Raser

Der Bahnhof ist ein Hort der Raserei. Was? Nein, nicht der Reiserei, die kommt in heutigen Tagen ja immer wieder gänzlich zum Erliegen. Sollte man von der überteuert verwalteten Bundesbahn a.d. dennoch einmal vertransportiert werden, so führt dies vor allem zu Hektik. Wahnsinn ist oft nicht weit davon entfernt, hat aber nichts mit Geschwindigkeit zu tun, im Gegenteil. Gerade dadurch macht die Bahn rasend.
Nehmen sie mich z.b., einen durchaus friedlichen Menschen, dem das „kurz vor knapp“ sein jedoch zur Angewohnheit gediehen ist. Dies liegt nicht etwa an einer Abneigung gegenüber sinnentleerter Wartezeit, keinesfalls! Die besten Gedanken kommen dem unfreiwillig aus der Hektik aber nicht aus dem Problemrahmen genommenen Menschen. Zeit zur Reflexion, Prozesse zu überdenken und zu korrigieren. Ich würde soweit gehen sogar die Aufklärung als Produkt eines zu langen Aufenthalts im Wartezimmer seiner Exzellenz zu deuten. Revolutionen werden in der allzu langen Schlange vor der Bäckerei geboren!
Also: Die Geschichte gibt mir Recht. Die Bahn lässt auf sich warten und die Menschen werden revolutionär. Leider äußert sich die vox populi in Deutschland bestenfalls in einem seufzerbegleiteten „… Das kann doch nicht wahr sein …“ — der Gipfel hiesiger Raserei.
Was mich jedoch aufregt ist weder die Bahn noch deutsche Bürgertreue – ich bin es selbst. Wieso habe ich mich eben so beeilt diesen Zug zu erreichen? Es gibt nichts, dass Anmut und Ehrwürdigkeit kruder entgegensteht als Eile. Wer Zügen oder gar Bussen hinterher rennt erzeugt vor allem Mitleid, man ist peinlich berührt von dieser Selbsterniedrigung. Hat man jemals eine noch so popelige Durchlaucht seiner Kutsche nachlaufen sehen? Pünktlichkeit ist keine Herrschertugend. Von Zeitpunkten unabhängig zu sein, von dem Erreichen eines bestimmten Busses, das ist das Privileg der Könige sowie der Penner und es ist mein Privileg. Jedenfalls nehme ich es mir heraus. Das mag man mir verzeihen.
So jedenfalls gilt es für mich beim eiligen Schreiten, welches Zielstrebigkeit und Entschlossenheit ausstrahlt, nie den schmalen Grat zum gehetzten Laufen hin zu, ja, überschreiten. Dass ein Fuß immer in Kontakt mit Mutter Erde bleiben muss bleibt ein grober Merksatz der Gravität.
Man steht nun jedenfalls da, erröteten Hauptes, und schaut von der Anzeigetafel mit ihren längst überlebten, aber aufgrund des erhöhten Spannungsbogen noch immer aktuellen, Klappbuchstaben hin zu den leidvoll bis mitleidvoll dreinblickenden potentiell Mitreisenden. „5 Minuten Verspätung“ — Das darf doch nicht wahr sein!
Nicht das ich gerannt wäre, aber ich war beinahe soweit. Schließlich musste ich mir noch schnell irgendein Schreibgerät in der Bahnhofsbuchhandlung kaufen. Nun sollte man meinen, ein Geschäft mir einer ganzen Wand von Kreuzworträtselmagazinen verkaufe sinnigerweise auch Bleistifte. Sollte man zu Recht, doch verkaufen sie diese unangespitzt. Wann haben sie das letzte Mal jemanden im Zug einen Bleistift anspitzen sehen? Fragen sie sich mal warum.
Ich war nun also gezwungen mir für einen satten Euro einen Kugelschreiber zu kaufen — Richtig, gezwungen! Wie jeder Buchhandlungsfritze wissen sollte ist es nämlich gänzlich unsinnig, ja mir sogar unmöglich ein Buch zu lesen ohne irgendeine Möglichkeit der Anmerkung, der Interaktion zu haben. Sie mögen nun etwas einwenden von der frevelhaften Schändung jungfräulicher Seiten, von der Zerstörung intendierter Präsentationswirkung, der Werkoriginalität — geschenkt. Es mag Menschen geben, die mit ihren Büchern nicht interagieren, arbeiten, sondern sie einfach durchlesen. Die rangieren jedoch irgendwo zwischen denen, die Bussen hinterher rennen und solchen, deren Kinder zum Vorschulyoga gehen. Sie sind mir vor allem deshalb zuwider, weil sie mich offenbar seit frühester Kindheit indoktriniert haben. Erfolgreich. Ich kann nichts in Büchern hinterlassen, dass sich nicht wieder ausradieren ließe. Dabei habe ich noch nie, ich wiederhole: Noch nie habe ich meine Unterstreichungen und Anmerkungen wieder ausradiert, selbst aus geliehenen Büchern. Mein Gewissen verlangt jedoch dass ich es könnte. Ein viel beobachteter Prozess, so erbärmlich ist der Mensch, bin ich, dann doch.
Nun sitze ich also im Zug und kann nicht lesen oder mich andersartig beruhigen. Nicht nur der Bahnhof, die Bahn ist ein Hort der Raserei — in Gedanken. Mir bleibt nichts anderes übrig als sie mittels meines einzigen Utensils zu bannen. Auf Papier. A votre santé!

