Nebelschlussleuchten

Ich überinterpretiere oft. Ein Lächeln, ein Wort — man sagt mir nach ich grübelte zuviel, ich hätte zuviel Zeit, manchmal aber auch, ich wäre Ignorant. Ich weiß nicht ob das stimmt, ob es da ein „zuviel“ oder „zu oft“ überhaupt geben kann. Und doch, häufig reicht eine SMS, ein Wort, ein Lächeln um mich glücklich zu machen, wohl gerade weil ich überinterpretiere.
Meine Unsicherheit bleibt so oder so.
„Ich bin nicht, was ich bin, weil ich es denke oder will; noch denke oder will ich es, weil ich es bin, sondern ich bin und denke — beides schlechthin;“. Auch ich lasse mich schwerlich in groben Partituren beschreiben. Ich bin nicht nur ein Gespinst meines Hirns. Ein Gehirn, das sich selbst nur als Neuronenkette begreifen will, gleicht einem Amboss, der aus sich selbst heraus die Schläge des auf ihn fallenden Schmiedehammers erklären will.

Trotz des mulmigen Gefühls der Privation und Deplatziertheit, welches mich ständig begleitet, spüre ich manchmal so etwas wie einen auf mir ruhenden Blick. Ein Auge, irgendwo dort im Nebel, das mich sieht. Ein Ohr, das mich hört. Ein Mensch, der mit mir Mensch ist. Dann habe ich schon fast eine Ahnung davon, wie es sein könnte, bei diesem Menschen
angekommen
zu sein

zit. nach J.G. Fichte, „Die Bestimmung des Menschen“

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Fraß

Als Kind wurde ich gefüttert, mit einem Löffel, aus kleinen Gläsern. Ich war unruhig. Vieles steckte man mir in den Mund. Nicht alles konnte ich schlucken. Meinen Hunger stillte man nicht.
Dann gab man mir Messer und Gabel, zu schneiden, zu stechen. Kleine Stücke durfte ich essen. Ich sollte gerade sitzen und still musste ich sein. Der Hunger blieb noch immer.

nun fresse ich,
grabsche,
reiße,
auf allen vieren,
rasend,
mein maul
verschlingt
stücke,
fetzen,
wo es nur kann.
mein Fraß
kennt keinen
Hunger.

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Fraß

Als Kind wurde ich gefüttert, mit einem Löffel, aus kleinen Gläsern. Ich war unruhig. Vieles steckte man mir in den Mund. Nicht alles konnte ich schlucken. Meinen Hunger stillte man nicht.
Dann gab man mir Messer und Gabel, zu schneiden, zu stechen. Kleine Stücke durfte ich essen. Ich sollte gerade sitzen und still musste ich sein. Der Hunger blieb noch immer.

nun fresse ich,
grabsche,
reiße,
auf allen vieren,
rasend,
mein maul
verschlingt
stücke,
fetzen,
wo es nur kann.
mein Fraß
kennt keinen
Hunger.

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Grown so Ugly

Ich stinke. Zum ersten Mal seit Monaten nehme ich meinen Körpergeruch wahr. Was mache ich hier eigentlich? Was soll ich mit diesen Menschen reden, die ein Leben haben. Warum laden die jemanden wie mich zu irgendwelchen Schützenfesten ein? Was soll ich sagen außer „tja“, gefolgt von einem Lächeln, als würde ich verstehen. Ich passe nicht, weder hier noch sonst wo. Allein, immer. Ich würde gerne schlafen und vergessen, wo ich bin, was ich bin. Würde gerne träumen irgendwo für irgendwen irgendwas zu sein. Doch dieses fahle, gelbe Licht an jedem Morgen hindert mich daran. Mein Geist taucht ganz in dieses Zwielicht, „erhebt sich […] nimmermehr“.
Warum soll ich an sie denken, mir erlauben an sie zu denken? Meine Gedanken dringen nicht durch zu ihr. Sprechen kann ich nicht. Ich bleibe bei mir. Ich bin einfach untauglich. Das Rudimentum eines Menschen.

