Prolog

„Wer bittet, soll aber voll Glauben bitten und nicht zweifeln; denn wer zweifelt, ist eine Welle, die vom Wind im Meer hin und her getrieben wird. Ein solcher Mensch bildet sich nicht ein, daß er vom Herrn etwas erhalten wird: Er ist ein Mann mit zwei Seelen, unbeständig auf all seinen Wegen.“ (Brief des Jakobus; 1,6–8)

Die Auswirkung des aufkeimenden Atheismus ist in erster Linie ein Gefühl der Einsamkeit – vor allem, wenn man sein Leben vorher in einer Kontinuität und Ordnung gesehen hat. Nicht nur die Verstorbenen verlieren sich im Nichts, es fehlt plötzlich auch am einzigen Gegenüber, dass man im stärksten Sinne des Wortes mit „du“ ansprechen kann. In diesem Zweifel besteht der ursprüngliche Virus, der einem jedes persönliche Gespräch mit Gott unerträglich macht. Fortan denkt man, redet man nur noch über ihn, nicht mit ihm. Der Zweifel wird Verzweiflung, in den Worten Kierkegaards eine Krankheit zum Tode: Angst.
Angst vor der Endgültigkeit des Seins und dem Verlust des Selbst, der das Ende bedeutet. Dies unter dem Vorzeichen, dass unser Leben nicht befriedigend sein, uns niemals aus dem Schleier der Einsamkeit befreien kann. Sollten lichte Momente auftreten, so haben sie immer den Beigeschmack der Vorläufigkeit. Nach einem alten Sprichwort soll man den Tag nicht vor dem Abend loben, kein Bier vor dem Trinken und über einen Mann sein Urteil erst fällen, nachdem er gestorben ist. Der Tod gibt dem Menschen seinen Namen.
Dieses memento mori heißt auch vergessen. Vor der letzten Nichtigkeit erscheint vieles völlig unbedeutend. Darunter fallen das eigene Selbstbild mit Integrität und Moral, aber auch etwaiges Streben nach Macht oder Ruhm. Noch in der Antike galt der Mensch als sterblich, aber herausragende Taten schienen innerhalb der Menschheit unsterblich. Längst jedoch hat der Mensch die Sterblichkeit der Menschheit erkannt, so wie man es mit Mitte 20 zu tun pflegt. Nichts lohnt mehr, es zu unternehmen, wenn es sich nicht absehbar rentiere. Das allerdings ist keine rein zeitliche Beschränkung. Auch das Bewusstsein, einmal stattlich beerdigt zu werden, lässt sich durchaus erleben, obschon der atheistische Zweifel die Perspektive für Vergangenheit und Zukunft stark verengt. Und deshalb ist die Angst auch der Tod für jeglichen Idealismus. Dessen Vorraussetzungen – ein Anspruch, Gewissen oder Glaube – können sich nicht länger erhalten. So erscheint es wahnwitzig und folgerichtig, dass die Romantiker in Anbetracht dessen eine neue, ideale Gottheit der Kunst erschaffen wollten, um der Krankheit zu begegnen. Sie versuchten auf sie mit Ironie zu reagieren.
Die Suche nach der idealen Gottheit muss wie die Suche nach dem eigenen Glauben auch heute wahnwitzig erscheinen und unerwünscht, ist doch jede Suche gesellschaftlich sanktioniert, die nicht nach Außen führt. Der Ungläubige sowie der Gläubige leben mit ihrer Überzeugung, haben gelernt zu funktionieren. Der Zweifel kennt kein Ziel. Der Zweifler bleibt ein Störfaktor, schneidet ihn seine fragende Suche doch immer mehr von allen Anderen ab. Ironischerweise isoliert die Suche nach dem „du“ vor allem den, der glaubt, es im menschlichen Gegenüber finden zu müssen. Von jemandem, der sich auf so eine Suche begeben hatte, handelt der vorliegende Text. Nichtsdestotrotz ist er recht kurz.

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Herr Siel IV


Fatale Weltsicht. Herr Siel liebte es, seinen Verpflichtungen schon vor dem Mittagessen nachzukommen, so dass er den ganzen restlichen Tag Zeit nur für sich haben würde.

