Simplicissimus (Teil 3) – Pragmatiker

Freiheit ist nämlich immer auch die Freiheit der Anderen, welche eigene Zukunftsvisionen beschränkt oder ihnen gar entgegenstehen kann.
Dennoch, Freiheit bleibt ein wichtiger Begriff. Das eigentliche Problem liegt jedoch in der Umdeutung dieses Begriffs. Die Maxime Freiheit beruht nicht mehr auf möglichst selbstständiger Entscheidung für eine Handlungsoption, sondern auf der Verfügbarkeit von möglichst vielen Handlungsoptionen, in erster Linie materiellen. So gilt heute derjenige Mensch, der sich alles leisten kann, als frei. Diese individuelle Pecuniarfreiheit des Machens und Könnens hat offensichtlich der politischen oder religiösen Rechtsfreiheit des Dürfens den Rang abgelaufen. Sie werden gerade heute aktiv gegeneinander eingetauscht. Oft wird erstere auch als „Sicherheit“ bezeichnet, traditionsgemäß eher der Widerpart der Freiheit – in diesem Zusammenhang wird deutlich warum. Auf genannte Dimension herunter gebrochen bedeutet in einer marktwirtschaftlichen Welt, deren Ressourcen verknappt sind, die Freiheit des Einen zwangsläufig die Beschränkung des Anderen. Es gibt nicht mehr Wert, als geschöpft werden kann, sondern umgekehrt. Die Ängste hierzulande, um die Früchte der Jahrzehnte an der Spitze der Exportkette gebracht zu werden, sind dabei durchaus verständlich.
Das Denkmuster Markt, wie weiter oben beschrieben, dringt in alle Deutungssysteme ein. Damit auch der Zwang zur Expansion. Dies erscheint jedoch keinesfalls als simple Raffgier oder als Geiz. Die Strukturen selbst sind nicht länger nur pecuniär, sie gehen mit einer tiefgreifenden Ideologie einher, die keine mehr sein will. Die des sog. Pragmatismus, der Machbarkeit.
Pragmatismus soll im Idealfall utilitaristisches Handeln befördern: Die Handlung wird nach dem Ergebnis beurteilt, dass für alle Beteiligten best- und das heißt heute größtmöglich ausfallen sollte. Dabei treten alle anderen Bewertungskriterien, etwa die Aktionsweise, persönliche Präferenzen und Überzeugungen der Handelnden in den Hintergrund. Natürlich versteckt sich hinter dieser Ideologielosigkeit wiederum eine eigene Ideologie mit Innen/Außendifferenz. Das Ergebnis muss nicht für alle bestmöglich ausfallen, sondern hauptsächlich für den/die Pragmatiker. Grundlegender Bestandteil dieser Ideologie ist die genannte „Eigenverantwortung“, ein Begriff der letztlich nichts anderes beschreibt als das Bekenntnis zum existentiellen Daseinskampf, wie er auch schon von anderen Ideologien behauptet wurde. Eigenverantwortung bedeutet nicht die Selbstbestimmung sondern den Zwang zur Selbstbehauptung des Individuums auf dem sog. freien Markt. Das Individuum selbst sei für die von ihm erzielbaren und erzielten Ergebnisse auf diesem Markt verantwortlich und habe deshalb pragmatisch zu handeln, um seinen Gewinn größtmöglich zu maximieren.
Der große Vorteil des Zuspruchs von Eigenverantwortung ist das dabei behauptete Fehlen jeglicher Mitverantwortung. Das Individuum kann sich jederzeit von den Handlungen Anderer so wie deren Folgen distanzieren. Es kann sich aber auch jederzeit von den Auswirkungen bzw. den erforderlichen Mitteln seiner eigenen Handlungen distanzieren, schließlich ist es neben dem selektiven Druck des Marktes auch noch den Mechanismen der Eigenverantwortung und der Gewinnmaximierung unterworfen. Schön blöd, wer dem nicht folgt, aber eben auch selbst schuld. Kontrolle und Mitleid werden somit im besten Falle lediglich überflüssig. Überflüssig ist es genauso zu erwähnen, dass der Markt dabei in keiner der oben beschriebenen Weisen wirklich frei ist. Aber wir wollen hier nun auch nicht in eine Kritik der Marktsysteme verfallen, das haben andere schon besser und grundlegender gekonnt.

