Konsum&Romantik

Zur Romantik habe ich hier ja bereits mehrfach etwas geschrieben. Schön wenn man sich auch im universitären Rahmen etwas weiter damit befassen kann. Da ich glücklicherweise dazu gezwungen war, möchte ich die weiteren Erkenntnisse meiner dementsprechenden Bemühungen nicht weiter versteckt halten. Hierbei habe ich mich zuerst der Definition und Beschreibung der Romantik des 19. Jh. gewidmet. Danach folgt eine Betrachtung des modernen Phänomens „Romantik“ und seiner Prägung als Konsumritual. Dies führt zum Kernthema der Untersuchung: Wie beeinflussen sich Konsum und Romantik? Wie haben sie sich gegenseitig verändert? Nachdem diese Wechselwirkung am historischen Beispiel der Wandlung vom Stelldichein zum Rendezvous/Date veranschaulicht wurde, unternehme ich den Versuch einer abschließenden Bewertung, bei der auch meine jüngeren Erwägungen zur Rolle der Utopie eine gewisse Rolle spielen und weiter ausgeführt werden..

Wer mein Blog fleißig verfolgt hat, für den wird es nicht neu sein, dass die Romantik, obschon bereits Anfang des 19. Jh. einsetzend, noch bis weit ins 20. Jh. andauerte. Das Wort selbst leitet sich von in romanischer Sprache verfassten Büchern ab, den „Romanen“. Der Roman entstand im Frankreich des 17. Jh. als eine Gattung, die zu allererst den wissenschaftlichen Büchern lateinischer Sprache entgegengesetzt war. Romane wurden bald auch in den deutschen Landen, dort in deutscher Sprache übernommen. Schon hier zeichnet sich der wichtigste Aspekt ab, der für die Romantik prägend bleibt. Sie ist keine Wissenschaft, keine Rationalität sondern vielmehr eine Gegenreaktion dazu. Mit Novalis gesprochen ist sie „qualitatives Potenzieren“. Er schreibt von sich selbst:

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es.“

Den Kern der Romantik bildet also die Verzauberung, die Entrationalisierung des Alltäglichen. Dies vor dem Hintergrund einer immer schneller ablaufenden Industrialisierung, einer Rationalisierung, welche die Menschen enttäuscht. Romantik stemmt sich dieser hereinbrechenden Verendlichung der Welt entgegen, sie tritt mit der Moderne auf als Tochter der Aufklärung. Romantik verklärte, führte ins Dunkel der Nacht, der Bergwerke. Ihre Schlagworte sind das Schaudern, die Spontaneität, Ewigkeit, das Unendliche, das Heilige, das Dunkel, das Genie und die Unbegreiflichkeit.

Warum nun dieser Exkurs in die Kulturgeschichte der Epoche der Romantik, was hat dieses romantische Denkmodell noch zu tun mit unserem heutigen Begriff von Romantik? Was ist für uns heute romantisch?

„Das Wort „romantisch“ kann in der englischen Sprache vollkommen ambivalenzfrei zur Bezeichnung von besonders intensiven, atmosphärisch aufgeladenen Momenten der Liebe verwendet werden“

Dieses Zitat stammt aus einer amerikanischen Studie von Eva Illouz zum Thema Konsum und Romantik. Was heute unseren Begriff von Romantik prägt, kommt scheinbar eher den Romanen als der Romantik gleich. So weiß auch die Wikipedia zu berichten:

‚Im heutigen, allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Romantik mit dem Adjektiv romantisch die Eigenschaft einer Sache oder eines Ereignisses, Menschen mit Liebe und Sehnsucht zu erfüllen, so etwa in den Wortverbindungen „romantische Liebe“, „romantische Musik“ oder „ein romantischer Brief“’

Aber es bleibt auch noch Einiges von der Denkstruktur Romantik. Romantische Liebe gilt als etwas Irrationales, Ewiges und Unendliches. Die Utopie der romantischen Liebe bildet die bedingungslose Vereinigung, meist zwischen Mann und Frau, welche allen Widerständen und Anforderungen des Alltags trotzen. Für eine dichtere Beschreibung kann man einfach auf die einschlägigen Romane und deren Verfilmungen zurückgreifen.Wie jedoch zeichnen sich „atmosphärisch aufgeladenen Momente“ der Romantik denn nun aus? Wie äußert sich diese erhabene Form der Liebe konkret?