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Schiffe versenken

„Merkel bei Sondervorstellung des Films «Die Gustloff»

Berlin (dpa/bb) – Mit prominenten Zuschauern hat am Dienstagabend eine Sondervorführung des ZDF-Zweiteilers «Die Gustloff» für den Bundestag begonnen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kulturstaatsminister Bernd Neumann (beide CDU) und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sahen sich den Film über die schlimmste Schiffskatastrophe der deutschen Geschichte an. Rund 9300 Menschen ertranken beim Untergang des Passagierschiffs «Wilhelm Gustloff» am 30. Januar 1945 in der eiskalten Ostsee. „

Ist das nur mein Gefühl oder behandeln nunmehr sämtliche nennenswerte TV-Produktionen aus den verbliebenen deutschen Landen die Not und Ungerechtigkeit, unter welchem der Volkskörper durch die heranrückenden roten/kapitalistischen Horden leiden musste? Sehr Anständig, dass auch Dr. Merkele sich davon durchaus angetan zeigt. Also freuen wir uns auf dieses neue UFA Spektakel mit Starbesetzung.
„Bis auf weiteres senden wir Marschmusik.“

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grau

Gar nichts mehr, nichts von Wichtigkeit. Nur ein paar Zeilen dem schalen Tag hinterherwerfen, wenn man schon im Dämmern liegt. Was soll so werden, was noch kommen? Ohne Ideen, strukturlos, keine gebundenen Sätze. Die Geschichte liegt brach, die Träume trocknen an der Wand. Ins Bett geschickt vom Spiegelbild, sagt es mir noch einmal was ich bin. Ein Bleistift.

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Romantik – eine Affäre mit der Welt und der deutsche Seitensprung

