„Ich bin Urheber“ – Journalismus frei von Allem.

Unlängst schrieb ich etwas zum Urheberrecht und wurde infolgedessen auf einen sehr reißerischen Artikel innerhalb des Onlineangebots der Zeit aufmerksam gemacht, deren Abonnent ich seit einiger Zeit bin. Dieser Artikel weiß von der schieren Sintflut von Urheberrechtsklagen gegenüber einfachen und einfachsten Menschen zu berichten, in denen es angeblich um schwindelerregende Beträge geht, deren vollstände Zahlung man selbst mit den ausgefeiltesten juristischen Mitteln nicht zu vermeiden im Stande sei.
Was mich an diesem Artikel jedoch aufregte, waren weniger die beschriebenen und natürlich völlig unverhältnismäßigen Aktionen der letzten Bewahrer der Menschen- und Urheberrechte (auch GVU genannt und mit eigenen Problemen behaftet), sondern das völlige Fehlen von Belegen, Zahlen, Statistiken – kurz gesagt jedweder Zutaten eines seriösen Journalismus.

Man weiß es nicht, aber man munkelt schon…

Stattdessen stützt man sich hier auf so wunderbar suggestive und kaum widerlegbare Aussagen wie:

„Für die Wolters dürfte es kaum ein Trost sein, doch: Sie sind nicht allein. Viele Kollegen und Freunde haben ihr seitdem von ähnlichen Vorfällen berichtet.“ (zeit.de)

Dem kritischen Leser dürfte das Hörensagen einer Familie als einziger Beleg doch recht ungenügend erscheinen und er mag von einem gut recherchierten Artikel erwarten, dass man der Sache weiter auf den Grund gehen möge und folglich mit hintergründigen Informationen aufwartet. Auf diese wartet man vergebens. Stattdessen überrascht uns Sidney Gennies, der Autor, mit der Erkenntnis:

„Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Familien durch die Netzausflüge ihrer Kinder in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.“ (zeit.de)

Es existieren also angeblich keine Zahlen bezüglich des Umfanges von Klagen, obschon die gesetzlichen Grundlagen und die juristische Praxis der Abmahnungen kaum erst seit gestern bestehen und laut Artikel jede halbwegs normale Familie in Deutschland dazu eine Geschichte zu erzählen hat. Doch natürlich, aber nicht wie viele dadurch in „ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten“ geraten sind. Eine solch vage Formulierung lässt sich in Statistiken auch kaum erheben. Will man also ganz im Sinne einiger im Artikel namentlich auftauchender Interessenvertreter eine gezielte Drohkulisse aufbauen, dann stützt man sich statt auf die Fakten lieber auf den Sinnspruch: „Man weiß es nicht, aber man munkelt schon…“ Zwar weiß man es entgegen eigenem Bekunden tatsächlich besser, aber das Munkeln passt einem doch so schön in den Kram.

Meinungsjournalismus? Pfui!

Nun stelle ich mir in meiner Funktion als Blogger mittlerweile verstärkt die Frage, wieso man uns immer vorwirft, im besten Falle Meinungsjournalismus zu betreiben (unlängst auf einer betreffenden Veranstaltung des Medienforums Mittweida so erlebt). Folgt man den klassischen Kriterien von Wahrheit und Meinung – da können sie Platon oder Aristoteles fragen – kommt dieser Artikel über letztere kaum hinaus. Angesichts der eindeutigen Richtung des Artikels bin ich mir nicht einmal sicher, ob der Autor hier überhaupt klassischen Journalismus betreibt, oder seine Motivation ganz anderer Quelle (etwa der GVU) entspringt. Gerade kleinere Zeitungen werden ja nicht müde, von der angeblichen Schwemme schlimmster Raubkopierstrafzahlungen zu berichten. Selbst wenn mir von solchen Fällen noch keiner selbst im weitesten Bekanntenkreis zu Ohren gekommen ist.
Ach übrigens, sollten sie diesen Artikel für einen Einzelfall halten und mich für jemanden, der sich mal wieder grundlos über eine Lappalie aufregt, dann sei noch auf folgenden Artikel in der Welt verwiesen, der über angebliche Integrationsprobleme von Migrationskindern an deutschen Schulen berichtet. Angebliche? Wir wissen doch alle, dass es so ist. Richtig? Richtig! und deswegen macht sich auch dieser Artikel an keiner Stelle die Mühe, seine „Enthüllungen“ irgendwie zu belegen. Schließlich passen die getätigten Aussagen in unser aller Bild von Wirklichkeit so gut herein, dass wir sie eigentlich nicht einmal zu lesen bräuchten. Dann können wir es aber auch gleich lassen. Journalismus sollte doch eigentlich dazu da sein, unsere Wahrnehmung und die zugrunde liegenden Fakten zu überprüfen und zwar dahingehend, ob sie deckungsgleich sind. Das wäre Journalismus als Korrektiv – alles anderes ist Hof- bzw. Doofberichterstattung. Sie wollen ein Paradebeispiel?