Töten will ich!
Leben ficken
warme Körper endlos schänden
das Schönste ins Verderben schicken
die Liebe in das Elend wenden
ich will bespucken, fressen, schlagen
dies ganze Pack zur Hölle jagen

Viele Leute glauben mir sagen zu können, ich sei suizidär. Das ist allerdings nicht wahr. Meine akute Eigengefährdung habe ich schon vor Jahren abgelegt. Eines Nachts wachte ich schweißgebadet auf und hatte plötzlich Todesangst. Angst zu sterben, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Ein Szenario, das bis dahin ein Wunschtraum geblieben war. Nun fürchtete ich plötzlich um mein Leben. Ich musste regelmäßig meinen Puls fühlen, kontrollieren das mein Herz noch schlug. Ich hatte Angst, tödlich erkrankt zu sein, Angst vor dem Verlust meiner Existenz, Angst vor dem Nichts. Ohne jeglichen Grund hatte ich das Leben zu Schätzen gelernt. Deshalb ist mir nun auch dieser Ausweg versperrt. Ich kann suizidäre Menschen eigentlich nur beneiden, denn sie glauben wenigstens noch an eine Lösung ihrer Probleme. An Woody Allen angelehnt könnte man sagen „Wer nur unglücklich ist kann sich also sagen: ‚Hab ich aber Glück gehabt’“.
Vielleicht war es auch nur die Konsequenz aus dem latenten Glaubensverlust. Bei den Fürbitten wird regelmäßig für die Seelen gebetet, die ihren Glauben verloren haben. Irgendwie paradox, aber eine nette Geste. Ich würde diese Fürsprache gern in Anspruch nehmen.

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Gebt den Kindern Kommandos!

Das Leben ist kein Zuckerschlecken, und soll es auch gar nicht sein, denn Zucker schädigt die Zähne und macht dick. Zuckerschlecken ist schädlich für die Volkswirtschaft und Volksgesundheit. Nur gut, dass Kinder heute keinen Zucker mehr schlecken. Sie trinken Mineralwasser, damit sie besser in ihre Marken Anziehsachen passen. Der neuen OZ war das gestern eine Titelseite wert, denn Jugendliche werden immer mehr zu Vollzeitverbrauchern. Durchschnittlich verfügen 6 — 13 Jährige im Jahr über ein Budget von gut elfhundert Euro. Den Großteil davon geben sie für Markenkleidung und Elektronikartikel aus, jedoch auch für Körperpflegeartikel, Parfüms und Deos. Naschwerk konsumieren mehrmals die Woche nur noch etwa 40%. Der Trend geht zu „Functional Food“. Es boomen Gymnastik-, Yoga- und Fitnesskurse für Grundschüler. In NRW soll die 6 Tage-Woche an Schulen wieder eingeführt werden und deutschlandweit werden seit Jahren bereits Ganztagsschulen gefördert. Das Kind ist Leistungsträger — Ausfälle, notorische Leistungsverweigerer müssen therapiert und medikamentös eingestellt werden: Krankheitsbild ADHS. In Schulen wird mittlerweile Lerndoping betrieben, so meldet heute Tagesschau.de. Schüler tauschen untereinander Ritalin und andere konzentrationssteigernde Medikamente aus, deren Zusammensetzung und Wirkung derer des Kokains nicht unähnlich ist. Ziel ist allerdings nicht Rausch sondern Effizienzsteigerung, Bestnoten. Die Kinder sind angekommen in unserem Gesellschaftsbild.
Vor nicht allzu langer Zeit geisterte durch die Medien das Schreckensbild des fetten, dummen und gewalttätigen Problemkindes: Das hat offenbar gewirkt. Eltern sind bereit alles zu tun, damit ihre Nachzucht vollständig erfasst, trainiert, herangebildet und ausgerichtet wird. „Der Staat“ übernimmt ganzheitlich die Erziehung der Kinder nach nachhaltig wirtschaftlichen Kriterien. Da bleibt nur die Frage vor welcher Gruppe man sich mehr fürchtet: Vor den Fetten oder den Businesskaderkindern…

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