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Da liegen sie nun also, meine ersten Antidepressiva bzw. Schlaftabletten. Der Arzt hat sie mir aus seinem privaten Schränkchen gegeben, nachdem ich ihn von meinen üblichen Nachtwachen erzählte. Demnach sollen sie hauptsächlich einschläfernd wirken. Ich bin ein Grübler, deshalb schlafe ich schlecht ein. Ich bin ein Träumer, deswegen komme ich schlecht aus dem Bett.
Die Verordnung kam nun jedenfalls pünktlich an dem Tag, der mein Vorurteil durch eine britischen Studie bestätigte, nach welcher die meisten Antidepressiva bei leichten bis mittleren Depressionen völlig wirkungslos seien. Meiner Ansicht nach existiert dieses Krankheitsbild übrigens ebenso wenig wie ADHS. Neben dem großen Markt, den man durch solche Münterchen erschließen kann, spielen vor allem gesellschaftliche Interessen eine Rolle. Es geht nicht darum, vor Krankheit und Leiden zu bewahren. Hauptsächlich soll Produktivität erhalten werden, denn „die Maschine duldet kein noch so flüchtiges Herausgehen aus der meßbaren Zeit. Sie fordert Askese und verträgt sich nicht mit der Droge, die zum Genuß konsumiert wird — Im Gegenteil: dort wo drogiert wird, soll die Normalität erhöht werden. Das betrifft den Großteil aller Pillen und Tabletten, durch die physische und psychische Verstimmungen korrigiert werden.“ (Ernst Jünger, „Annäherungen“).
Sozial gesehen sicher ein Fortschritt wie etwa der radikale Nichtraucherschutz. Bezeichnend erscheint mir, dass die meisten Antidepressiva laut Herstellerangaben erst nach einigen Wochen regelmäßiger Einnahme stimmungsaufhellenden Effekt zeigen sollen. Das verwundert kaum, kostet es einen Depressiven doch schon sehr viel Selbstdisziplin, überhaupt irgendetwas einige Wochen konsequent zu tun. Aus dieser kontinuierlichen Leistung entsteht Selbstwertgefühl. Der Placebo-Effekt tut sein übriges, denn ihm kommt wohl der besonders spezifische Wortlaut „stimmungsaufhellend“ „nach einigen Wochen“ sehr zu Gute.
Das soll nun kein Plädoyer gegen die Einnahme von Antidepressiva sein. Ich würde generell niemandem davon abraten, etwas zu tun, von dem er glaubt, es würde ihm helfen. Letztendlich ist mein mulmiges Gefühl in Bezug auf den befürchteten Verlust persönlicher Identität und Freiheit durch den verordneten Eingriff in die Chemie des Selbst wohl auch völlig unbegründet. Darf man neueren Forschungsstudien der Anatomisten glauben, sind nämlich sowohl Identität als auch Freiheit bloße Illusion. Da ist es nur legitim, diese Illusion möglichst funktional und wohlbefindlich zu gestalten.
Die Tabletten liegen jedenfalls immernoch unberührt hier. Das ist zum einen darin begründet, dass ich, vielleicht vorerst, nur ein paar für den akuten Schlafnotfall bekommen habe und andererseits konnte ich die letzten beiden Nächte auch so einschlafen. Vielleicht bleibt es dabei. Ansonsten folgt Fortsetzung. Sie können dann vielleicht durch Textanalyse einen frappierenden Unterschied in meinem Selbst nachweisen und mir mitteilen. Ich wäre gespannt.

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