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Kopffüßer

Diese graue Welt aus kalten Glasgestalten, lieblos, leblos um mich her. Ich greife nichts. Verdünnt mein Blut, mein Atem flach – gefaltet bin ich, abgepackt. Ach nein, nicht einmal das. Irdene Wünsche, eherne Erde. Ich zerschelle. Nur Scherben bleiben, Ton und Steine. Nicht ein Geräusch, kein Wort. Auch das nennt man nun Kommunikation. Wie denn auch nicht. Ich kann mich nicht entsinnen. Leider nicht. Ich liege einfach da, dekonstruiert, falsifiziert, enttabuisiert. Mit dem Charme von Fäkalien, genau so gewöhnlich.
Ich treibe mich voran, durch die Nacht, Erlaube mir nicht zu Schlafen, erlaube mir nicht. Ich renne davon. Nein! Wirr. Warum mache ich das? Nicht denken — tun. Ich spüre meine Nerven knistern, das Glühen in der Brandruine. Werfe mich gegen die Wand. Keine Angst — Stahlbeton. Mein Magen knurrt, die Augen stieren, das Fleisch ist wund meliert. Ich gehe nieder, um mich schlagend, im Bett, ein Buch erwischend.
Nichts wichtiges, alles so unwirklich ist es erst dunkel, wieder hell. Vergessen schon unter Gelächter der Vögel dort. Vögel im November. Mein Blut ist längst geronnen, ich bin ein toter Mann. Mein Leben ist genommen, ich weiß nicht wer es nahm. Nein! Schlafen jetzt, es muss gelingen! Schlafen, wachen, wie Milliarden. Schwarmverhalten, Schutzfunktion. Ich will nicht auf der Strecke bleiben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht wirklich.

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Kopffüßer

Diese graue Welt aus kalten Glasgestalten, lieblos, leblos um mich her. Ich greife nichts. Verdünnt mein Blut, mein Atem flach – gefaltet bin ich, abgepackt. Ach nein, nicht einmal das. Irdene Wünsche, eherne Erde. Ich zerschelle. Nur Scherben bleiben, Ton und Steine. Nicht ein Geräusch, kein Wort. Auch das nennt man nun Kommunikation. Wie denn auch nicht. Ich kann mich nicht entsinnen. Leider nicht. Ich liege einfach da, dekonstruiert, falsifiziert, enttabuisiert. Mit dem Charme von Fäkalien, genau so gewöhnlich.
Ich treibe mich voran, durch die Nacht, Erlaube mir nicht zu Schlafen, erlaube mir nicht. Ich renne davon. Nein! Wirr. Warum mache ich das? Nicht denken — tun. Ich spüre meine Nerven knistern, das Glühen in der Brandruine. Werfe mich gegen die Wand. Keine Angst — Stahlbeton. Mein Magen knurrt, die Augen stieren, das Fleisch ist wund meliert. Ich gehe nieder, um mich schlagend, im Bett, ein Buch erwischend.
Nichts wichtiges, alles so unwirklich ist es erst dunkel, wieder hell. Vergessen schon unter Gelächter der Vögel dort. Vögel im November. Mein Blut ist längst geronnen, ich bin ein toter Mann. Mein Leben ist genommen, ich weiß nicht wer es nahm. Nein! Schlafen jetzt, es muss gelingen! Schlafen, wachen, wie Milliarden. Schwarmverhalten, Schutzfunktion. Ich will nicht auf der Strecke bleiben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht wirklich.

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Cut!

Da ich zwar nicht schlafen kann aber meine kleine Schauerballade trotzdem nicht fertig bekomme und nun gedenke mir noch einen Film (Buffalo ’66) anzusehen: Hier noch was feines, dazu passendes, für Leute, denen es ähnlich geht:


Danach

Es wird nach einem happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen —
da hat sie nu den Schentelmen.
Na, un denn –?

Denn jehn die beeden brav ins Bett.
Na ja … diß is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissn:
Wat tun se, wenn se sich nich kissn?
Die könn ja doch nich imma penn … !
Na, un denn –?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar ’n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich beede jänzlich trenn …
Na, un denn –?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn …
Na, un denn –?

Denn sind se alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit —
Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.


(Kurt Tucholsky, 1930)

PS: Da macht man sich so ne Mühe mit den Einrückungen und dann werden die nicht mal angezeigt, weiß da jemand Abhilfe?

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unangebrachte Sentimentalität

Es ist nicht so, wie man gemeinhin sagt, dass man über eine Liebe hinweg kommen würde. Das man sie vergisst und Jemand neues finden wird. Das wieder alles würde wie vorher. Nichts wird wie vorher. Mit jedem Abschied bricht ein Stück selbst weg, ein paar Nervenstränge sterben ab. An jeden neuen Menschen geht man kälter heran, berechnender. Wenn man das Verlieren erst gelernt hat, kann man sich an Vertrauen nur noch erinnern. Wenn ich es mir recht überlege ist es genau so wie man gemeinhin sagt: Man kommt über die Liebe hinweg.

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