Sonntag, abends

Ich sitze hier. Schmerz und Angst gefrieren in der Einsamkeit meines Käfigs. Die Stäbe habe ich schwarz getüncht, das Schloss verlötet. Einen Spiegel habe ich mir aufgehängt. Nun lese ich mir ein freies Leben an, ein interessantes. Blicke ich von den Büchern auf, sehe ich nur einen alten, fahlen Mann — gefangen. Doch mein Herz bleibt stark und mein Mut erhält sich frisch. Sie können nicht vergehen. In meiner Konserve gäre ich im eigenen Saft, konzentriere mich. Nichts wird verschwendet, nichts wird vergeudet, nichts ist vergeben. Alles bleibt in mir. Ich reife der Vollendung zu.
Als ich einmal zuließ zu fühlen, mich binden zu wollen an ein Gefühl, als ich an einen Menschen glaubte, starb etwas in diesem Menschen. Es war das Hoffen und Träumen, der Glaube, dass Dinge nicht einfach da und wir nur fügsam sind. Heute ist mir klar, dass dieses Wünschen und Schwärmen wohl das sterblichste am Menschen ist. So hörte auch in mir etwas auf. Mir dämmert, Alle haben Recht hatten, und werden es behalten: Jeder ist nur sich selbst nahe, hat das Beste aus sich zu machen – sonst gibt es keine Verpflichtungen; Alles andere ist Tand aus grauen Träumen. Das Leben ist machen, nicht wünschen. Wer klug ist, handelt zu seinem Glück. Wer sein Glück nicht selbst macht, der passt nicht. Wer nichts macht, ist nie gewesen.
Und dies dickt mein Blut ein, so dass es nur noch durch den Körper kriecht und zäh durch die Gefäße kratzt. Doch noch erreicht es mein Gehirn, wenn auch vermengt mit reichlich Galle. Ich höre es gerinnen, in den Kapillaren, und spüre kleine Klumpen durch die Adern rieseln. Ein Arzt sollte sich das ansehen, irgendwann einmal.

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