15.Juli

Die Gegenstände rücken auf mich zu, zerspringen in meinen Augen. Ich fasse mich nicht mehr. Es ist soweit, das Ende der Geschichte ist erreicht. Ich werde postmodern. Vor meinen Augen zerfließen die Substanzen, die Eigenschaften verlieren ihren Halt. Es rückt hinter mich, mein Sein streift seine Ordnung ab, wird Wahnsinn. Schluss damit, beende dich. Ist das nur ein Traum? Ich kann nicht mehr träumen. Ich bin zerfallen, fernab von einem Ich. Meine Freiheit habe ich verloren. Ich unterwerfe mich. Ich bin mir nichts wert. Nichts ist mir mehr Wert. Ich verliere mich in monotonen Gedanken. Ich finde keinen Antrieb, werde nur noch umgetrieben. Wann endlich hebe ich mich auf?
Ich wachte heute auf, nahm den Hut vom Gesicht, zog die Stiefel aus und kroch aus der Badewanne. War das Ich gewesen? „Seeking Electricity“. Wo war der dunkle Garten, in dem uns die Schatten der Nacht von verbotenen Früchten kosten ließen, uns Engel wunderbare Fanfaren bliesen. Nun bin ich wieder an dem Punkt. Ich höre Tocotronic — „digital ist besser für mich“.
Der Nachmittag war furchtbar, heiß, schwer lasteten Wolken über dem Hitzeflimmern. Genau wie diese war ich kein schöner Anblick. Trotzdem sprach mich eine alte Dame am Bahnhof an und redete eine halbe Stunde mit mir. Wahrscheinlich lag es am T-shirt mit der Aufschrift „Junge Union“. Viele Menschen glauben das, was Kleider ihnen sagen. Der Schaffner hingegen wollte gleich meinen Perso sehen. Er meinte, ich hätte womöglich mein Semesterticket gefälscht. „Das passiert in letzter Zeit“ — „Man kann nicht vorsichtig genug sein“.
Ich hasse diese heißen Tage in der Stadt, die Luft ist erfüllt von den Sekreten diverser Poren und nicht nur deshalb lässt sich kein klarer Gedanke fassen. Diese schrecklichen bunten Farben, mit denen die Menschen ihre wichtigen Körperteile anzeigen. Alles strömt in die Sonne heraus um sich wechselseitig der hohen Temperaturen zu versichern. „Ganz schön warm heute, was?“ — „Das ist nicht warm, das ist heiß“. Wenigstens rauchen noch einige von denen. Das hier war niemals meine Welt.
Und ich merke wieder mal, dass ich komplementärer bin, als ich es sein möchte. Mir fehlt etwas. Habe ich es verloren? Liegt das an all den Frauen, die sich mir heute fahrlässig zur Schau gestellt haben? Ich erwäge mich zu rasieren und zu waschen, doch wozu? Es ist schon längst dunkel geworden. Meine letzte Möglichkeit Menschen zu begegnen wäre endlich den Müll raus zu bringen. Selbst das lohnt nicht mehr, das hebe ich mir für morgen auf.

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„He, who makes a beast out of himself…

Kalter Schweiß und Brechreiz sind zwei häufige Nachfolgeerscheinungen des massiven Alkoholismus. Warum können wir trotzdem nicht von ihm ablassen? Liegt es wirklich nur an der stimmungsaufhellenden Wirkung eines Kasten Bieres, dass er uns immer wieder lockt ihn bis zur vorletzten Flasche auszutrinken?
Ich denke darüber nicht mehr so. Für mich ist das grundlegende Gefühl und Motivator zum finalen Abschuss der Ekel geworden. Ekel vor sich selbst, vor den Menschen, vor Vergangenheit, Zukunft und dem Moment, der diese Dimensionen peinlicher und enervierender Situationen miteinander verkettet. Aus dem alles versäuernden Ekel entsteht der Zwang zu saufen. Soviel zu saufen, dass all die grässlichen Konturen verschwimmen, die schrecklichen Dialoge ihren Sinn verlieren und man selbst jede Erinnerung an den Restbestand so genannter Realität vergisst. Man will eben nicht lustig werden, nicht unter Strom stehen sondern sich zernichten, sich auskotzen. Dementsprechend sind die körperlichen Nachwirkungen eines solchen Fluchtversuchs nicht nur notwendig sondern gar begrüßenswert: Der Ekel lässt sich nun zumindest in der Magengrube verorten und ein pochender Schädel trocknet jeden marternden Gedanken aus — bis der Nachdurst einsetzt und man wieder in die eklige Welt zurückfindet. Die einzige Gefahr dabei ist, dass man irgendwann aufhört sich zu betrinken und nur noch trinkt, den Pegel hält. Diese eklige Angewohnheit mit ihrer nüchternen Gemütlichkeit und konstantem Verfall widerspricht allem, für das ein wahres Besäufnis steht: Exzess, Kontrollverlust, Freiheit vom Ekel der Welt.
Das kann man nicht lernen, das muss man einfach wagen. In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen Samstag Abend!