„Sich fein rauszuputzen ist romantisch, und auszugehen und schöne Dinge zu tun und dann auch eine gewisse private Zeit zu verbringen und auch Dinge zu tun, die sich irgendwie von dem gewöhnlichem Kram unterscheiden. Das kommt vom Standardtanzen, wissen sie, Walzer und Swing, solche Sachen, das macht es romantisch. Anschließend wird einem auch Champagner kredenzt, das unterscheidet sich einfach ein bisschen vom Gewöhnlichen, obwohl ich es eigentlich ziemlich oft erlebe. (Universitätsprofessor, Interview 1)“

Eine Antwort aus derselben Studie und hier scheint sich Romantik auch auf einer etwas greifbareren Ebene abspielen zu können. Besonders auffällig ist, dass nicht die besonderen Gefühle für eine Person als romantisch beschrieben werden sondern bestimmte Aktivitäten und Produkte. Momente lassen sich allem Anschein nach „romantisch machen“ durch stimmungsvolle Umgebung und Utensilien.

Was sind das für Dinge, deren Konsum einen Moment romantisch werden lässt und was macht diese Konsumgüter nun explizit romantisch? Der romantische Moment ist ein Moment der „Liminalität“. Er ist also ein Schwellenzustand, der den Betroffenen aus der üblichen Sozialstruktur heraus hebt und in einen völlig anderen Handlungsrahmen versetzt. Dieser Schwellenzustand wird durch romantische Rituale erreicht, also bestimmte Handlungsformen, deren Ziel die symbolische Distanzierung von den Gesetzen, Strukturen und Implikationen des Alltags ist. Wie in anderen Ritualen auch, prägen das romantische Ritual bestimmte Gegenstände, deren besondere Symbolik und Funktion das Ritual „aufladen können“. Die symbolische Grenzziehung geschieht innerhalb von vier Dimensionen, durch die Romantische Stimmung erschaffen werden kann:

• Temporal: Es wird ein „Herausgehen aus der Zeit“ des Alltags bewirkt. Die Romantische Zeit muss klar von Arbeitszeit etc. abgetrennt werden, „ungestört“ sein. Sie dient sozusagen als „Feiertag“.
– so werden die Randbereiche des Arbeitstages als Zeit für Romantik betrachtet: Der Abend und der Morgen. Die Nacht als Zeitraum, in dem gewohnte soziale und Arbeitstrukturen keine Rolle mehr spielen.
• Räumlich: Es wird versucht einen privaten, intimen Raum zu schaffen, auch wenn dieser innerhalb der Öffentlichkeit gelegen sein kann. Dieser Raum ist aber gemeinhin umso romantischer, je mehr er sich vom alltäglichen Raum unterscheidet.
– Restaurants mit Nischen, Separees in denen man „für sich“ sein kann, sind romantisch. Der Urlaub zu zweit, weit weg und bestenfalls auf einer einsamen Insel gilt als romantisch.
• Künstlich: Romantisch aufgeladene, rituelle Objekte grenzen zum Alltag hin durch ihre Besonderheit ab. Diese Objekte zeichnen sich besonders durch ihre Alltagsfremdheit ab (man darf sich fragen ob im frühen 19. Jh. ein Candle-light-dinner als romantisch galt).
– So z.B. elegante Kleidung, ruhige Musik, teures Essen.
• Emotional: Romantische Liebe wird als einzigartiges Gefühl verstanden, dass von allen anderen Empfindungen klar getrennt sein muss, um seinen besonderen Wert zu behaupten. Die romantische Liebe ist auf eine einzige Person gerichtet, die über allem anderen Stehen muss. Idealerweise auch über allen rationalen und vor allem monetären Erwägungen.