Rüdiger Safranski legt nach. Auf seine großartige Schillerbiographie folgt eine Betrachtung der „Romantik“, „eine deutsche Affäre“. Nach einer geschichtlichen und geistesgeschichtlichen Darstellung dieser Epoche bleibt vor allem die für Safranski typische Frage, der er schon eine frühere Monographie widmete: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“. Wie viel Phantasie verträgt er?
Die Frage scheint allgemeines Interesse hervorzurufen, ist doch auch dieses Buch ein kommerzieller Erfolg und seit einigen Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels zu finden. Romantik ist Geistesgegenwart, so scheint’s. Liest man dieses Werk, geht einem schnell auf warum. Romantik ist notwendiger Teil unserer Kultur, ob das nun gut ist oder schlecht. Auffällig ist tatsächlich wie viele völlig unterschiedliche Menschen, Parteien usw. sich gegenseitig immer wieder den Vorwurf der sozialen, politischen oder sonstwie verorteten „Romantik“ machen, ob nun letztes Jahr („In der Jungen Union gilt Rüttgers inzwischen als unverbesserlicher Sozialromantiker“ süddeutsche.de) oder vor mehr als hundert. Trotzdem, Safranskis ausführliche, geschichtliche Betrachtung endet bei den späten 68ern, welchen er keinen zu großen Einfluss auf die nachfolgende, das heißt heutige Gesellschaft zuspricht. Vielleicht lässt er aktuellere Beispiele deshalb lieber außen vor. Was aber ist nun dieses unauflösbare Unbehagen gegenüber der modernen Gesellschaft, was ist Romantik?
Mit Novalis ist sie „nichts als qualitatives potenzieren“. Ganz pragmatisch: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es.“ Das Gemeine, Krude, Gewöhnliche wird mit dem Sinn für Unendlichkeit aufgewertet. Wo wir sonst nur bloßes Dasein sehen, gibt die Dunkelheit der Vorstellungskraft Flügel. Dies sagt er in einer bodenständigen Zeit, die von einer Werteinflation geprägt ist. Es kommt zum Kampf gegen die Wertlosigkeit dieser Zeit in eben dieser qualitativen Aufwertung des nunmehr Gewöhnlichen. Der Schein muss heute dem Licht weichen, die Dinge sich durch eine entkleidete Sprache benennen lassen. Romantik stemmt sich dieser hereinbrechenden Verendlichung der Welt entgegen, sie tritt mit der Moderne auf als Tochter der Aufklärung. Auch wenn das Publikum heute vielerorts unbeeindruckt erscheint, der Auftritt der Vernunft ist noch nicht beendet und damit behält auch die Romantik ihre Rolle.
Wird sie dabei Vielen von Anfang an als Abwehrreaktion verdächtig, ist dies nicht grundlos. Sie führte den Großteil ihrer Vertreter, ihrer geistigen Väter in die Vereinsamung, zu einer vita contemplativa. Die Menschenwelt der Märkte, der Maschinerie und der Statuten wollte und will sich kein geheimnisvolles Ansehen geben lassen, nicht mal ein unheimliches — sie erscheint banal unmenschlich, unromantisch.
„Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“. Romantik ist in ihrem Wesen gerade deshalb von hoffnungsloser Weltfremdheit und Vereinsamung gekennzeichnet – sie strebt in die Nacht, in das Bergwerk. Jede Bewegung geht vom Zuwider aus. Gleichzeitig prägt die Romantik eine hoffnungsvolle Weltumarmung, die Einheitssehnsucht um die Zersplitterung der Moderne zu überwinden, das verlorene Paradies wiederzuentdecken. Was als Konkretes, als Gegenüber so abstoßend und zurückweisend empfunden wird, gewinnt gerade unter dem Schleier der Ferne, Allgemeinheit und Endzeiterwartung an Wert, Schönheit. Wo man den Menschen nicht lieben kann, entdeckt man die Menschengemeinschaft. Wo dem freien Leben alles Sterbliche bedrohlich wirkt lockt Thanatos, der Tod, die Ruhe selbst. Man schwingt zwischen den Extremen. Exemplarisch hierfür tritt abermals Novalis auf. Die heftigsten Gefühle für seine, nach kurzer Ehe verstorbene Frau empfindet er am Grabe. Jahrelang besucht er es fast täglich. Eine ferne, ideale Liebe, die er diesseitig so nicht mehr finden wird. Er schwärmt für die andere Seite. Diese typische Schwärmerei treibt dabei oft radikale Blüten. Man denke an Nietzsche. Die Romantik liebäugelt mit den Extremen, mit heutigem Vokabular könnte man vielen Romantikern Extremismus unterstellen.