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Der Schadminister und die Problemmoslems („Knallt die Bestie ab“)

Ein Rauschen ging dieser Tage durch mediale Wälder, das kaum zu überhören war. Es begann mit dem Bekanntwerden einiger Absichten unseres wohlvertrauten Bundesinnenministers der enduring freedom wegen. Das Thema waren die „Gefährder“, jene bösen Machenschaftler, welche in den vergangenen Jahren in Deutschland soviel Leid und Tod verursacht haben.
Nun, die Forderungen und ihre Umstände sind ja mittlerweile schlicht bekannt, auch an welchen tragenden Stämmen der gute Wolfgang sägen möchte (1). Interessanter dabei sind jedoch die Reaktionen, von der obligatorischen Empörung einmal abgesehen. Obwohl, diese ist ja nun doch etwas größer, als bei allen Eskapaden, die er sich davor in wöchentlicher Folge gönnte. Mag daran liegen, dass nun alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, es gibt kein Mehr nach „knallt sie ab“.

Und so scheint es nicht verwunderlich, dass selbst Günther Beckstein, auf dem falschen Fuß erwischt, distanziert reagierte und zumindest zur Vorsicht mahnte (2). FDP, Grüne SPD und Linkspartei, na klar, reagierten verstört bis entsetzt und mit den üblichen Rücktrittsforderungen. Der Schadminister „werde zur Belastung“, wenn er dazu übergehe, die Freiheit „zu Tode zu schützen“(3). Ganz nebenbei, dieser Versuch einer lustigen Paradoxie scheitert schon an der Grundaussage, da „Freiheit schützen“ ein ähnliches Unding ist, wie den „Frieden zu verteidigen“ und dies notfalls mit Gewalt. Jedenfalls hatten nun alle was sie wollten: Die CDU war wieder ein schönes Biergespräch und die berühmten Studentinnen, die auf dem Teppich sitzend alle Probleme der Welt zerreden, konnten einstimmig ihre Claudi Roth Puppe knuffeln und Schiller zitieren (4 — an manchen Autoritäten kommt man nicht vorbei).

Spulen wir etwas vor, genau 3 Tage bis zum 10.07.07. Nach kurzer Zeit des schönen Schauspiels parteipolitischer Profilierung hören wir nun plötzlich von Herrn Struck: Darüber „wird man reden können“ (5). Was genau meint er? Natürlich nicht die „völlig unakzeptable“ Tötung von Verdächtigen, sondern nur die harmlose Internierung und soziale Beschneidung. Auch wenn er den „Überwachungsstaat“, wie er zu diesem Zeitpunkt sagt, nicht haben will. Aber irgendwie muss man den nützlichen Dönerali ja vom problematischen Hassbombenmurat unterscheiden und dann auch scheiden können, wo doch Fragebögen uns offenkundig hier nicht weiterhelfen. Und vom Überwachungs- oder gar Tötungsstaat sprach Schäuble schließlich auch nicht. Er ist ja, trotz unterstellter Traumata (6), nicht doof.

Verbirgt sich da ein Mechanismus (7)? Es liegt jedenfalls nicht fern und ist auch an diversen Stellen so bezeichnet worden. Man mag auch einige Parallelen etwa zu Tarifverhandlungen sehen — doch anstatt ums einheitliche Geld, geht’s hier um Rechte vs. Sicherheit. Das nur am Rande, die Feinmechanik der politischen Maschine überlasse ich lieber anderen. Fest steht: Internierung wird zum Konsens der großen Koalition. Was sich hier aufdrängt ist nicht die Frage, wäre das unter Rot-Grün oder Schwarz-Gelb möglich gewesen sondern eher: Wäre das ohne die beschriebene Inszenierung etwa schon vor 2 Wochen möglich gewesen? – Wohl kaum.