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Flammen

Der Zug brennt. Zum Glück nicht der, in dem ich sitze, doch blockiert er mein Gleis. Man kann nicht weiter fahren, Schienenersatzverkehr ist nicht eingerichtet. Interessant an dieser Durchsage ist vor allem die Reaktion der Fahrgäste, die nach dem obligatorischen Aufstöhnen kollektiv ihre Mobiltelephone ans Ohr heben, um die auf sie wartenden Menschen anzurufen, oder zumindest solche, die ihnen bei der Unpässlichkeit zur Hilfe eilen könnten. Mein Handy bleibt aus und ich sitzen. Eigentlich eine langweiligere Story, als der erste Satz vermuten ließ. Dennoch liegt eine Aussage vor.

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Mal wieder

Ein gewisser Kommentator hat zum wiederholten Male alle seine Kommentare gelöscht. Ich denke die Insider wissen, wer gemeint ist. Ich frage mich langsam was das soll und würde den Herrn bitten, sich zu erklären. Schließlich löscht er damit auch alle Antworten auf seine Kommentare und macht die Threads teilweise völlig unverständlich. Das sollte doch vermieden werden.

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AD

Da liegen sie nun also, meine ersten Antidepressiva bzw. Schlaftabletten. Der Arzt hat sie mir aus seinem privaten Schränkchen gegeben, nachdem ich ihn von meinen üblichen Nachtwachen erzählte. Demnach sollen sie hauptsächlich einschläfernd wirken. Ich bin ein Grübler, deshalb schlafe ich schlecht ein. Ich bin ein Träumer, deswegen komme ich schlecht aus dem Bett.
Die Verordnung kam nun jedenfalls pünktlich an dem Tag, der mein Vorurteil durch eine britischen Studie bestätigte, nach welcher die meisten Antidepressiva bei leichten bis mittleren Depressionen völlig wirkungslos seien. Meiner Ansicht nach existiert dieses Krankheitsbild übrigens ebenso wenig wie ADHS. Neben dem großen Markt, den man durch solche Münterchen erschließen kann, spielen vor allem gesellschaftliche Interessen eine Rolle. Es geht nicht darum, vor Krankheit und Leiden zu bewahren. Hauptsächlich soll Produktivität erhalten werden, denn „die Maschine duldet kein noch so flüchtiges Herausgehen aus der meßbaren Zeit. Sie fordert Askese und verträgt sich nicht mit der Droge, die zum Genuß konsumiert wird — Im Gegenteil: dort wo drogiert wird, soll die Normalität erhöht werden. Das betrifft den Großteil aller Pillen und Tabletten, durch die physische und psychische Verstimmungen korrigiert werden.“ (Ernst Jünger, „Annäherungen“).
Sozial gesehen sicher ein Fortschritt wie etwa der radikale Nichtraucherschutz. Bezeichnend erscheint mir, dass die meisten Antidepressiva laut Herstellerangaben erst nach einigen Wochen regelmäßiger Einnahme stimmungsaufhellenden Effekt zeigen sollen. Das verwundert kaum, kostet es einen Depressiven doch schon sehr viel Selbstdisziplin, überhaupt irgendetwas einige Wochen konsequent zu tun. Aus dieser kontinuierlichen Leistung entsteht Selbstwertgefühl. Der Placebo-Effekt tut sein übriges, denn ihm kommt wohl der besonders spezifische Wortlaut „stimmungsaufhellend“ „nach einigen Wochen“ sehr zu Gute.
Das soll nun kein Plädoyer gegen die Einnahme von Antidepressiva sein. Ich würde generell niemandem davon abraten, etwas zu tun, von dem er glaubt, es würde ihm helfen. Letztendlich ist mein mulmiges Gefühl in Bezug auf den befürchteten Verlust persönlicher Identität und Freiheit durch den verordneten Eingriff in die Chemie des Selbst wohl auch völlig unbegründet. Darf man neueren Forschungsstudien der Anatomisten glauben, sind nämlich sowohl Identität als auch Freiheit bloße Illusion. Da ist es nur legitim, diese Illusion möglichst funktional und wohlbefindlich zu gestalten.
Die Tabletten liegen jedenfalls immernoch unberührt hier. Das ist zum einen darin begründet, dass ich, vielleicht vorerst, nur ein paar für den akuten Schlafnotfall bekommen habe und andererseits konnte ich die letzten beiden Nächte auch so einschlafen. Vielleicht bleibt es dabei. Ansonsten folgt Fortsetzung. Sie können dann vielleicht durch Textanalyse einen frappierenden Unterschied in meinem Selbst nachweisen und mir mitteilen. Ich wäre gespannt.

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