Im Feindesland der Realität, gerade in der„Zersplitterung der Moderne“ entwickelt sich aus ihrer Sehnsucht nach Versöhnung und Gemeinschaft jener Zwiespalt, welcher nicht nur für die geistesgeschichtliche Romantik prägend bleibt. Vor allem die negative Rezeption entspringt der Vernachlässigung dieser Bipolarität. Wie Safranski ganz richtig anklingen lässt, war die Romantik gerade den politischen Extremisten viel zu versöhnlich, gleichzeitig zu lethargisch und schleierhaft. Mit Romantikern lässt sich schlecht die Macht ergreifen. Dennoch wird sie zu vorderst in Deutschland für Phänomene verantwortlich gemacht, denen sie oft nicht viel mehr als Ausschmückung war. Vor allem eine Ideologie, die auf Fortschrittsglauben, pseudowissenschaftlichen Theoremen und der Entzweiung (Kampf) als angebliche Fundamente des Seins aufbaut, muss diese verliebt, verlassene Schwärmerei ablehnen, muss mit den Worten Goebbels eine „stählerne Romantik“ fordern.
Das sich eine solche Ideologie einen romantischen Anstrich gibt, den romantischen Habitus nicht gänzlich aufgeben mag, ist dabei verständlich. Romantische Strukturen und Argumentationsweisen, wie Safranski anschaulich macht, zeigen sich überall dort, wo die fundamentalen Probleme und Zerwürfnisse der modernen Welt als solche erkannt und als schmerzlich empfunden werden. Dies geschieht lagerübergreifend, auch nationenübergreifend. Wer die Romantik als deutsches Verhängnis bezeichnet, lässt ihre weltweite geistesgeschichtliche Wirkung außer Acht — everybody knows the meaning of weltschmerz.
Der Nationalsozialismus hatte ein irrationales Element, ein nahezu wahnhaftes, welches sich gerne als romantisches Extrem gab. Dennoch ist nicht nur von Safranski darauf hingewiesen worden, dass er grundsätzlich nicht bloß irrational war. Ein Regime von Verrückten wird es kaum schaffen solch eine effiziente Tötungsmaschinerie zu planen und über Jahre aufrecht zu erhalten. Manch einer geht soweit, Nationalsozialismus als logische Konsequenz der Rationalisierung anzusehen, der Industrialisierung. Das scheint so pauschal ebenso angreifbar wie ihn auf bloße politische Romantik zurückzuführen.
Trotzdem erscheint Safranskis Mahnung, romantische Zielsetzungen oder Sehnsüchte nicht mit der Politik zu vermischen gerechtfertigt. Wie schon in seinem Essay „Eine freie Variation über die Freiheit“ fordert er das Leben frei von unerfüllbaren Ansprüchen zu halten. Er fordert „eine Politik ohne Sinnstiftungsambitionen“. Angesichts der Anforderungen modernen Lebens könnten viele Sehnsüchte und Träume in letzter Konsequenz gelebt nur zur Wahl extremer Mittel führen — was zu extremen Konsequenzen führt. Vor allem die Politik gehe fehl, wenn sie sich dieser Träume bediene anstatt ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen: Der ganz profanen und banalen Sicherstellung menschlicher Grundversorgung. Dem Erreichen des Guten, nicht des Schönen. Dem Konsens.
Das heiße noch lange nicht, dass Romantik aus dem menschlichen Leben zu verbannen sei – im Gegenteil, sie habe durchaus ihren Platz. Letztlich ist unsere heutige Welt aufgrund ihrer Widersprüche ohne romantische Sehnsüchte gar nicht vorstellbar. Zumindest wäre fragwürdig, ob eine vollends nüchterne Gesellschaft eine bessere wäre. Safranski jedenfalls verteidigt die Romantische Kunst. Sie macht er als angemessener Platz für das Romantisieren aus. Hier habe sie ihren Stellenwert, damit müsse sie sich aber wohl zufrieden geben.

