Die Herrschaft der Besten

Wir leben in der besten aller möglichen Welten ganz einfach deshalb, weil eine bessere, gute Welt unmöglich ist. Dies macht einem auch die Bezeichnung akuter und potentieller sozialer Funktionsträger als „Elite“ verständlich – Elite heißt nicht gut oder gar besser, es bezeichnet eine Gruppe lediglich als das, was faktisch obenauf ist. Als Elitenförderung gilt dementsprechend dafür zu sorgen, dass diejenigen, die obenauf sind, nicht untergehen. Wie gut es um diese Elitenförderung hierzulande bestellt ist, bestätigen OECD-Armutsbericht und Pisa-Studie, denen zufolge Deutschland die Gesellschaft mit dem am schnellsten wachsenden Arm/Reich-Gefälle beherbergt, welche die geringste soziale Durchlässigkeit besitzt, wobei nirgendwo sonst schulische und berufliche Perspektiven so stark von der sozialen Herkunft abhängen. Arm bleibt Arm und, was die OECD ebenfalls nahe legt: Reich bleibt immer reicher.
Dass die Armut verhältnismäßig so stark gewachsen ist, mag am Aufschwung liegen, den wir nunmehr zu Grabe tragen. Gefühlt einzigartig war dieser Aufschwung durch seine flächenmäßigen Reallohnsenkungen bei respektablem Wirtschafts- und Produktivitätswachstum. Das war die größtmöglich angelegte Elitenförderung. Nicht unverständlich, dass der kleine Mann fortwährend über die da oben schimpft, die sich angeblich die Taschen mit unversteuertem Geld voll machen und ihn aus Sorge um den Aktienindex vor die Tür setzen. Doch handelt Otto-Normalverbraucher etwa besser, hat er eine höhere Steuerquote? Fraglich – „Drum preise nicht als Sittsamkeit, was Mangel an Gelegenheit“ könnte man also mit Wilhelm Busch sagen. Genau das ist allerdings der Punkt: Hätten alle die Möglichkeit einander gleichsam zu betrügen, wir hätten eine gerechtere Gesellschaft. Betrug aber ist ungemein leichter, hat man vertrauenswürdige Komplizen in strategisch günstiger Position. Ein Gesellschaftsmodell in welchem dies übliches Vorgehen ist, nennt sich Vetternwirtschaft. Ein System also, in welchem die Vergabe von Posten und Privilegien nicht nach möglichst objektiven Kriterien, etwa der Leistung des Bewerbers, sondern aufgrund von Beziehungen und Seilschaften erfolgt. Zusammen mit Korruption verbindet sich Vetternwirtschaft gerne zu dem in Köln charmanterweise so genannten „Klüngel“. Dieses Wort wird nicht nur dort traditionell groß geschrieben, in den Korruptionsberichten von OECD und Transparency International belegt Deutschland nach wie vor einen stabilen Platz im Mittelfeld (Wenn sie sich mittlerweile Fragen, was die OECD doch wohl für ein linker Haufen von Wirtschaftsfeinden sei, dann empfehle ich ihnen einfach die ersten paar Zeilen des entsprechenden Wikipedia Artikels).
In Deutschland entscheiden also nicht Leistung oder Fähigkeit über die in der Gesellschaft erreichbare Position. Diesem Umstand tragen auch Eliteschulen und Eliteuniversitäten Rechnung, welche ihr Klientel selbst nicht als „Leistungselite“, sondern lieber als „Verantwortungselite“ bezeichnet sehen. Verantwortungselite, da sie in dem Bewusstsein stehen, irgendwann einmal Verantwortung zu tragen. Verantwortungsbewusstsein ist das aber leider noch lange nicht. Zu der Riege von Verantwortungsträgern zählt etwa Walther Leisler Kiep, dessen Namen ein Gebäude auf der European Business School trägt. Zwar in jüngster Zeit wegen der CDU-Spendenaffäre um Waffenhändler Schreiber „etwas in die Kritik geraten“, aber ein Mensch, „von dem man persönlich viel mitnehmen könne“, wie ein Studentensprecher der EBS in einer Reportage des WDR über ihn zu sagen weiß.
Persönlich viel mitnehmen wohl auch, da er als langjähriger Präsident dieser Schule noch immer gute Beziehungen zur ihr pflegt. Damit steht er nicht allein, die EBS wirbt ganz offen mit über 3000 „Alumni“ in hohen Positionen.

