Gegenindikation

Dieses Geräusch eines Johnny-Walker Deckels hat einen besonders einprägsamen Klang, wie eigentlich alles Metallische. Eine gewisse Amplitude, jedes mal gleich, öffnet man die Flasche um sich nachzugießen. Das Glas jedoch, das Knacken des Eises klingt immer verschieden – natürlichen Schwankungen unterworfen, der Temperatur und dem Füllstand. Faktoren, die den Geschmack beeinflussen, den Tastsinn. Dagegen fassen sich Patronen eigentlich immer gleich an, egal wie viel Scotch man schon gekippt hat. Mehr noch als der Schraubverschluss jener Flasche ist das Kaliber 9mm ein Massenprodukt, dazu gemacht unter allen Umständen auf die gleiche Art und Weise zu funktionieren. Formvollendete Perfektion, steril gehalten, ein seltsames Gefühl zwischen den fleischigen Fingerkuppen, egal wie lange man darauf starrt.
0,32 Gramm Treibladung, die einen Gasdruck von 2600 Bar entwickeln um ein Geschoss von 5 Gramm auf etwa 500 Meter pro Sekunde zu beschleunigen und dieses mit einer Energie von mehreren hundert Joule ins Ziel zu bringen. Die 9mm neigt jedoch dazu, weiches Gewebe mit einem relativ kleinen Wundkanal zu durchschlagen und so wird oft viel Geschossenergie außerhalb des Ziels vergeudet. Eine Austrittswunde ist die Folge und je nach Gewebe verlässt viel Material den Zielkörper. Nur die Teilmantelvariante pilzt beim Eintritt ins Fleisch auf und überträgt damit effizient ihre gesamte Wucht auf kurzer Strecke innerhalb des Ziels. Trotz des dadurch größeren Schocks und höherer Letalität wirkt diese wie jene Variante selten sofort tödlich – selbst ein Schuss direkt ins Herz lässt dem Ziel noch bis zu 10 Sekunden Zeit daran zu leiden bevor es kollabiert. Wird einem nicht direkt der Hirnstamm zerstört, registriert man noch, dass man getroffen wurde, auch wenn große Hirnareale bereits an der Wand hinter einem hängen.
Fusel und 9mm sind deshalb keine gute Kombination, auch wenn man weiß wohin man schießen muss. Allzu schnell unterlaufen einem Bedienfehler, man hält die Waffe schräg oder rutscht am Druckpunkt der Abzugsfeder ab. Wer auf Nummer sicher gehen will, fertig sich deshalb für seinen Kopf ein kleines Futteral mitsamt Schiene an, auf der er seine Waffe in idealer Position fixieren kann. Schon einfache Laubsägefertigkeiten sind dafür ausreichend, selbst wenn sie zu zittrigen Händen neigen.

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Man darf gespannt sein

ob die Reportage dem Reporter gerecht wird.

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Sehnsucht abgegeben
in gute Hände zur Wahrung
des Zustandes
selling-off, alles
muss raus
dein Spind
in meiner
Oberstube wird
aus-ge-räumt
dieser ganze Ramsch
auf den Trödel damit
unter die Leute
verkauft,
denn, das will doch niemand
nicht mal
geschenkt.

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Wieviel Sorten Joghurt braucht der Mensch?

Zu dieser schneidigen Frage hat der Cabman eine interessante Stellungname abgegeben. Meinen Kommentar dazu kann ich aus purem Geltungsdrang deshalb auch ihnen nicht vorenthalten:

Wenn uns der Fordismus Eines gelehrt hat, dann dass der unregulierte Markt eine tendenziell unendliche Nachfrage entwickeln muss, um den industriellen Motor am Laufen zu halten. Wie wir ja alle wissen braucht die Wirtschaft ein Wachstum von gut 2 % um nicht zusammenzubrechen. Stagnation ist Rückschritt – seltsamerweise. In dieses Bild passen auch die von Cabman beschriebenen Phänomene gut herein, gerade das Joghurtregal ist da mein liebstes Anschauungsobjekt.
Ein Beispiel: Wie wird fettarme Milch hergestellt? Ich dachte früher: „Das ist doch ganz einfach. Milch besteht zu etwa 90 Prozent aus Wasser, dann kommen noch 3,5% Fett dazu. Wir wollen Milch mit 1,5% statt 3,5% Fett. Was machen wir also? Genau, einfach verdünnen.“ Denkste! Das wasserunlösliche Milchfett wird maschinell von der Milch getrennt, die Wässrige Lösung, die zurück bleibt, dann mit demselben Fett wieder auf den gewünschten Fettgehalt angereichert (z.b. 1,5 %) und unter Hochdruck homogenisiert, damit es wieder wie normale Milch aussieht.
Im Gegensatz zu den meisten Lightprodukten ist fettarme Milch dabei billiger als das Ursprungsprodukt, weil wir es hier eigentlich nur mit dem recycelten Abfall der Produktion eines neuen Rohstoffs zu tun haben: Rahm (Milchfett). Andere Light Produkte wie Camembert müssen künstlich mit Schweineschwartenmehl (Gelatine), Guarkernmehl oder ähnlichen Emulgatoren gestreckt werden, um zumindest dem ursprünglichen „Biss“ nahe zu kommen. Sie werden dadurch in der Herstellung teurer.
Blicken wir nun noch einmal auf die Molkereiproduktpalette. Standen wir im Laufe diesen Jahres vor einem Supermarktregal, so mussten wir zwischen den früher als neue, zeitgemäße Alternative angepriesenen Light-Produkten nach dem unbehandelten Vollfettjoghurt schon angestrengten Auges suchen. Hier werden mittlerweile nicht mehr 10 Sorten von 10 Herstellern angeboten, sondern vielleicht noch zwei oder drei. Die meisten Hersteller haben an Vollfettjoghurt nur noch den so genannten Naturjoghurt im Programm – wenn überhaupt.
Wie kann das sein? Diktiert nun das Angebot die Nachfrage oder warum sind wir plötzlich allesamt bereit 20 % mehr für ein Produkt mit weniger Nährwert auszugeben? Liegt es etwa daran, dass gesichert bewiesen worden wäre, dass ein fettarmer Joghurt gesünder ist als ein Vollfettjoghurt? Es braucht nicht viel Recherche um diese weitläufige Meinung zu entkräften. Doch wieso ist sie eigentlich so weitläufig?
Schalten sie mal den Fernseher ein. Es wird nicht lang dauern, bis sie auf einen Werbeblock stoßen. Dort werden sie zwar hören, dass laut einer Umfrage der Zeitschrift „Men’s Health“ 90% der Leser mittlerweile überzeugt sind sich am ganzen Körper enthaaren zu müssen, um attraktiv auf Frauen zu wirken, JBK wird ihnen aber nicht mehr lang und breit erklären müssen, dass unter einer „bewussten und zeitgemäßen Ernährung“ vor allem eine fettarme zu verstehen ist. Das ist Usus. Das wissen wir schon seit Jahren. Fragen sie sich mal woher wir das eigentlich wissen (wie gesagt, es braucht keine lange Recherche, dieses „Wissen“ in der platonischen Einteilung zur Meinung zu degradieren).
Naja, nun wissen wir es jedenfalls und bezahlen für unseren Joghurt 20% mehr, ohne dass er noch groß beworben werden müsste. Also ist die Anfangsinvestition wieder drin, das Geld für Werbung, für neue Anlagen. Schönes Konjunkturprogramm. Es gibt sogar große Synergieeffekte, da ja fast nichts mehr als fettarmer Joghurt hergestellt wird. Wir zahlen also gar nicht die 20% mehr für diesen Joghurt. Na wunderbar, alle haben von diesem Prozess ungeheuer profitiert. Die Kunden zahlen nur noch etwa 10% mehr für einen Joghurt mit bis zu 95% weniger Nährwert und bleiben dadurch rank und schlank. Aber…