Wie schon der Schluss des erwähnten Essays, so lässt mich auch dieses Fazit mit einigem Stirnrunzeln zurück. Dies vor allem, weil ich Safranski Recht geben muss obschon ich es nicht will. Die Geschichte der modernen Politik hat tatsächlich allzu oft gezeigt, wohin sich Politik in Selbstüberschätzung verirrt: Wenn sie Antwort auf Probleme geben will, die sie nicht lösen kann. Wenn sie Ängste und Sehnsüchte befrieden will, denen sie nichts entgegenzusetzen hat. Gleiches gilt für den Menschen, den Künstler. Ein Leben lässt sich nur schwer konsequent unversöhnlich mit der Welt führen, derartige Versuche führen zumeist ins negative Extrem: Nietzsches Wahnsinn, Kleists Mord-Selbstmord, und Rousseaus Vereinsamung sind Safranskis frühere Beispiele.
An dieser Stelle interessiert eher das profane Allgemeine: Schaut man sich die Tagespolitik an, die für sich stetig Ideologielosigkeit propagiert und dabei einem Pragmatismus“ethos“ hinterherläuft, erscheint fragwürdig inwieweit völlig visionsloses Agieren auch im politischen Kontext wirklich dem Menschen dienlich ist. Dieser Pragmatismus führt oft zu einer allzu maschinellen Betrachtung des Menschen und seiner Bedürfnisse. Dem größten Wahlkampflügner kann man keinen fehlenden Pragmatismus unterstellen, ebenso einem bestechlichen Politiker, der auf gute Wirtschaftswerte verweisen kann. Kritik an diesen Vorgängen wäre aber auch gänzlich profan durchaus sinnvoll, trotzdem schwierig. Letztlich bleibt die Moral im Pragmatismus fragwürdig, sie ist vom Ergebnis aus zu betrachten und damit von den Profiteuren. Sind diese mächtiger als die Benachteiligten, ist ein Beschluss pragmatisch gesehen gerechtfertigt.
Die Lösung, denke ich, liegt nahe, auch für Safranski. Schiller hat auf die Funktion des Ideals als Korrektiv des Realen hingewiesen. Auch hat er das spielerische „als ob“ hervorgehoben, mit welchem man sein moralisches und ideales Weltbild gegen eine immerwährend krude Realität behaupten kann ohne an ihr zu zerbrechen oder ins Extrem abgleiten zu müssen.
Die Politik darf keine Utopien versprechen. Dennoch kann es nicht falsch sein, dass die Vorstellungskraft des Politikers über die bestehenden Verhältnisse hinausgeht. Dabei gilt jedoch zu beachten: Nur in Form der Ideale kann romantische Phantasie – die Vorstellung einer Welt frei von vielen immanenten Problemen und Schwierigkeiten – Eingang in die Politik finden. Solch eine Vorstellung bleibt Korrektiv, wird nicht Programm. Weder kann man auf ihre Verwirklichung bestehen, noch darauf, dass jeder sie fordert. Ideale gehen immer vom einzelnen Menschen aus, wie schon die kantschen Maximen kann sie nur eine selbsttätige Vernunft für sich herausbilden. Wie schon die kantsche Vernunft muss sich ein Ideal und der Politiker, der es lebt, dem öffentlichen Diskurs stellen. Ja, Ideale werden weder gefordert noch geglaubt, sondern gelebt. Das ist die einzige Wirkung, die das Ideal auf die Politik haben soll. Das wäre die wünschenswerteste.
Letztendlich fußt Demokratie auf dem Konsens, das hat aktuell Helmut Schmitt in seiner Weltethosrede noch einmal hervorgehoben. Dieser Konsens ist, wie er sagt, immer etwas Fehlerhaftes und Unbefriedigendes. Viele Extremisten haben dies erkannt und verachten deshalb die Demokratie, wollen die Welt wider deren Willen verbessern. Andere resignieren im egozentrischen Pragmatismus. Ich denke man muss schon schwärmerischer Idealist sein, um die Welt im Konsens mit ihren Bewohnern zu verbessern. Als ob das möglich sei!

