Nonesense in Danger

Mal angenommen Sie wären reich. Also so richtig reich – am besten sogar reich verheiratet, damit Sie nicht einmal etwas tun müssten, um Ihren Reichtum aufrecht zu erhalten. Sorgenfrei reich. Dann säßen Sie mit ihren ebenfalls reichen und sorgenfreien Freunden herum, in Los Angeles oder Paris und würden sich so überlegen, was man denn mal tun könnte. Dazu hätten Sie sehr, sehr viel Zeit, denn tun müssen müssten Sie ja nichts. Irgendwann, nachdem Sie die Salons abgeklappert und in der Glotze den ganzen Unrat der globalen Krisen durch haben, da kommen Sie vielleicht auf die Idee: „Mensch, ich könnte doch auch mal was Gutes tun, so wie die da im Fernsehen mit den usseligen Haaren.“

Gutes tun tut gut … tun

So kann man sich erklären, warum es unter reichen und berühmten Menschen seit Längerem Usus ist, dass man sich unter Anderem den Anschein des sozialen Gewissens verleiht. Nicht nur wegen Karma oder Publicity – es trägt einfach zur Wellness bei: Wenn an Ihren Mercedes mal wieder die schlechtgelaunten Massen der Fußgänger anbranden oder sie gar einen Obdachlosen über den Haufen fahren (lassen), dann fühlen sie sich einfach besser, sollten sie vorher zumindest ihren guten Namen für irgendetwas richtig Anständiges hergegeben haben.

Sie sind ja aber wie gesagt nicht irgendwer sondern etwas ganz Besonderes und also muss ihre gute Tat auch etwas ganz Besonderes sein. Anstatt nun also endlich anzufangen, als gewöhnlicher, ehrlicher und namenloser Steuerzahler aufzutreten und wie jeder normale Mensch öffentliche Schulen und Polizeiwachen zu finanzieren, wissen Sie doch viel besser, wie man das viele Geld sinnvoll einsetzen könnte. Und zwischen die Demonstranten mit den usseligen Haaren können Sie sich auch nicht einfach setzen, schließlich müssten Sie dann ständig Autogramme und ihre Kostüme in die Reinigung geben.

Wofür hat man Freunde?

Was tun? Sie wollen ja weiterhin reich und sorgenfrei bleiben, also am Besten machen Sie etwas Unverbindliches. Sie könnten sich bei einer Stiftung engagieren, als Botschafterin für irgendetwas oder zumindest als galanter Großspender. Da gibt es ja mannigfaltige Möglichkeiten und etablierte Organisationen um ihrem Tatendrang Abhilfe zu verschaffen. Wäre es jedoch nicht viel besser für das eigene Wohlbefinden, nicht nur eine bloße Botschafterin, etwa einer Kinderhilfsorganisation zu sein? Sie sind ein Mensch mit Anspruch, selbstbestimmt und zielstrebig. Da Sie eh schon an der Spitze stehen, klingt Präsidentin doch viel angemessener.

Sie gründen also ganz einfach ihre eigene Organisation in Sachen Charity. Hier haben Sie auch völlig freie Hand bei der Zielsetzung und Buchführung. Denn das Tollste an einer eigenen Hilfsorganisation ist, dass man selbst gar nicht viel Geld einbringen muss. Man sammelt einfach Spenden. Damit dies leichter ist und weil Ihnen selbst vielleicht auch nicht einfällt, wie man das viele Geld nun tatsächlich sinnvoll ausgeben soll, laden Sie einfach Ihre reichen und sorgenfreien Freunde ein, selbst Funktionäre ihrer neuen Organisation zu werden. Dann passiert beides ganz von alleine. Wenn Sie das alles richtig befolgt haben, sähe ihre Organisation in etwa wie folgt aus:

Stiftungspersonal von und zu

Sie haben also ihr Projekt durch lauter schöne Namen im wahrsten Sinne des Wortes geadelt. Die ersten Beträge kommen auf ihr Spendenkonto, gehen auch wieder ab und so langsam nimmt die Öffentlichkeit von Ihnen Notiz. Doch wie es mit der Öffentlichkeit so ist, kommen damit auch gleichzeitig die ersten Lamentierer und Kritiker. Die wollen nämlich wissen, warum man denn Ihnen das Geld geben soll und nicht namhafteren Organisationen und nicht zuletzt wollen Sie wissen: Was machen Sie eigentlich mit dem Geld? Also wirkliches Tun: Projekte, konkrete Hilfsleistungen und – man mag es kaum glauben – „Arbeit“ (ihgitt)

Weder machen noch machen lassen: Networking

Darüber sollten Sie sich schon vorher Gedanken gemacht haben. Ein Problem tritt nämlich auf, wenn Sie eigentlich gar nicht so richtig Ahnung von dem haben, wofür Sie sich engagieren wollen. Und was macht man, wenn man nicht weiß wie etwas geht? Richtig: Networking! Idealerweise machen Sie die Not zur Tugend und erklären, dass Sie nicht etwa selbst etwas machen, sondern den Anderen lediglich sagen wollen, dass etwas gemacht werden muss und wer das macht. Dafür gibt es heute einen tollen Begriff, „Netzwerken“ nämlich. Doch Obacht! „Netz“ ist ein in den meisten Kreisen sehr negativ konnotierter Begriff, denn er wird sehr schnell mit dem natürlichen Habitat von Pädophilen und Amokläufern – dem sogenannten Internet – in Verbindung gebracht. Erwehren Sie sich frühzeitig gegen den Verdacht, mit diesem „Internet“ in irgendeiner Verbindung zu stehen, indem sie subtil durchblicken lassen, von „Internet“ keinen blassen Schimmer zu haben. Dazu reichen schon Worte wie „Vermummungsverbot“ oder „Radiergummi“…

Sie können nun jedenfalls dem lästigen Vorwurf entgegentreten, sie würden weder die von ihnen geforderte Präventionsarbeit, noch Nothilfe oder sonst irgendeine irgendwie geartete, tatsächliche Leistung vollbringen. Ihr Anspruch ist es vielmehr, öffentlichkeitswirksame Forderungen zu stellen. Für die Medienwirksamkeit ist es am Günstigsten zu fordern, was sowieso jeder fordert, auch wenn Sie es selbst nicht wirklich befördern. Keine Sorge, das merkt so schnell ja keiner. Fordern Sie etwa Gewaltprävention oder auch mehr Geld für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Und bleiben Sie hart, zeigen Sie Profil! Gehen Sie sogar soweit und schreiben Sie Pressemitteilungen über Bittbriefe, die Sie in ihrer knallharten Art und Weise postalisch in die Schaltzentralen der Macht geschickt haben. Bleiben Sie darin möglichst pathetisch ohne sich auf irgendwelche tatsächlichen Projekte zu beziehen.

Wenn diese drastischen Maßnahmen allesamt noch nicht ausreichen sollten um ihr Gewissen zu beruhigen und das Gefühl einer guten Tat hervorzurufen, gehen sie anschließend einfach zu den Machern von reißerischen Fernsehbeiträgen und schönen Exploitationvideos. Lassen Sie sich anschließend in der Bildzeitung, dem deutschen Watchblog für Anstand und Sitte, dafür feiern. Wenn diese seriösen Mendien die Welt nicht besser machen – wer denn dann? Achja, und wer etwas anderes behauptet und immernoch gegen Sie vorzubringen hat, der muss offensichtlich selbst ein pädophiler, gewaltperverser Internettyp sein. Auch wenn er Vorsitzender eines Kinderhilfswerkes ist. Das sind die Schlimmsten – die nehmen Ihrer Hilfsorganisation nur das Geld weg und verblasen das in sogenannter „Wohltätigkeit“…

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