Konsumgüter von Kerzen über Essen bis hin zu Reisen dienen also dem romantischen Ritual. Dieses soll den Teilnehmer aus dem Alltagsleben herausheben und zumindest vorübergehend von all Jenem befreien, was als routiniert, praktisch und mühsam gilt. Romantik ist also nicht allein die uneingeschränkte Liebe zu einer Person als vielmehr eine Utopie der Überschreitung sozialer, ökonomischer und rationaler Zwänge. Sie ist vorübergehende innerweltliche Weltflucht. Die romantische Liebe wird zelebriert als etwas, dass über all diesem steht und außerhalb all dessen stattfindet. Sie gilt als Leben auf das wesentliche reduziert. Die wahre Liebe erscheint frei und subversiv, oder für den Vorsichtigen zumindest als Urlaub von der Gesellschaft.

Gleichzeitig wird Romantik durch käufliche Waren erzeugt, durch den Konsum bestimmter Angebote. Hier treten die ersten Widersprüche auf zwischen der Unabhängigkeit romantischer Liebe vom rationalen und profanen Alltagsleben und ihrer Abhängigkeit von Marktstrukturen. Das Herausgehen aus den ökonomischen Verhältnissen und Zwängen als Merkmal des Romantischen scheint seltsamerweise gerade dort am leichtesten erreichbar, wo man explizit auf sie angewiesen ist: Beim teuren Essen in einem chicen Restaurant während eines Fernreiseurlaubs.

Wie nun also ist diese Utopie der Romantik verwirklicht in Alltag und Gesellschaft? Wieweit kann sich die romantische Liebe tatsächlich gegen soziale und ökonomische Zwänge behaupten? Dazu folgt eine Betrachtung dessen, was wir unter „Liebe“ verstehen und wie es sich unter den Bedingungen der Marktwirtschaft verändert hat.
In Illouz’ Interviewstudie war das gängigste Bild und Klischee einer romantischen Tätigkeit in fast allen Interviews das Essen in einem teuren Restaurant. Wohl weil hier die oben beschrieben Grenzziehungen einfach und ausdruckstark vollzogen werden können: Temporal (Abendessen), Räumlich (außer Haus), Künstlich (Kerzen, elegante Kleidung, teures Essen), Emotional (exklusive Zweisamkeit). Sie zieht daraus den Schluss, dass derlei konsumbetonte Aktivitäten „Symbole von größerer Kraft und Resonanz transportieren als diejenigen, bei denen Konsum keinerlei Rolle spielt, denn erstere erleichtern die Ritualisierung romantischer Liebe“.
Auch der Luxus spiele eine Rolle. Luxusgüter könnten als „Verführungshilfen“ dienen, nicht zuletzt weil sie auf den gesellschaftlichen Status ihrer Anwender zurückweisen würden (Hypergamie). Darüber hinaus seien Luxusgüter hochgradig „energiegeladene Symbole“, die gerade durch das Prinzip der Verschwendung funktionierten. So erfülle der Konsum von Luxusgütern keinerlei ökonomischen Zweck. Im Gegenteil, er steht den herkömmlichen Nützlichkeitsmaximen sogar entgegen. Durch ein solches „Opfer“ an Ressourcen werde abermals symbolische Grenzziehung erreicht.

Romantische Liebe hat also einerseits eine Nachfrage geschaffen, die der Markt bedient. Es gibt ein großes Spektrum von Angeboten, welche auf die Erzeugung einer romantischen Atmosphäre abzielen und die diese für viele leichter verfügbar machen. Diese Angebote mit ihrer entsprechenden Werbung prägen aber andererseits heute gesellschaftsübergreifend die Vorstellung von Romantik. Fragt man nach den Kennzeichen von Romantik, wird immer auf die oben beschriebenen Konsumangebote als Leitbild verwiesen. Wenn doch einmal ein konsumfreies Modell beschrieben wird, dann bewusst als Gegenentwurf zum gängigen Muster, das als allgemeingültig vorausgesetzt wird.

