Gelassenheit

Eingesperrt in grauen Mauern
Eingezwängt in tristen Räumen
ohne jegliches aufbäumen
ohne jegliches bedauern

liegt er still, verblutend da
totgeschwiegen, umgebracht
er, der niemals mehr erwacht
er, der niemals lebend war

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Nachtschicht

Die Maschine atmet in regelmäßigen Zügen. Ich bin ihr Puls, bediene sie. Irgendwo knarzt ein Radio. „Weiß jemand, welches Wetter eigentlich draußen ist?“ Wir sind nicht autark, jedenfalls nicht völlig. Nur für 8 Stunden am Tag. Wenn wir bedienen, pulsieren. Was hast du nur damit gemeint, was ist das eigentlich für ein Satz gewesen? Hast du dabei an mich gedacht? Wohl kaum. Die Charge ist zu Ende, doch die Palette noch lange nicht voll. Ich schreibe meine Nummer auf ein Kontrollkärtchen: 3490. Das bin ich, niemand anders. Wie damals bei den Panzerknackern. Der Hubwagen rollt durch den Gang, serviert immer neue Kabel, neue Züge, neues Plastikgranulat, hebt weg, was geschafft wurde. Ein Kollege bekommt seine Ablöse, macht Pause. „Moin“ — „Morgeeeen“. Man lernt zwei Gangarten zu verwenden. Ein Tempo zur, ein Tempo von der Arbeit. Das Vokabular ist festgelegt, standardisierte Formeln und anzügliche Bemerkungen, parabelhaft. Die halbe Nacht ist durch. Noch immer kein Glimmen am Horizont. Die hohen Fenster mit ihren Oberlichtern bleiben pechschwarz, versetzen uns in eine dunkle Kathedrale. Wir gehen unseren Ritualen nach, feiern eine okkulte Messe im Choral der Maschinen. Wieso hab ich dir nicht gesagt, was ich sagen wollte, was ich niemals sage, wenn es Zeit wäre. Doch die Zeit ist ein Kreis, nichts geht verloren, alles ist längst verloren. Ich spüre meine Hände. Sie passen sich dem Akkord nicht so schnell an wie mein Geist. Der Körper baut ab. Aber die Maschine vergibt, stöhnt großzügig in schleppendem Tempo. Noch einen Kaffee aus dem Automaten, oder eine Zigarette. Alles was uns hier vom Wahnsinn trennt sind Kaffee und Zichten; Und die anzüglichen Bemerkungen zum Bier im Sonnenaufgang. „That’s the Combination, man“. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, klar definiert. Man kifft nicht, ist nicht schwul und vögelt gerne. Doch auch da ist man tolerant, solange die Maschine taktvoll stanzt. Was soll schon sein, es geht weiter. Ich nehme dir nichts übel, nehme niemandem nichts übel. Ich bin nachsichtig, wie die Maschine geworden. Atme regelmäßig, in schleppenden Zügen. Freitags kippe ich einen Kübel Küberclean Reiniger durch den Apparat. Dann ist alles wie neu. Nichts bleibt mehr haften. Nichts ändert meinen Puls. Ich funktioniere. Ich bringe den Akkord.

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Befreiung

Ich töte dich
sieh nicht her
es dauert nicht lang
ein kurzer Schmerz
ein leiser Schrei
einsamer Frieden

ich bleibe zurück
mit diesem Körper
nur eine Last
von dir genommen
mir gegeben
sie zu tragen
wegzuwerfen

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dead man’s hand

Ich sitze hier in meiner Zelle und spiele Karten mit Freund Hain. Er spielt schlecht, noch lässt er mich gewinnen. Warum, das weiß ich nicht. Mal schauen wer als erster die Geduld verliert.

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Autolyse

Schluss. Ich reiße die Markise ab, vernagle die Fensterläden und verriegle die Tür. Die letzten Versuche, die Lügen wider mich selbst, spüle ich durchs Klo. Danach schließe ich das Bad ab. All das brauche ich nicht mehr. Your Home is your Castle.
Durch die Türritzen dringt Kichern, sie lassen sich schwerlich abdichten. „Draußen ist feindlich“, doch vor dem Hall habe ich keine Angst. Außenwelt lässt sich durch Krach übertönen, nur zu sehr auffallen darf man nicht. Sonst klopft noch jemand an – Wie lächerlich. Die Axt steht griffbereit neben meinem Bett.
Schnaps schützt vor dem Wahnsinn, Schmerz vor der Einsamkeit. Alles andere birgt Gefahr. Ich setze mich dem nicht länger aus, nehme diesen Wahnsinn nicht mehr in Kauf, lasse mich nicht weiter quälen. Macht doch was ihr wollt, nur ohne mich („das ist natürlich leicht gesagt, wenn es eh niemand merkt“). Hier dringt keiner mehr ein. Ich habe Glasscherben verstreut, wandere auf Zehenspitzen umher. Ansonsten liege ich wund. So ist’s recht, denn richtig habe ich es gemacht. Mir sind keine Fehler unterlaufen. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, durch wen auch. Nun bin ich absolut — Ich.

„Ich bin nicht durch mich selbst entstanden. […] Es war unmöglich, daß statt meiner ein anderer entstände; es ist unmöglich, daß dieser nunmehr Entstandene in irgendeinem Momente seines Daseins anders sei, als er ist und sein wird.“

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