskussionsabend mit Buffet und Filmvorführung, zur späten Stunde folgt „Powerpointfreestyle anschließend Dancefloor“ – Die lange Nacht der Bildung.

Ein befreundeter Master der Politikwissenschaften, der mich regelmäßig zu Landesdelegiertentagen der Grünen einlädt, erwidert auf meine Nachricht, ich schriebe gerade einen Artikel zum Bildungsstreik erst einmal die Frage, von welchem Streik ich denn spreche. Reaktion: „Interessiert keinen, sag ich dir jetzt mal so auf den Kopp.“ Und in der Tat behält die kleine Blondine, die vor dem Dom die Menschen anspricht und ihnen grüne Zettel hinhält, während da ein Professor über Willensfreiheit doziert, die meisten Flyer zurück. So recht kann niemand etwas damit anfangen, obschon das Wort Bildung in fetten Lettern zu lesen wäre. Doch geht es hier kaum um Bildung, als vielmehr um Ausbildung. Für die Rechte von Auszubildenden und Berufsanfängern würden in Deutschland wohl kaum Streikwellen das Land überschwemmen. Kann einen solch müder Protest überhaupt interessieren? Seit Wochen liegen meine Notizen dazu nun schon auf dem Schreibtisch ohne dass mir irgendeine Motivation gekommen wäre, mich mit der Beendigung dieses Artikels zu beeilen. Nur den Schlusssatz habe ich mir irgendwann dazu geschrieben, dass wer streiken wolle, wohl erst einmal arbeiten müsse.

Es ist Mittwochmorgen, der Dom zeigt fünf vor zehn. Vor der Uni stehen kleine Grüppchen, reden und rauchen. Die Parkplätze sind voll, die Fahrradständer belegt – so wie die Hörsäle. Nichts erscheint verdächtig. Auf dem nahegelegenen Domplatz ist Markt, wie jeden Mittwoch. Die Älteren und Alten kaufen frisches Gemüse und Schnittblumen. Im Hintergrund kann man ein leises Sirren hören. Eine Straße weiter demonstrieren Studenten und Schüler mit Plakaten und Trillerpfeifen. Schulmädchen in pastellfarbenen Sommerkleidern schwenken eine Fahne, während ihr Lehrer ihnen den Ablauf des Umzuges erklärt. Weiter abseits steht ein grüner Polizeitransporter, an dem ein Polizist lehnt und lächelt. Seine Kollegen auf den Sitzen dösen unter der Sonne. Links und rechts der Demonstranten flanieren Leute auf Einkaufsbummel durch Schmuckgeschäfte und Boutiquen. So viele Schüler laufen herum, dass man ein schlechtes Gewissen hat, sich eine Zigarette anzuzünden. Alles in allem bietet der Münsteraner Prinzipalmarkt mit seinem Kalksandstein eine gute Lärmdämmung und einzig der Straßenakkordeonist ist in die Seitengasse vor das Kaffee Kleimann gezogen, wo ihn eher der geschäftige Lärm der Kaffeehausbesucher übertönt, als jener Protest. An der Spitze des Demonstrationszuges stehen einige Fahrzeuge des Roten Kreuzes und sammeln Blutspenden. Viele Schüler bleiben stehen und lesen das Infomaterial, während andere sich gegenseitig und die historische Altstadt fotografieren. Aus den Lautsprechern der Demonstrationsleitung dringt eine dumpfe Baseline. Währenddessen ist vor dem Universitätsschloss bereits eine Bühne aufgebaut, auf der eine Ska-Band probt. Sie erwarten die tausende Zuhörer, die sich ihnen mit großer Verspätung entgegen schieben. Doch noch lange bevor der Zug eintrifft, stehe ich zum ersten Mal seit Jahren vor dem Studierendensekretariat im Schloss und denke darüber nach, mich zu exmatrikulieren.


