Kritik

Es gibt genau zwei Arten von Leuten: Die eine sieht jemanden einen Zug versäumen und freut sich darüber, die andere sieht jemanden einen Zug versäumen und wird melancholisch. Beide Arten schreiben Texte. Keiner dieser Texte ist es wert, seine Zeit damit zu vergeuden. Weder beim Lesen, noch beim Schreiben. Sie alle sind trivial.

Langsam komme ich in ein Alter, in dem ich mich nicht mehr mit Dingen beschäftigen möchte, die mir trivial erscheinen. Langsam bin ich in einem Alter, in dem mich Literatur nervt. Je länger ein Text ist, desto langsamer ist er. Je langsamer etwas ist, desto schlimmer nervt es.

Der eine Teil der Leute sieht jemanden einen Zug versäumen und freut sich darüber. Der andere Teil sieht jemanden einen Zug versäumen und wird melancholisch. Texte schreiben beide Teile, doch keiner davon ist es Wert, seine Zeit damit zu vergeuden.  Sie alle sind trivial und wiederholen sich ständig. Unverschämte nennen das Refrain.

Wer schon einmal einen Text geschrieben hat, der lernt ihn als Produkt einer Arbeit kennen: Man versucht etwas, man scheitert; man versucht etwas anderes und glaubt, es funktioniere. Der Glaube an die Funktion verleitet einen dazu, nichts neues mehr zu versuchen und gleichförmig weiter zu produzieren. Das nennt man ganz unverschämt Literaturbetrieb;

Der eine Teil der Leute kauft ein Buch und stellt es sich ins Regal, zwei Arten von Leuten freuen sich darüber. Ich kann Ihnen nur sagen: Lesen Sie nichts, das ein Preisschild trägt und geben Sie niemandem Geld, der Texte schreibt, wie melancholisch sie auch sein mögen. Denn das wird ihn nicht davon abhalten. Das hat es noch nie.

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Bürgerharnisch

Ob wir vornehm Schlips und Kragen,
Nieten oder Kopftuch tragen,
flache Stiefel oder Schuh’;
Ob wir Andachtsmessen lesen,
Oder stehen hinterm Tresen –
Das tut nichts, tut nichts dazu.

Ob wir Paragraphen reiten,
Oder Unternehmen leiten
ihren Umsatzzielen zu;
Ob uns vorne Orden schmücken,
Oder Ordres hinten drücken –
Das tut nichts, tut nichts dazu.

Aber, ob wir Neues bauen,
Oder Altes nur verdauen
Wie das Gras verdaut die Kuh –
Ob wir für die Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen –
Das tut was dazu.

Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Dass es brennt im Nu;
Oder ob wir schläfrig denken:
Man(n) wird’s uns im Schlafe schenken –
Das tut was, tut was dazu.

Drum ihr Schwestern, drum ihr Brüder,
Bürger, eines Bundes Glieder,
Alles was ein Mensch nur tu’ –
Alle, die dies Lied gesungen
So die Alten wie die Jungen –
Tun wir denn dazu.

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Henker

Cesare Battisti (rechts) und Fabio Filzi nach ihrer Gefangennahme durch österreichische Kaiserjäger (1916)

Cesare Battisti (rechts) und Fabio Filzi (1916)

Das Bild zeigt Cesare Battisti nach seiner Gefangenname durch Österreichische Truppen im dritten Jahr des großen Krieges. Lässig, stolz und in Ketten. Der Mann, dem in Italien Straßen, Plätze und Schulen gewidmet sind, von dem monumentale Statuen errichtet wurden, sieht keineswegs aus, wie man sich einen Todeskandidaten vorstellt. Und doch wird der Abgeordnete und Kriegsfreiwillige bereits am nächsten Tag am Würgegalgen erdrosselt werden. Die Bitte, seine Rechte als Offizier zu wahren und ihn standesgemäß in seiner Uniform zu erschießen, wurde ihm abgeschlagen. Stattdessen wird er als Verräter im Leiterwagen durch die ihm spottende Stadt zum Galgen gefahren. Zusammen mit einem Kameraden wird er zum Galgen geführt, hinter dem ein kräftiger Mann steht. Zwei Gehilfen heben ihn an den Pfosten, von hinten legt sich eine weiche, eingeseifte Hanfschlinge um seinen Hals. Sofort schnürt sie sich zu, die Gehilfen ziehen ihn ruckartig nach unten. Die Schlinge … reißt. Ein „technischer Defekt“. Der Delinquent fällt zu Boden, die Gehilfen übereinander. Der Henker ist peinlich berührt und schaut etwas ratlos die Vertreter der Standgerichtsbarkeit an. Die beiden losen Enden hält er noch in Händen. Nach gängigem Brauch und alter Sitte hat eine missglückte Hinrichtung die Begnadigung des Verurteilten zur Folge. Aber den „Ursächer des Banditenüberfalls Italiens auf die Monarchie“ kann man nicht begnadigen, trägt er durch seine politische Tätigkeit doch die Verantwortung für „Ströme schuldlosen Blutes unserer Braven gegen den welschen Erbfeind“. Die Hinrichtung wird wiederholt. Wieder wird Battisti an den Galgen gehoben, wieder legt sich ihm die Schlinge um den Hals, wieder zieht es ihn mit aller Macht nach unten. Und diesmal funktioniert alles zum Wohlgefallen der zahlreichen Schaulustigen. Applaus, Bewusstlosigkeit und Tod treten in weniger als einer Minute ein. Sein Gesicht wird erst blutrot, dann sehr schnell totengelb. Die Schlinge wird an einem Haken auf der Rückseite des Pfostens befestigt. Der Tote bleibt nach der Hinrichtung noch einige Zeit am Würgegalgen. Man stellt sich für ein Erinnerungsfoto neben  ihm auf, lächelt freundlich, ja freudig in die Kamera. Auf einem Podest hinter dem Galgen steht dabei ein stämmiger, stolzer Mann mit schmucker Melone auf dem Kopf und großem Schnauzbart im fröhlichen Gesicht. Es ist Josef Lang, der Henker. Das Foto wird auf Postkarten gedruckt und geht um die Welt.

