Herr Siel II


Fatale Weltsicht. Herr Siel hatte sich bereits früh in den Kopf gesetzt, wichtige Einsichten auch zu leben.

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interesseloses Wohlgefallen

Ich liebe diese Frau, das heißt zuallererst, ich halte sie für liebenswerter als sie ist. Sie liebt mich nicht — im Gegenteil. Das macht sie nicht außergewöhnlich. Sie ist schön, nicht schöner als manch andere. Sie ist intelligent auf eine Weise, die sicher nicht einmalig ist. Einzigartig wohl kaum, außer für mich. Wenn ich an sie denke, dann denke ich nur an sie. Nicht öfter als an mich, doch sicher öfter, als sie an mich denkt. Ich bin für sie da, wenn sie da ist um mich zu brauchen. Ich liebe nur sie, denn jemand anderen will ich nicht lieben. Womit hat sie das eigentlich verdient? Sie weiß es nicht so genau, aber sie traut sich auch nicht, mich zu fragen.

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Wettermeldungen

Er war spazieren gegangen ohne vorher aus dem Fenster zu sehen und damit überraschte ihn der Regen. Früher mochte er schlechtes Wetter, hielt es doch die Menschen von den Straßen fern. Dem war seit der Wellnesswende nicht mehr so – allüberall drängten sich Leute in Ölzeug, mit seltsamen Schlaufenstöcken bewaffnet und quälten sich durch Wind und Regen. Die Kinder kletterten in den sich gefährlich wiegenden Bäumen herum und auf Fahrrädern rasten Eltern mit komischen Kopfbedeckungen und Brillen über den nassen Asphalt der Parkwege. Die kriechende Kälte, der Regen waren nun auch für ihn nur noch störend; mehr noch als dieses Volk, das sich selbst an so einem Tag noch auf den Straßen herum trieb. Aber er setzte seinen Weg fort, hatte er doch seit 3 Tagen das Haus nicht verlassen und nun wäre es äußerst belastend für sein Gewissen gewesen, einfach wieder umzukehren. Den Umständen entsprechend fasste er schließlich den Entschluss, wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Ab und an zumindest.

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Nebeneinander

Schlaf ist seit einigen Jahren etwas, das ich nicht sonderlich beherrsche. Ein Schmerz in der Brust wird zur Lunge. Das Hirn ist plötzlich flügge und auch der Darm setzt nun ein, mit Blubbern und Verdauungswärme. Zur Nacht bestehe ich ganz aus den Organen. Die Empfindung wird dann schnell archaisch. Kein Traum liegt wach mit mir, kein Fettgewebe, das sich kneten ließe.
Er saß dort nun einige Tage schon und betrachtete die Bücherstapel mit Unwillen und Freude. Planlos griff er heute dieses heraus, hatte er gestern in jenem einige Zettelchen zurückgelassen. Bald wandte er sich wieder ab, wischte mit einem feuchten Lappen über den Tisch, an dem er so oft Kaffee trank und Zeit. Die Stapel umstanden ihn dabei recht warm. Sie wiesen seine Gedanken an sich zu ordnen, für den Tag etwa.
Schalter betätigt man selten bewusst. Man denkt an das Licht und schon ist es hell. Ihr ging es so auch mit ihrem Rechner, den sie ohne jede Erwartung einzuschalten gewohnt war. Meist durchwanderte sie dann die Bookmarks, schaute in den Messenger, trank ihren Kaffe. Das Handy klingelte und erinnerte sie daran, die Pille zu nehmen.
Ein Novalis zu sein und ein Heim zu kennen, bei Grab und Weib. Kein Kleist bin ich, fatal, sehe ich mich doch oft als Kafka, wozu mir vieles fehlt — eine Frau etwa, die meine Briefe läse. Um Notiz zu nehmen von meiner Isolation. Ich sieche einsam. Im billigsten Sinne des Wortes mache ich mir rar, mauere die Fenster zu mit Büchern. Ich lese mich in Kriege ein, die dem Sieger noch den Tod bedeuteten. Versuche dadurch auch meine Nächte mit Leben auszuleuchten.
Jeder von ihnen sah gerne diese Filme. Eine Welt für sich, in der Charaktermasken noch von Menschen getragen wurden; die Rollen sich nicht selber spielten. Entgegen der üblichen Sitte gingen hier die Frauen mit ihren Kostümen spazieren. Die Kulissen waren leicht zu durchdringen. Die „Realität“ ist dagegen nicht einmal von minimalistischem Reiz. Nur monoton und minimal – ich selbst bin zu komplex, nicht die Mannigfaltigkeit der Banalitäten und Banalen, die mich umgibt. Und sie glauben mich beim Namen nennen zu können.
Wo ist nur das du geblieben? Irgendwo zwischen Koffein und Codein, dem Zittern elektrischer Störfelder. Wir wären sicher kein schönes Paar gewesen; aber ein pures.
Er faltete den Zettel wieder zusammen und legte ihn zurück in den Umschlag. Mit seinen trockenen Lippen befeuchtete er die Klebekante der Lasche und drückte sie fest gegen den Briefkörper. In der Luft lag noch Geruch von Asche und Weißwein, an seinen Händen schwarze Tinte. Das sind die Spuren, die es hinterließ.

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Wallungen

Nun tu nicht so als hättest du sie nicht beobachtet, dir nicht gewünscht, dass sie das gleiche tut. Als hättest du nicht gestaunt über diese Lebendigkeit. Fast noch ein Kind, doch schon mit suchenden Augen. Die Gespräche gierig einsaugend, die Komplimente und den ersten, erlaubten Alkohol.
Das ist sie nun also, die Altersgeilheit — die Mischung aus Jugendlust, Erinnerung und Todesahnung. Schwer und süß wie später Wein.
Sie dir nur diese Augen an, noch ohne Berechnung. Sie schätzen nichts ab, sie blicken nur um zu Staunen, um Anderes zu finden. Sie wissen noch nichts vom Ende. Doch
so rote Wangen schreiben keine Zeilen, dies Lachen versteht keinen Vers. Dem Leben bleibst du stumm, und niemals in Erinnerung.

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