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Romantik – eine Affäre mit der Welt und der deutsche Seitensprung

Rüdiger Safranski legt nach. Auf seine großartige Schillerbiographie folgt eine Betrachtung der „Romantik“, „eine deutsche Affäre“. Nach einer geschichtlichen und geistesgeschichtlichen Darstellung dieser Epoche bleibt vor allem die für Safranski typische Frage, der er schon eine frühere Monographie widmete: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“. Wie viel Phantasie verträgt er?

Die Frage scheint allgemeines Interesse hervorzurufen, ist doch auch dieses Buch ein kommerzieller Erfolg und seit einigen Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels zu finden. Romantik ist Geistesgegenwart, so scheint’s. Liest man dieses Werk, geht einem schnell auf warum. Romantik ist notwendiger Teil unserer Kultur, ob das nun gut ist oder schlecht. Auffällig ist tatsächlich wie viele völlig unterschiedliche Menschen, Parteien usw. sich gegenseitig immer wieder den Vorwurf der sozialen, politischen oder sonstwie verorteten „Romantik“ machen, ob nun letztes Jahr („In der Jungen Union gilt Rüttgers inzwischen als unverbesserlicher Sozialromantiker“ süddeutsche.de) oder vor mehr als hundert. Trotzdem, Safranskis ausführliche, geschichtliche Betrachtung endet bei den späten 68ern, welchen er keinen zu großen Einfluss auf die nachfolgende, das heißt heutige Gesellschaft zuspricht. Vielleicht lässt er aktuellere Beispiele deshalb lieber außen vor. Was aber ist nun dieses unauflösbare Unbehagen gegenüber der modernen Gesellschaft, was ist Romantik?

Mit Novalis ist sie „nichts als qualitatives potenzieren“. Ganz pragmatisch: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es.“ Das Gemeine, Krude, Gewöhnliche wird mit dem Sinn für Unendlichkeit aufgewertet. Wo wir sonst nur bloßes Dasein sehen, gibt die Dunkelheit der Vorstellungskraft Flügel. Dies sagt er in einer bodenständigen Zeit, die von einer Werteinflation geprägt ist. Es kommt zum Kampf gegen die Wertlosigkeit dieser Zeit in eben dieser qualitativen Aufwertung des nunmehr Gewöhnlichen. Der Schein muss heute dem Licht weichen, die Dinge sich durch eine entkleidete Sprache benennen lassen. Romantik stemmt sich dieser hereinbrechenden Verendlichung der Welt entgegen, sie tritt mit der Moderne auf als Tochter der Aufklärung. Auch wenn das Publikum heute vielerorts unbeeindruckt erscheint, der Auftritt der Vernunft ist noch nicht beendet und damit behält auch die Romantik ihre Rolle.

Wird sie dabei Vielen von Anfang an als Abwehrreaktion verdächtig, ist dies nicht grundlos. Sie führte den Großteil ihrer Vertreter, ihrer geistigen Väter in die Vereinsamung, zu einer vita contemplativa. Die Menschenwelt der Märkte, der Maschinerie und der Statuten wollte und will sich kein geheimnisvolles Ansehen geben lassen, nicht mal ein unheimliches – sie erscheint banal unmenschlich, unromantisch.

„Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“. Romantik ist in ihrem Wesen gerade deshalb von hoffnungsloser Weltfremdheit und Vereinsamung gekennzeichnet – sie strebt in die Nacht, in das Bergwerk. Jede Bewegung geht vom Zuwider aus. Gleichzeitig prägt die Romantik eine hoffnungsvolle Weltumarmung, die Einheitssehnsucht um die Zersplitterung der Moderne zu überwinden, das verlorene Paradies wiederzuentdecken. Was als Konkretes, als Gegenüber so abstoßend und zurückweisend empfunden wird, gewinnt gerade unter dem Schleier der Ferne, Allgemeinheit und Endzeiterwartung an Wert, Schönheit. Wo man den Menschen nicht lieben kann, entdeckt man die Menschengemeinschaft. Wo dem freien Leben alles Sterbliche bedrohlich wirkt lockt Thanatos, der Tod, die Ruhe selbst. Man schwingt zwischen den Extremen. Exemplarisch hierfür tritt abermals Novalis auf. Die heftigsten Gefühle für seine, nach kurzer Ehe verstorbene Frau empfindet er am Grabe. Jahrelang besucht er es fast täglich. Eine ferne, ideale Liebe, die er diesseitig so nicht mehr finden wird. Er schwärmt für die andere Seite. Diese typische Schwärmerei treibt dabei oft radikale Blüten. Man denke an Nietzsche. Die Romantik liebäugelt mit den Extremen, mit heutigem Vokabular könnte man vielen Romantikern Extremismus unterstellen.