„Es gibt andere Pädagogen, die leiten das aggressive Verhalten aus einem „politischen Extremismus“ ab, der nicht nur Deutsche, sondern alle Nichtmuslime treffe.“ (welt.de)

Bei solch einer Aussage bin ich für meinen Logikkurs dankbar. Wieviele Pädagogen braucht es, die der angeführten Aussage prinzipiell zustimmen würden, damit der Satz wahr wird? 1. Klingt schon einmal aussagekräftig. Da dieser mindestens Eine aber unter den Millionen Pädagogen weltweit sicherlich unglaublich schwer zu finden wäre, hat man sich auch gar nicht die Mühe gemacht, ihn für ein namentliches Zitat zu finden. So kann ich meine Argumente auch belegen: Es gibt Polizisten, die das Verhalten von Ausländern aus ihren Genen herleiten. Versuchen Sie einmal, diese Aussage zu widerlegen. Ist dadurch jedoch die vermeintliche Aussage wahr?

Journalisten fordern Gelassenheit beim Umgang mit Quellen

Selbige Redefigur wird in besagtem Artikel trotzdem munter weiter bemüht:

„Auch Polizisten berichten über eine deutlich zunehmende Deutschenfeindlichkeit vor allem unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen.“ (welt.de)

Wo tun sie das? Was sagen sie genau? Alles nebensächlich; Hauptsache man kann so tun, als sei die Aussage belegt. Nochmal: Ich will gar nicht behaupten, dass die Aussage nicht wahr sei. Nur wenn sie wahr ist, warum werden keine wirklichen Quellen angeführt, sondern lediglich völlig vage Existenzaussagen á la: „Es gibt irgendjemanden, der sagt…“ Das Lustigste ist dabei die augenscheinlichste Quelle, die uns der Artikel bietet. Es ist eine Statistik – ja, tatsächlich noch so etwas wie ein Verweis auf Fakten! Was zeigt die Statistik? „Ausländer in Deutschland – Deutsche im Ausland“, sie soll belegen, dass hier in Deutschland hauptsächlich Migranten aus der Türkei leben. Doch wozu? Was hat das mit der Schulgewalt zu tun?
Egal. Ich muss vor solch brillanter Berichterstattung kapitulieren. Machen Sie sich ihr eigenes Bild. Es ist ja nicht so, als bliebe Ihnen eine andere Möglichkeit.

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9 Kommentare zu „Ich bin Urheber“ – Journalismus frei von Allem.

  1. gonzosoph sagt:

    Nachtrag: Interessant ist in diesem Sinne auch die neueste Meldung über Wikileaks, auf welchem angeblich eine große Veröffentlichung von Militärdaten bevorstehe. Wikileaks selbst dementiert dies jedoch als Falschmeldung eines Tweets, der keinerlei Quellen für seine Behauptungen habe. Nun schaltet sich gleichzeitig aber das Pentagon ein und warnt davor, die neue Wikileaks-Veröffentlichung zu beachten, die sie angeblich seit Wochen akribisch untersuchen. Verrückte Medienwelt.

    S.a.:
    http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaks144.html
    http://twitter.com/wikileaks

  2. Werbemittel sagt:

    Vom Urheberrecht auf die momentane Migrationssituation zu wechseln ist aber irgendwie auch komisch, oder hab ich mich hier verlesen?

    Edit[Gonzo]: Der Kommentar ist, vielleicht nicht fälschlich, in den Spamfilter gerutscht. Ich kann darauf nur erwidern, dass dies alles andere als ein thematisch gebundener Blog.

  3. O.J. Hanau sagt:

    Früher dachte ich immer, bei solchen Aussagen („auch Polizisten berichten…“) erspare der Autor mir als Leser eine erschöpfende Aufzählung von Einzelaussagen, habe diese aber natürlich zur Hand, nur würden sie halt in einem Artikel über „Deutschenfeindlichkeit“ zu weit führen. Zuvor habe sich der sorgfältig arbeitende Journalist natürlich höchst objektiv einen Überblick verschafft, so dass er zu dem Schluss kam, dass die Existenz einer Deutschenfeindlichkeit eben nicht zu leugnen ist, was wiederum bedeutete, dass die konkreten Einzelaussagen vom Hauptkommissar Huber und Polizeiobermeister Schulze nicht so wichtig sind und derart zusammengefasst werden konnten.

    Heute bin ich lediglich unsicher, ob ich mir das immer nur eingebildet habe.

  4. gonzosoph sagt:

    Die von Ihnen beschriebene Arbeitsweise ist ja durchaus legitim und wird sicher auch praktiziert. Ich würde da nicht unbedingt gänzlich schwarz sehen. Nur wird man sehr misstrauisch, wenn einzig und allein solche „Aussagen“ vorgetragen werden – noch dazu teilweise explizit als Hörensagen wiedergegeben.