Ja, es ist doch meist so wie Cabman schon schrieb. Man isst sich halt langsam satt am ewig gleichen und der Markt braucht neue Angebote um die Nachfrage und damit die Wertschöpfungsmöglichkeiten zu erhöhen. Irgendwann lassen sich leider keine fettärmeren Joghurte mehr produzieren, als jene mit 0,001%, denn homöopathisch verdicktes Wasser allein macht noch kein Molkereiprodukt und auch die Imagination hat irgendwo ihre Grenzen. Was macht der Marketingexperte also, wenn keiner eine neue Idee hat, von der er abkupfern könnte? Richtig, er wärmt eine alte Idee auf. Was ist an Vollfettjoghurt eigentlich so schlecht? Immerhin hat auch der „das beste aus einem Liter Milch“ in sich. Auch ist er viel weniger behandelt, nahezu „natürlich“, wenn auch homogenisiert und pasteurisiert, doch immerhin fast biologisch aktiv. Ja, man könnte fast sagen gesund mit wertvollem Milcheiweiß, Mineralien und so weiter. Außerdem, war damals nicht sowieso alles viel besser, als die Leute noch ihre dicken Kannen fetter Milch direkt vom Bauern holten? Also warum bewerben wir nicht mal eine Milch eher für den romantischen Naturmenschen? Da braucht es nur einen kernigen Titel: „Landsehnsucht-Joghurt“ oder „ Bauernliebe-Vollmilch“. Und da wir hier schließlich ein Premium Produkt bewerben mit hohem Nährwert, das unbehandelt, sozusagen reiner und weniger industrialisiert ist, machen wir es einfach etwas teurer als die Light Produkte – das klingt auch gleich plausibel.
Nun haben wir also nährwertärmeren Joghurt, der 10 % teurer ist und Vollnährwertjoghurt, der 20 % mehr kostet … als was eigentlich? Ach ja, als früher. Das nennt man dann Inflation. Sehr unschön, wenn die plötzlich über 3% steigt. Zumal, wenn man über die Hälfte seines Einkommens direkt für Lebensmittel (Produkte) ausgeben muss und nicht etwa für Dienstleistungen (Makler, Berater, Putzfrau).
Was hat das alles mit dem oben angesprochenen Thema zu tun? Man sollte sich vielleicht fragen warum die Explosion der Werbemittel mit dem Zusammenbruch kleinerer Betriebe für Alltagsprodukte korreliert – und danach noch einmal, warum wir 20 Sorten Erdbeerjoghurt von etwa 4 Konzernen brauchen. Weil man es uns ganz einfach sehr plausibel machen kann, dass wir sie brauchen. Das heißt noch lange nicht, dass ich nicht auch mal gerne einen neuen 4-Korn Joghurt probiere, im Gegenteil. Aber möchte ich 20% mehr für diesen Joghurt bezahlen nur um das Gefühl zu haben, dass ich ihn unbedingt brauche? Naja, eine eher philosophische Frage. Sie geht auch an der wandelbaren Realität vorbei.
Wir brauchen eine tendenziell unendliche Nachfrage und wir brauchen die unglaublich großen Mengen an Ressourcen, die dabei vernichtet werden ganz einfach deshalb, weil die Weltwirtschaft in unseren Breiten nicht von dem Preis der Arbeit sondern der Konsumkapazität abhängt. Wer, glauben Sie, soll denn die Produkte aus Kinderhand kaufen, wenn der Deutsche keine 9 Euro die Stunde mehr verdient? Die reichen Inder? So viele sind das auch noch nicht.
Kapitalismus ist expansiv, er muss immer größer werden, immer mehr produzieren, immer mehr absetzen, immer mehr verbrauchen. Da braucht man kein Wirtschaftsexperte sein, es ist ein Schneeballeffekt. Kapitalismus, besonders Ovo-Lacto-Kapitalismus, widerspricht hier dem von Cabman zitierten Gossenschen Gesetz – er kann sich nicht satt fressen. Und darauf basiert auch unser Leben, denn sind wir ehrlich, dann streben wir doch alle danach, die von uns verbrauchbaren Ressourcenpotentiale zu steigern. Haben wir erst ein Auto, werden wir nicht mehr darauf verzichten wollen. Haben wir erst einen Computer, kommen wir nicht mehr ohne aus. Was Optionen angeht, wird der Mensch nicht satt. Man kann die Möglichkeit zu Hungern als Wellnessfasten verkaufen, aber nicht den Lebensmittelmangel. Mit noch so guter Werbung wird man dem Menschen nicht plausibel machen können, warum er sein Auto ganz aufgeben soll. Deshalb erscheint mir die Klimakrise, wenn sie denn wirklich so auswirkungsreich sein sollte, wie momentan kolportiert, als besonders fatal.
Was für grundsätzliche Gedanken man doch angesichts einer Käsetheke hervorbringen kann. Und diesem Orte angemessen schlage ich auch eine Lösung vor, zumindest das von mir selbst verbrauchbare Ressourcenpotential nachhaltig zu steigern: Gonzosophenherrschaft.