Welchen Schluss, ohne Vorträge über politische Ehrlichkeit (ha!) und den Verfall von Werten (haha!), kann man daraus ziehen? Das Wahlziel der Partei geht in Erfüllung, die Mauer wird gebaut (8). Nur leider nicht nur eine, sondern zwei, drei, viele Mauern mit schön Stacheldraht herum und Flachdach obenauf. Vielleicht fordert Wolfgang nächste Woche noch die Abschottung, Umzäunung und Bewachung Neuköllns. Man weiß es nicht, aber ist auf alles gefasst. Der Bundesbürger wurde schon darauf eingestimmt und ist zumindest froh, nicht abgeknallt zu werden. Für den Moslem sieht es leider anders aus, da mag er Integrationsgipfel verweigern wie er will. Schließlich muss er damit rechnen eingefangen, oder sogar final rettungserschossen zu werden, bevor er sich zu sehr an die Menschen hier gewöhnt, der olle Gefährderbär.

Mehr zum Thema:
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/179/staatsfeind-nr-1

(1) http://www.heise.de/newsticker/meldung/92437
(2) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID7077888,00.html
(3) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID7077196,00.html
(4) http://gonzosophie.blogger.de/stories/848103/
(5) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID7084708,00.html
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25046/1.html
(7) http://en.wikipedia.org/wiki/Overton_window
(8) http://www.iley.de/index.php?pageID=20000000&article=00000115

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Privation

Irgendwann kommt dieser Moment, an dem einen nichts unerträglicher ist, als sich umzusehen und niemanden zu sehen. Als still zu sein und niemanden zu hören. Als sich zu äußern und keiner antwortet. Dann helfen auch Radio und Fernsehen nicht weiter. War es nicht das, was ich wollte: Meine Ruhe?
Aber einmal nur nach außen dringen, ein Geschenk empfangen. Vielleicht wäre ein Lächeln alles, das ich jetzt brauche. Ein dünnes Lächeln, egal woher. Doch wer soll es schenken? Menschen gibt es schon lang nicht mehr. Es gibt kein Miteinander. Man geht aneinander vorbei. Man kann sich nicht verstehen. Es gibt keine Berührung. Im dichten Nebel bleibt jeder nur für sich, auch ich – jeder bleibt dem andern Nichtigkeit. Kein Licht in Aussicht bis der Vorhang fällt

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Grob gesagt

Grob gesagt sind Ideale dann gefährlich, wenn man sie verwirklicht sehen will. Im Photoalbum machen sie sich gut, an lauen Abenden mit weichem Wein — solange man sich einig ist. Im Alltag, komm sein wir doch mal ehrlich, da taugen sie nicht viel. Das ist nun einmal so, daran ist niemand Schuld.

Grob gesagt wollen Frauen, dass Mann auf sie zugeht und ihnen die Entscheidung anträgt. In Filmen mögen Softis wirken und ‚Verständnis’ hat auch immer schönen Klang — solang sich’s nicht beim Vögeln durchhält. Rücklings auf dem Trockner, komm sein wir doch mal ehrlich, taugt ein „Ich liebe dich“ nicht viel. Das ist nun einmal so, daran ist niemand Schuld.

Grob gesagt nimmt jeder was er kriegt, was er den andern nehmen kann. Es mag zwar arme Toren geben, die sich begnügen und gar teilen wollen — so sagen sie. Aber nach Gemeinschaft, komm sein wir doch mal ehrlich, da rufen nur Verlierer. Das ist nun einmal so, daran ist niemand Schuld.

Grob gesagt ist mein Leben ruinös. Nichts bleibt und wenig kommt hinzu. Klischeehafte Bücher könnt man von mir schreiben — sofern sie jemand lesen würde. Für eine Zukunft, komm sein wir doch mal ehrlich, empfehle ich mich nicht. Das ist nun einmal so, daran ist niemand Schuld.

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