    Gerade auf einem Online-Portal gibt es dabei doch ganz andere Möglichkeiten denjenigen Leser zu bedienen, der sich weiter vertiefen möchte, ohne dabei den Text unnötig zu überfrachten: Man setzt einen Link. Dieses Instrument nutzen die Portale vieler Printmedien jedoch kaum bis gar nicht. Dabei stellt sich die Frage, ob ihnen eine weitere Überarbeitung des Textes zu aufwendig ist, das Webangebot nicht wichtig genug, oder eben oben angeführte Mängel offener zu Tage treten würden. Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Argumentationen sähe in jedem Falle anders aus und wäre wünschenswert. Hier böten gerade Webmedien einen wirklichen Vorteil – abseits der vieldiskutierten Schwächen und teilweise leider nur vermeintlichen Stärken.

  5. Lissy sagt:

    Nur mal so der Ordnung halber:
    Der erstgenannte Text ist KEIN Zeit-Online-Artikel im eigentliche Sinne, sondern ein Text aus der Printausgabe (Lokalteil) des Tagesspiegels vom Montag. Zeit-Online übernimmt oft Texte vom Tagesspiegel, da gleicher Verlag.

  6. gonzosoph sagt:

    Danke für den Hinweis, aber: Der erstgenannte Artikel ist zwar kein genuiner Artikel der Zeit, dennoch ist er ein Zeit-Online-Artikel, da er nunmal auf Zeit-Online erscheint. Das habe ich genau so wiedergegeben, da ich als sonst überzeugter Leser der Zeit ziemlich schockiert über derart schlampige Berichterstattung war. Wenn die Zeit ihren guten Namen über den Artikel schreibt, liegt er nunmal auch in ihrer Verantwortung. Bekannt war mir die ursprüngliche Herkunft schon, sonst wäre ich auch gar nicht an den Namen des Autoren gekommen.

  7. Michael Kuhlmann sagt:

    Zu dem Zeit Online/Tagesspiegel-Artikel kann man noch ergänzen, dass er nicht nur völlig vage in seinen Aussagen bleibt, sondern auch noch die verschiedensten Abzockereien wild durcheinanderwirft.

    Bei den getauschten Musikstücken geht es um Abmahnungen von Anwaltskanzleien im Auftrag der Musikindustrie.

    Bei dem Cocktail-Rezept kann das dagegen kaum der Fall sein. Hier handelt sich es mit ziemlicher Sicherheit um jemanden, der in eine Abo-Falle geraten ist und aus lauter Unwissenheit eine völlig unberechtigte Forderung irgendeiner Abzocke-Mafia bezahlt hat. Dabei hätte er diese Zahlungsaufforderung möglicherweise einfach ignorieren können.

    Es handelt sich also um zwei völlig unterschiedliche Forderungen, die obendrein einen völlig unterschiedlichen juristischen Hintergrund haben. Sofern man bei letztgenannter Forderung überhaupt von einem juristischen Hintergrund sprechen kann, sie bewegt sich nämlich im halblegalen Bereich.

    Der einzige Zusammenhang zwischen diesen beiden Fällen ist der, dass sie „irgendwie“ mit dem Internet zu tun haben. Genausogut könnte man eine Verbindung zwischen dem Kauf eines Salamibrötchens am Imbisstand mit einem Handtaschenraub herstellen, denn beide Fälle haben „irgendwie“ damit zu tun, dass man Geld in der Öffentlichkeit loswird.

  8. gonzosoph sagt:

    Sehr guter Hinweis. Das scheint ja genau die Drohkulisse zu sein: „irgendwie“. Irgendwie kann jeder jederzeit für jegliche Aktivität im Internet dazu gezwungen werden, horrende Beträge zu bezahlen. So geht es jedenfalls aus dem Artikel hervor. Die Rechtslage wird ja auch an keiner Stelle weiter verdeutlicht oder kritisch hinterfragt. Nur immer wieder betont und als Aufhänger genommen wird das mulmige Gefühl, dass man als Internetnutzer doch bitte haben sollte. Dieses mulmige Gefühle habe ich eher angesichts solcher schlichten Panikmache.

  9. Lara sagt:

    Hallo!
    Sicher bin ich kein Schleimer und es ist das allererste Mal, dass ich einen Kommentar in einem Blog schreibe, aber muss ich dir danken!

    Ich muss bis morgen ein Referat vorbereiten – dein Blogpost hier hat mir ziemlich geholfen.
    Daher möchte ich gerne fragen, ob ich diesen „Artikel“ als Quelleanngabe nutzen kann?

    [EDIT Gonzo:] In den Spamfilter gerutscht. Antwort: Immer doch gerne.

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