AWACS und Ehrlichkeit

Ein Interview im Deutschlandfunk gibt heute Anlass, mich mit zwei Themen etwas genauer zu befassen. Einerseits mit dem Aufgabenprofil eines AWACS, andererseits mit Elke Hoff, die dieses Aufgabenprofil in besagtem Interview darstellen wollte.

Interviewt wurde Frau Hoff, die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, zum neuen Mandat für einen umfangreicheren Einsatz von AWACS Flugzeugen über Afghanistan. Zu Recht wurde vor allem darauf eingegangen, wieso ein UN-Mandat für eine Flugverbotszone über Libyen denn nun eine Entsendung von Militär nach Afghanistan zur direkten Folge habe. Im Weiteren wurde Frau Hoff aber auch gefragt, ob diese AWACS nicht in Verbund mit Kampfbombern eingesetzt würden, um deren Bombenangriffe anzuleiten.

AWACS als Sanitätsflugzeuge?

Dies stritt Frau Hoff ab. AWACS Flugzeuge seien im Grunde nur dazu da, verwundete Soldaten zu evakuieren oder aus einem Hinterhalt zu befreien. Erweiterte Sanitätsflieger also? Sie sollten jedenfalls in solchen Fällen die „Luftnahunterstützung“ koordinieren und an die eingeschlossenen Soldaten heranführen. Auf die Frage, ob diese Luftunterstützung denn nicht auch Luftangriffe beinhalte und diese ebenfalls herangeführt würden, antwortet Elke Hoff, dass sie keine militärische Koordinatorin sei und über den genauen Ablauf nun nichts Näheres sagen könne.

Da stellt sich gleich die erste Frage: Wenn sie als Militärexpertin die genauen Vorgänge nicht kennt, warum hat Frau Hoff dann die Funktion der sicherheitspolitischen Sprecherin der FDP inne und ist darüber hinaus Mitglied des Verteidigungsausschusses des deutschen Bundestages? Nun könnte man meinen, Politiker haben oft über Fälle zu urteilen und zu reden, von denen sie keine wirkliche Ahnung haben. Frau Hoff ist jedoch auch noch im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik, dem Lobbyverband deutschen Waffenexportes sowie der Rüstungsindustrie im Allgemeinen.

Don’t ask the Hoff

Ihre Behauptung, sie kenne nun einmal die Vorgänge nicht, kann also entweder nur eine ausweichende Floskel sein oder sie übt ausschließlich Ämter aus, für die sie nicht qualifiziert ist – in mehreren Fällen gleichzeitig. Das würde kein gutes Licht auf die derzeit ohnehin recht fragwürdige Personalwahl der FDP werfen, andererseits könnte es begründen, warum ihre Aussage über das Einsatzprofil von AWACS (Airborne Warning and Control System) so realitätsfern anmutet.

Ich bin nun selbst auch kein Militärexperte, jedenfalls präsidiere ich nicht in Lobbyverbänden der Rüstungsindustrie. Aber ich wage gerne mal eine Einschätzung auf dem Boden zugänglicher Fakten: Bei einem AWACS Flugzeug handelt es sich um ein fliegendes Langstreckenluftradar. Es überwacht in Langzeitflügen also den gesamten Luftraum im Einsatzgebiet und liefert genaue Radardaten an die militärische Führung sowie die zivile Luftfahrt. Die AWACS liefern das Bild, mithilfe dessen der Luftverkehr gelenkt wird. Sie haben damit grob gesagt jene Funktion, die das Bodenradar hierzulande für die Fluglotsen hat. Wo man auf kein Bodenradar zurückgreifen kann, weil die Infrastruktur nicht vorhanden oder in feindlicher Hand ist, benötigt man AWACS.

Die unbewaffnete Waffe

Selbst bewaffnet sind die Flugzeuge dabei nicht, da sie nach Möglichkeit in großer Entfernung jeglicher Kampfhandlung operieren. Gerade das macht einen AWACS Einsatz für die deutsche Politik so attraktiv. Ihre Entsendung kann man, wie auch durch Frau Hoff geschehen, leicht verharmlosen. Es handele sich nicht um einen Kampfeinsatz, heißt es dann, man liefere ja nur Aufklärungsflüge. Noch dazu stellt man bloß die Besatzungen und keine Flugzeuge. Deutschland hat keine eigenen AWACS, höchstens Aufklärungstornados, die man hierzulange aber für die Kontrolle von Großdemonstrationen benötigt.

Diese Tornados wie zunehmend auch moderne Drohnen liefern dann auch visuelle und elektronische Nahaufklärung um etwaige Kampfeinsätze direkt zu unterstützen. Dafür sind die AWACS nicht geeignet. Eine saubere Sache und keine Waffe im eigentlichen Sinne also? Nur insofern ein Zielvisier eines Gewehrs für sich betrachtet auch noch keine Waffe ist. Eine solche Trennung ist gerade innerhalb der modernen Militärdoktrin jedoch bloß noch eine Illusion. Innerhalb der vernetzten Kriegsführung (Network-Centric Warfare) stellen die Radardaten von AWACS Flugzeugen schlicht einen Bestandteil des Aufklärungsmaterials zur Verfügung, das für sämtliche Einsätze herangezogen wird – ob nun Luftschlag oder die Evakuierung von Kampftruppen.

Aufklärung für den vernetzten Krieg

Die direkte Koordination von Luftangriffen leisten die AWACS Flugzeuge vielleicht nicht, aber zu behaupten, ihre Einsätze würden nicht auch zur Koordination von Luftschlägen beitragen, das geht an der Realität vorbei. Oder ist es realistisch zu glauben, die AWACS Einheiten schalten ihr Radar über Zonen aus, in denen gerade gekämpft wird, damit die Flugrouten der Bomber dort nicht überwacht würden? Ganz zu schweigen davon, dass die auch von Frau Hoff benannte „Luftnahunterstützung“ für eingeschlossene Soldaten in der Regel immer auch Luftangriffe auf die feindlichen Truppen beinhaltet. Wie sollte man die eingeschlossenen sonst evakuieren können?

Es nützt also ein wenig Sachverstand und diesen sollte man als Mitglied des Verteidigungsausschusses auch ehrlich an die Bevölkerung weitergeben um sie zu informieren und nicht um die tatsächliche Aufgaben der Bundeswehr auf eine solche Weise zu verschleiern und zu verharmlosen. Wo es um Militäreinsätze geht, ist dies mehr als sonst geboten um eine ehrliche Debatte zu ermöglichen. Illusionen von Aufbauhelfern in Uniformen oder AWACS, die ihre Daten bloß an Sanitätshubschrauber weitergeben, führen letztlich zu Kampfeinsätzen, die dann so niemand beschlossen haben will. Und sie lassen in der Bevölkerung nicht gerade Vertrauen in die Politik gewinnen.

Wer übrigens eine kurze und verständliche Einführung in die fortschreitend vernetzte Kriegsführung erhalten möchte, der sei auf eine Reportage über den Einsatz von Drohnen und folgendes youtube Video hingewiesen:

 

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