Josef Lang nach der Hinrichtung von Cesare Battisti

Josef Lang nach der Hinrichtung von Cesare Battisti

Wie unwirklich erscheint dieses Bild dem heutigen Betrachter? Ein lachender Henker mit feixenden Schaulustigen über einem Erdrosselten. Es übt eine perverse Faszination aus, da sich in einem selbst alles gegen diese groteske, pietätlose Heiterkeit sträubt. Und doch ist dieses Foto für seine Zeit nicht ungehörig. Josef Lang war eine Figur des Öffentlichen Lebens im k.u.k. Österreich. Nicht gerade ein Popstar, aber bei Weitem kein Unbekannter. Der kleinbürgerliche Kaffeehausbetreiber aus Wien war gern gesehener Gast in Gesellschaften, prahlte mit seinem Erfolg bei den Damen aller gesellschaftlichen Schichten und gab freimütig Interviews über seine Profession und die besondere Technik der Strangulation, die er von seinem Vorgänger erlernt und mit Eifer und „Ehrgeiz“ perfektioniert zu haben glaubte. Es erschienen Aufsätze und Zeitungsberichte darüber, sogar in den Vereinigten Staaten, deren Methode des Hängens durch eine Falltür er als „rohe Abschlachtung von Gesetzes wegen“ ansah. Seine Strangulation dagegen sei nicht nur „schmerzfrei“ sondern löse gar „Wohlgefallen“ aus, von dem angeblich zahlreiche Samenergüsse bei den Gehenkten zeugen würden. Lang habe die Probe aufs Exempel einmal von einem Gehilfen an sich selbst machen und sich von ihm würgen lassen. Natürlich mit dem besonders feinen, eingeseiften Doppelstrick, auf den Lang so schwor. Vermutlich diente das fragwürdige Experiment, das ihn „Orgelspiel und Engelsgesang“ habe hören lassen, allein dazu, etwaige Fehlerquellen aufzudecken und abzustellen. Der Mann war schließlich mächtig stolz auf die humane Umsetzung seines Handwerks, dem er ganz anders begegnete, als jene, oft aus dem Schlächterberuf stammenden Beilhenker, wie sie etwa im Deutschen Reich noch ihre Beschäftigung fanden. Und so hatte er weiten Einfluss auf die Scharfrichterei in den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie: Der Würgegalgen war auch in Ungarn und der Tschechoslowakei weiterhin das Mittel der Wahl, wenn ein Todesurteil zu vollstrecken war.

Josef „Pepi“ Lang jedoch wurde nach verlorenem Krieg a.D. gestellt. Die Todesstrafe war in Österreich abgeschafft worden, ebenso wie die Monarchie. Lang blieben nur noch seine Memoiren. In den folgenden Jahren bis zu seinem Tod im Februar 1925 verdingte er sich, da die kleine Henkersrente nicht reichte, in prekären Beschäftigungen und als Hausmeister. Die Zeit der Republik beendete die Hinrichtungen in Österreich aber nur vorübergehend. Als mit den weltwirtschaftlichen Krisenzeiten und dem Erstarken des Austrofaschismus die inneren Spannungen in Österreich ihren Siedepunkt erreichten und es zur Errichtung des klerikalfaschistischen Ständestaates kam, brauchte die autoritäre Regierung Dollfuß für den Vollzug der wieder eingeführten Todesstrafe erneut einen Henker. Und so suchte man händeringend nach jemandem „mit wirklicher Erfahrung“ in dieser nicht gerade sonderlich verbreiteten Profession, bis man abermals in der Familie Lang fündig wurde. Der frühere Polizeibeamte und anschließende Versicherungsvertreter Johann Lang hatte seinem Onkel Josef einige Male bei Hinrichtungen am Würgegalgen assistieren dürfen. Dies befähigte ihn wohl ausreichend, die Familientradition fortzuführen und das Amt des offiziellen österreichischen Scharfrichters zu übernehmen. Auch er richtete mit dem Würgegalgen und musste an ihm in den Folgejahren mehrfach Amtshandlungen durchführen, denn Österreichs Regierung erlebte unter Dollfuß Aufstände, Straßenkämpfe und Putschversuche von Sozialdemokraten wie Nationalsozialisten, denen Dollfuß letztlich selbst zum Opfer fiel. Das autoritär regierte Österreich war eingeklemmt zwischen dem nationalsozialistischen, auf Expansion drängenden Deutschen Reich auf der einen und dem faschistischen Italien auf der anderen Seite. Hatte man lange auf Mussolinis Unterstützung zur Wahrung der eigenen Unabhängigkeit gehofft, wurde Italiens stärker werdende Annäherung an Hitlerdeutschland immer offensichtlicher. Außenpolitisch isoliert, innenpolitisch mit einer wachsenden nationalsozialistischen Bewegung konfrontiert, die offen den Anschluss an das Reich forderte, ließ auch Dollfuß‘ Nachfolger einige, heute würde man wohl sagen, politisch motivierte Straftäter hinrichten. Die Unabhängigkeit Österreichs konnte dadurch letztlich nicht bewahrt werden. Dem Henker wurden diese Hinrichtungen jedoch zum Verhängnis. Und nicht nur ihm.