Im Feindesland der Realität, gerade in der„Zersplitterung der Moderne“ entwickelt sich aus ihrer Sehnsucht nach Versöhnung und Gemeinschaft jener Zwiespalt, welcher nicht nur für die geistesgeschichtliche Romantik prägend bleibt. Vor allem die negative Rezeption entspringt der Vernachlässigung dieser Bipolarität. Wie Safranski ganz richtig anklingen lässt, war die Romantik gerade den politischen Extremisten viel zu versöhnlich, gleichzeitig zu lethargisch und schleierhaft. Mit Romantikern lässt sich schlecht die Macht ergreifen. Dennoch wird sie zu vorderst in Deutschland für Phänomene verantwortlich gemacht, denen sie oft nicht viel mehr als Ausschmückung war. Vor allem eine Ideologie, die auf Fortschrittsglauben, pseudowissenschaftlichen Theoremen und der Entzweiung (Kampf) als angebliche Fundamente des Seins aufbaut, muss diese verliebt, verlassene Schwärmerei ablehnen, muss mit den Worten Goebbels eine „stählerne Romantik“ fordern.

Das sich eine solche Ideologie einen romantischen Anstrich gibt, den romantischen Habitus nicht gänzlich aufgeben mag, ist dabei verständlich. Romantische Strukturen und Argumentationsweisen, wie Safranski anschaulich macht, zeigen sich überall dort, wo die fundamentalen Probleme und Zerwürfnisse der modernen Welt als solche erkannt und als schmerzlich empfunden werden. Dies geschieht lagerübergreifend, auch nationenübergreifend. Wer die Romantik als deutsches Verhängnis bezeichnet, lässt ihre weltweite geistesgeschichtliche Wirkung außer Acht – everybody knows the meaning of weltschmerz.

Der Nationalsozialismus hatte ein irrationales Element, ein nahezu wahnhaftes, welches sich gerne als romantisches Extrem gab. Dennoch ist nicht nur von Safranski darauf hingewiesen worden, dass er grundsätzlich nicht bloß irrational war. Ein Regime von Verrückten wird es kaum schaffen solch eine effiziente Tötungsmaschinerie zu planen und über Jahre aufrecht zu erhalten. Manch einer geht soweit, Nationalsozialismus als logische Konsequenz der Rationalisierung anzusehen, der Industrialisierung. Das scheint so pauschal ebenso angreifbar wie ihn auf bloße politische Romantik zurückzuführen.

Trotzdem erscheint Safranskis Mahnung, romantische Zielsetzungen oder Sehnsüchte nicht mit der Politik zu vermischen gerechtfertigt. Wie schon in seinem Essay „Eine freie Variation über die Freiheit“ fordert er das Leben frei von unerfüllbaren Ansprüchen zu halten. Er fordert „eine Politik ohne Sinnstiftungsambitionen“. Angesichts der Anforderungen modernen Lebens könnten viele Sehnsüchte und Träume in letzter Konsequenz gelebt nur zur Wahl extremer Mittel führen – was zu extremen Konsequenzen führt. Vor allem die Politik gehe fehl, wenn sie sich dieser Träume bediene anstatt ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen: Der ganz profanen und banalen Sicherstellung menschlicher Grundversorgung. Dem Erreichen des Guten, nicht des Schönen. Dem Konsens.

Das heiße noch lange nicht, dass Romantik aus dem menschlichen Leben zu verbannen sei – im Gegenteil, sie habe durchaus ihren Platz. Letztlich ist unsere heutige Welt aufgrund ihrer Widersprüche ohne romantische Sehnsüchte gar nicht vorstellbar. Zumindest wäre fragwürdig, ob eine vollends nüchterne Gesellschaft eine bessere wäre. Safranski jedenfalls verteidigt die Romantische Kunst. Sie macht er als angemessener Platz für das Romantisieren aus. Hier habe sie ihren Stellenwert, damit müsse sie sich aber wohl zufrieden geben.