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Juli

„Die Funkellichter, die rosaroten Halos um die Laternen drüben am Ufer erregen mich. Über den weißen Lichtgirlanden spüre ich ein Miasma von Beischlaf. Ich rieche dumpfen Bettengeruch, schwer wie Azaleenblüte, warmen milchigen Hautgeruch, süßlichen Puder, sardellenscharfen Fotzengeruch, Eau de Javel, Sperma.
Fetzen von Rufen, halbe Kommandos, heftiges Anbumsen gegen Metall dringen zu uns her.“
(Lothar Günther Buchheim, „Das Boot“)

Ich bin Hamburg, wieder einmal. Harburg, Wilhelmsburg, Wandsbek, Kiez, Fischmarkt, Veddel. Gleich am ersten Abend bin ich mein Monatsbudget losgeworden, nur für Bier. Eine riesige Touristenfalle. Seitdem rückt das Datum weiter aber es will kein Tag vergehen. Halb liegend sitze ich herum und bade in Geräuschen, gerate in den Sog. Verliere mich im Trippeln der Regentropfen. Regen. Bald flacht er ab, verstummt schließlich. Die Machtverhältnisse sind nun völlig klar: Stille herrscht mit meinem Mandat. Die Atmung flacht ab, die Augenlider. Ich mache mich leicht unter den wimmernden Fenstern. Und schon trommeln wieder Schauer ans Fliegengitter.
Keine Spur von weißer Haut, kein Brustwarzenschimmer und schon gar kein Wort seit nunmehr sechsunddreißig Stunden. Ich schalte den Plattenspieler ein und höre Jazzmusik. Trompeten wimmern, so stimmt die Nacht sich ein. Mein Hirn schwitzt Wasser ab. Auch dort draußen rufen die Sirenen. Die Städte sind sich alle gleich, zumal wenn ich sie lebe. Kein Bier im Haus, kein Tropfen Landwein findet sich. Die Zeitungen sind unberührt.
Und so langsam wird mir klar, dass ich warte ohne es gewusst zu haben. Ganz wie von selbst zog ich die dicken Socken an und ließ die Wangen unrasiert. „Da wird schon noch was kommen“. Mit den Händen in den Taschen liegt man doch meistens falsch. Naja, nicht übermütig werden. Nur keine falsche Hast. Noch zieht die Lunge Trockenluft. So klingen die Beschwörungsformeln, die jemand anderes mir vorbetet. Wär man doch wenigstens sich selbst nicht so ein guter Lügner…

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