Apr 18 2009

Gedankenspiele

Der Mann saß am Fenster. Die Frau an ihrem. Draußen war es längst dunkel geworden. Wie einfach doch die Sprache ist, dachte er, ein bloßes t macht die Liebe zur Vergangenheit. Wäre das Denken doch rein sprachlich. Sie dachte an viele Dinge, nicht aber an Liebe. Schon rein sprachlich lehnte sie dieses Wort ab. Der Mann ging an die Luft. Er trank um sich an seinen besoffenen Gedanken zu berauschen. Die Luft benötigte er in erster Linie um zum atmen (Kathartischer Ricorso). Sie trank nicht. Sie trank nicht mit ihm. Sie dachte nicht daran, mit ihm zu trinken. Sie dachte nicht an ihn. Er dachte darüber nach, was sie wohl am liebsten trinkt. Nach einer Stunde kam er an ein künstliches Gewässer. Ein Naherholungsgebiet - auch für ihn. Atem lassen, kopfüber, trinken. Seine Gedankenspiele waren immer recht morbide gewesen. Sie dachte da eher praktisch. Klingen sind Werkzeuge, keine Lösungen und die Menschen waren es doch, die töteten. In den meisten Fällen taten sie das in einem gegenseitigen Verhältnis. Solche Arbeitsteilung ist sozialer Nexus der Menschheit. Eigentlich war die Geschichte längst passé. Nur seine Gedanken führten sie weiter, knüpften das Alte in die Gegenwart, ununterbrochen. Er starrte auf das Wasser. Sie hatte sich längst schlafen gelegt. Er wollte nichts als schlafen. Achtlos lief er zurück nach Hause. Trat gegen Unrat auf dem Bürgersteig und wechselte häufig die Straßenseite. Autos erfassten ihn nicht, wenig war noch in der Lage, ihn zu umgreifen. Längs verlief ein flacher Straßengraben, dort setzte er sich an die Böschung. Er zündete eine Zigarette. Schließlich legte er seine Kleider ab und badete in Selbstmitleid.


Apr 9 2009

9.

Ich trinke oft, in letzter Zeit. Wer mit mir trinken geht, kotzt sich am nächsten Morgen die Seele aus dem Leib. Ich kann sie alle nur dafür beneiden. In mir staut sich so viel dunkle Galle.
Bewerbung nicht abgeschickt, Nummer des Mädchens nicht angerufen. Ich tue nichts. Ich lege mich wieder schlafen. Langer Schlaf, immer länger wird er ohne jeden Willen aufzustehen. Nicht heute, nur heute nicht, nicht schon wieder.
Irgendwann einmal fügte sich mein Ich doch in sich; passte gut. Nun liegt bruchstückhaft vor mir, was sich nur noch zusammenkehren lässt. Scherben, Steine – nichts weiter. Mir fehlt sowohl das archäologische Geschick, als auch das historische Interesse, daraus noch etwas sinnvolles zu ziehen.
Bald jährt sich wieder die Auferstehung. Auch bei mir gab es derer manche. Man rappelt sich auf, nur um sich wieder zerstören zu lassen. Das ist wohl der Lauf der Dinge. Man wird alt dabei, nicht reif. Und schrecklich müde.


Feb 10 2009

In die Jahre

Als ich noch jung war, da brauchte ich nur Papier auszulegen um die Zeilen, die Verse aufzusaugen, die sich aus mir ergossen. Doch zu was für einen Menschen hat mich das gemacht? Es ist ja nicht so, dass einen bloß die äußeren Umstände in eine Rolle drängen. Und wer sonst wechselt seine Bettlaken höchstens einmal der vielen Tintenflecken wegen? Nun drängen die äußeren Umstände schon länger dazu, die bisherige Rolle abzulegen. Wieso auch nicht? Mit dem Alter fällt es immer schwerer, dem Papier noch ein paar Wörter zu erpressen. In jedem Tropfen schmeckt man alte Zeiten wieder, glücklich machen sie einen nicht mehr, zeigen sie doch wie verdorrt man mittlerweile ist. Trotzdem, die Rolle seines Lebens legt man schwerlich ab. Schon gar den Stift nicht aus der Hand, egal wie müde sie auch sein mag. „Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen/ Gilt für weise.“ Noch schreibe ich gegen das Vergessen an. Schreibe mich weiter, neue Zeilen meiner Rolle inmitten eines schlechten Films. Ich bin ein self-made-up man, erzähle mir mehr davon. Es wird einmal. Doch wer glaubt noch an solche Märchen; wer nimmt die Filme noch ernst, die Dialoge aus denen wir unsere Leben zusammensetzen. Für die Kritik leicht durchschaubar, hätte ihr Wort Gewicht.