Die Frage ist an dieser Stelle, inwieweit die Markstrukturen dabei die Romantik verändert und ihr irrationales, unökonomisches Moment nicht nur kanalisiert sondern vielleicht ganz ausgelöscht haben. Dazu gilt das Hauptaugenmerk einem besondern Mythos der romantischen Utopie: Der Liebe auf den ersten Blick.  Jeder hat schon von ihr gehört, bezeichnend aber ist die häufig gestellte Frage, ob man denn an sie *glaube*. So steht die romantische Liebe einerseits in dem Verdacht eine bloße Erfindung Hollywoods zu sein. Mann und Frau treffen sich im Zug und heiraten am nächsten Tag. Andererseits wird sie heute auch oft als rein sexuelle Anziehung gedeutet, für deren Auslebung heute niemand mehr heiraten müsse. Der Raum für diese spontane und intensive Liebe sei die Affäre, die jedoch in den seltensten Fällen eine Basis für eine langfristige Beziehung biete.

In der Studie von Eva Illouz wurde eine solche Affäre zwar von vielen Interviewpartnern als ihr erinnernswertestes Liebeserlebnis bezeichnet, doch sagten sie gleichzeitig aus, dass eine Affäre für eine langfristige Beziehung eine eher schlechte Ausgangsbasis sei. Diese langfristige Liebesbeziehung wurde dabei mit einem auffälligen Vokabular beschrieben. Sie müsse erst „wachsen“, nachdem man viel in sie „investiert“ habe und an ihr „gearbeitet“. Das klingt weniger nach Liebe, denn nach der ökonomischen Alltagswelt. „Realistische Liebe“ beinhaltet danach auch alle Komponenten, die das Alltagsleben kennzeichnen: Zeitliche Dehnung, Behaglichkeit, Selbstverständlichkeit, Arbeit, Funktionalität. Bei diesem Verständnis einer Liebesbeziehung ist kaum verwunderlich, wieso der romantischen Liebe auf den ersten Blick kaum Chancen eingeräumt werden – sie ist eben romantisch und damit der rationalen Liebesbeziehung, die für den Alltag prägend ist, entgegengesetzt.

Bedeutet dies, dass die Affäre also die romantische Utopie umsetzt und damit dem ökonomisch und rational gegliederten Alltag trotzt? Bevor man in allzu große Euphorie ausbricht sollte man beachten, dass viele der Interviewpartner eine solche Affäre in großer Intensität erlebt haben, und sie sagen dennoch aus, dass so etwas im Alltag eben keine Chance habe. Und auch hat sich die Wahrnehmung der Liebe auf den ersten Blick nicht zuletzt wegen der Deutung als sexuelle Anziehung gewandelt. Es ist nicht mehr die ewige Liebe der Romantik in der man sich in einem plötzlichen Augenblick unsterblich und unkontrollierbar verliebt. Vielmehr fügt sich die sprunghafte, jetzt flüchtige Affäre in den Konsumcharakter der Moderne mit ihrer „Wähle und Kaufe“ Mentalität ein. Sie beinhaltet eher den Drang nach Vergnügen und den Wunsch zu „testen“ bevor man sich langfristig festlegt. Die Affäre unterliegt in vielen Hinsichten ebenso ökonomischen Maßstäben, nur bedient sie ein anderes Segment als die langfristige Beziehung. Man will etwas neues, spannendes, erfrischendes und amüsantes – Schlagworte, die uns eher aus einer anderen Abteilung schriftstellerischen Schaffens bekannt vorkommen, als aus dem Roman.

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