Wie schon der Schluss des erwähnten Essays, so lässt mich auch dieses Fazit mit einigem Stirnrunzeln zurück. Dies vor allem, weil ich Safranski Recht geben muss obschon ich es nicht will. Die Geschichte der modernen Politik hat tatsächlich allzu oft gezeigt, wohin sich Politik in Selbstüberschätzung verirrt: Wenn sie Antwort auf Probleme geben will, die sie nicht lösen kann. Wenn sie Ängste und Sehnsüchte befrieden will, denen sie nichts entgegenzusetzen hat. Gleiches gilt für den Menschen, den Künstler. Ein Leben lässt sich nur schwer konsequent unversöhnlich mit der Welt führen, derartige Versuche führen zumeist ins negative Extrem: Nietzsches Wahnsinn, Kleists Mord-Selbstmord, und Rousseaus Vereinsamung sind Safranskis frühere Beispiele.

An dieser Stelle interessiert eher das profane Allgemeine: Schaut man sich die Tagespolitik an, die für sich stetig Ideologielosigkeit propagiert und dabei einem Pragmatismus“ethos“ hinterherläuft, erscheint fragwürdig inwieweit völlig visionsloses Agieren auch im politischen Kontext wirklich dem Menschen dienlich ist. Dieser Pragmatismus führt oft zu einer allzu maschinellen Betrachtung des Menschen und seiner Bedürfnisse. Dem größten Wahlkampflügner kann man keinen fehlenden Pragmatismus unterstellen, ebenso einem bestechlichen Politiker, der auf gute Wirtschaftswerte verweisen kann. Kritik an diesen Vorgängen wäre aber auch gänzlich profan durchaus sinnvoll, trotzdem schwierig. Letztlich bleibt die Moral im Pragmatismus fragwürdig, sie ist vom Ergebnis aus zu betrachten und damit von den Profiteuren. Sind diese mächtiger als die Benachteiligten, ist ein Beschluss pragmatisch gesehen gerechtfertigt.

Die Lösung, denke ich, liegt nahe, auch für Safranski. Schiller hat auf die Funktion des Ideals als Korrektiv des Realen hingewiesen. Auch hat er das spielerische „als ob“ hervorgehoben, mit welchem man sein moralisches und ideales Weltbild gegen eine immerwährend krude Realität behaupten kann ohne an ihr zu zerbrechen oder ins Extrem abgleiten zu müssen.

Die Politik darf keine Utopien versprechen. Dennoch kann es nicht falsch sein, dass die Vorstellungskraft des Politikers über die bestehenden Verhältnisse hinausgeht. Dabei gilt jedoch zu beachten: Nur in Form der Ideale kann romantische Phantasie – die Vorstellung einer Welt frei von vielen immanenten Problemen und Schwierigkeiten – Eingang in die Politik finden. Solch eine Vorstellung bleibt Korrektiv, wird nicht Programm. Weder kann man auf ihre Verwirklichung bestehen, noch darauf, dass jeder sie fordert. Ideale gehen immer vom einzelnen Menschen aus, wie schon die kantschen Maximen kann sie nur eine selbsttätige Vernunft für sich herausbilden. Wie schon die kantsche Vernunft muss sich ein Ideal und der Politiker, der es lebt, dem öffentlichen Diskurs stellen. Ja, Ideale werden weder gefordert noch geglaubt, sondern gelebt. Das ist die einzige Wirkung, die das Ideal auf die Politik haben soll. Das wäre die wünschenswerteste.

Letztendlich fußt Demokratie auf dem Konsens, das hat aktuell Helmut Schmitt in seiner Weltethosrede noch einmal hervorgehoben. Dieser Konsens ist, wie er sagt, immer etwas Fehlerhaftes und Unbefriedigendes. Viele Extremisten haben dies erkannt und verachten deshalb die Demokratie, wollen die Welt wider deren Willen verbessern. Andere resignieren im egozentrischen Pragmatismus. Ich denke man muss schon schwärmerischer Idealist sein, um die Welt im Konsens mit ihren Bewohnern zu verbessern. Als ob das möglich sei!

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