Kurz nachdem Österreich Teil des Deutschen Reiches geworden war, geriet Hans Lang, Johann Langs Sohn, in Sippenhaft. Da sein Vater der Henker eines nationalsozialistischen Mörders und Putschisten gewesen war, dem man im Deutschen Reich Straßen, Plätze und Schulen widmete, wurden beide in Konzentrationslager verschleppt. Ob Johann Lang, ermordet am 22. Juni 1938 in Dachau, sowie sein Sohn Hans, ermordet am 22. August 1938 in Flossenburg, durch die von ihrem Onkel und Großonkel „Pepi“ als besonders human propagierte Strangulation starben, ist nicht bekannt. Es existieren davon weder Fotos noch Postkarten. Der Würgegalgen jedenfalls hatte nach dem Anschluss Österreichs auch in reichsdeutschen Konzentrationslagern Verbreitung gefunden. Die Familie Lang aber wurde nicht hingerichtet, sondern vernichtet.

Bis 1950 starben in Österreich noch Verurteilte am Würgegalgen. Aktuell ist die Todesstrafe dort wieder abgeschafft. Fotos von Henkern und Hingerichteten finden sich heute nicht mehr auf Postkarten, sondern im Fernsehen und Internet.

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Das Logo vom Deutschen Buchpreis sieht irgendwie aus wie ein Hitlerbart und das ist ok so.

Der Autor ist ca. 200 Jahre tot und lebte niemals in Berlin. Wer solche Bücher kauft, ist ein Idiot. Es gibt so viele junge Autoreninnen da draußen, die schreiben wichtige Bücher über aktuelle Fragestellungen in einer authentischen Sprache und sehen sogar in ihrem grauen Wickelrock attraktiv aus. Da liest du Dinge, die dich tatsächlich betreffen, da geht es um vorsichtige Fragen, irgendwie unscharfe Begriffe von Feminismus und Heimat, um persönliche Erfahrungen des Nichtgelingens; und nicht etwa um Idealismus, Individualismus, Liebe, Tod, Freiheit und sonstigen Kitsch. Was soll uns das auch sagen? Wer „begehrt“ heute noch heimlich eine ihm verbotene Frau und warum soll ich das lesen? Es gibt schließlich so viele junge, wütende Stimmen der Generation Beziehungsunfähig bzw. Y, X, Millennials, Z uvm. Und von denen gibt es Autorinnenfotos, denen du gleich ansiehst, dass sie ganz viel zu sagen haben. Seine Profilbilder dagegen? Pathetischer Mist. So etwas kannst du doch heute in keinen Klappentext reindrucken. Zumal der niemals in Berlin gelebt hat. Italienreise – ich muss doch sehr bitten. So ein Spießer, alt dazu. Ich frage mich, wieso überhaupt noch jemand auf die Idee kommt, eines seiner Bücher in die Hand zu nehmen, wo er doch seit Ewigkeiten keine Interviews mehr gegeben hat. Wie sollte dazu auch eine stimmungsvolle Einleitung aussehen? „Wir treffen den gesetzten Staatsbeamten in seinem Privathaus irgendwo in der ostdeutschen Provinz; beim Biertrinken.“ Wer von solchen Leuten Bücher kauft, ist ein Idiot. Dass du dich als gebildeter Mensch mit so verstaubtem Quatsch überhaupt auseinandersetzen musst, ist einfach eine Frechheit. Gut, da gab es vor kurzem diese zwei Filme, für die er titelgebend war, von daher hat der Autor sicher auch eine gewisse Relevanz. Das ist aber offenkundig keinesfalls auf sein Wirken zurückzuführen. Die Filme waren ja nicht einmal biographisch. Gedreht wurde teilweise in authentischen berliner Straßenzügen und Klassenräumen und auf dem Soundtrack ist auch ein Lied von Madeline Juno. Man sollte sie sich vermutlich einfach angucken, sobald es sie bei netflix gibt.

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Das Feuilleton ist
tiefgründig wie ein Haiku,
dessen Ende: Hurz.

 

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