„Alumnus (Plural: Alumni; lat.: „Zögling“, von alere, „ernähren“, „aufziehen“) war ursprünglich ein männlicher Zögling eines Alumnats. In Ihrer Mehrzahl sind die Alumni diejenigen, welche von einem anderen ernährt werden“ (Wikipedia.de)

Dieser Begriff hat mittlerweile einen Bedeutungswandel mitgemacht. Alumni sind heute die Ehemaligen einer Schule oder Verbindung, welche die Zöglinge dieser Schule ernähren – sei es durch Geldzuwendungen an die Institution selbst oder Stellenangebote für jene Zöglinge. „Netzwerken“ lautet der neudeutsche Euphemismus für diese Art der seilschaftlichen Vetternwirtschaft. Durch solcherlei Exklusivität kann die EBS ihren Absolventen eine Stelle in Unternehmensberatungen oder Investmentbanken, worin die meisten von ihnen unterkommen, quasi garantieren. Garantieren vor allem auch, da sich durch die Studiengebühren von rund 11.500 Euro im Jahr die Zahl der potentiellen Bewerber durchaus in Grenzen hält. Dennoch haben diesen oder ähnliche Wege nahezu alle Funktionsträger in derartigen Unternehmen durchlaufen. Somit hat man eine recht plausible Erklärung für die soziale Undurchlässigkeit unserer Gesellschaft.
Da dieses starre Sozialgefüge an der EBS so vorbildhaft ist, versucht man mittlerweile natürlich auch an anderen Universitäten elitär zu werden (mit allem was man für gewöhnlich mit dem Wort „elitär“ verbindet). Das Stichwort hier: „Exzellenzinitiative“. Es bedeutet etwas abstrahiert, dass Fördergelder durch wenige, erfolgreiche Absolventen von Hochschulen an wenige, erfolgreiche Professoren an Hochschulen verteilt werden, die dadurch abermals wenige, in ihren Augen erfolgreiche Studenten fördern, ihr Studium erfolgreich zu absolvieren. Ein Schelm wer Intransparentes dabei denkt. Nur konsequent ist es dagegen, die Fördergelder auch durch Studiengebühren zu refinanzieren, die zum größten Teile nur Abiturienten aus weniger gut situiertem Elternhaus vom Studium abschrecken. Frau Schavan ficht das nicht an, schließlich würden 90% der jetzt Studierenden angeben, Studiengebühren seien für sie nicht der entscheidende Grund gewesen, kein Studium aufzunehmen. Lesen sie das ruhig noch mal durch, es ist kein Argument für Logiker.
Was traut man sich da abschließend überhaupt noch zu fragen? Die Antwort auf das cui bono liegt auf der Hand. Erwiesenermaßen sichert eine nahezu unmögliche „soziale Mobilität“, wie man sozialen Auf- und Abstieg zusammenfassend nennt, die Stellung derjenigen, die sowieso schon oben sind. Entscheidungsträger, die nachhaltige Verantwortung für ihre Kinder tragen, werden deshalb kaum zur Änderung des status quo beitragen wollen. Bundespräsident Horst Köhler wies auf dem 47. Historikertag noch auf die Notwendigkeit einer gewissen Ungleichheit hin
und warnte vor den ewig gestrigen Gleichmachern. Dem Verdacht der Gleichmacherei muss sich die momentane Bundesregierung so wie die gesamte „Verantwortungselite“ unseres Landes in keinem Fall ausgesetzt sehen. Gleich bleibt höchstens die Zahl der Alumni.

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2 Kommentare zu Die Herrschaft der Besten

  1. salamikakao sagt:

    Ich meine, in der erwähnten WDR-Reportage äußerten Salem-Schüler in kleinem Kreis zusammensitzend sinngemäß, dass Hartz IV-Empfänger „Wohl einfach dumm sind“. Das nenne ich mal eine sehr differentierte Meinung zu sozialer Ungleichheit, die sich da so nach Jahren der Erziehung zur Verantwortung gebildet hat.

  2. Gonzosoph sagt:

    Angehörige der Salem Schule (Ein Internat, dass sich nicht durch harte Aufnahmeprüfungen, sondern harte Schulgebühren von mehreren tausend Euro auszeichnet) äußerten mehrfach die Überzeugung, jeder könne das erreichen, was sie bereits erreicht hätten, wenn er sich denn nur richtig anstrengen würde. Dann sei auch das durch ein mögliches Stipendium auf etwa 6000 € verbilligte Schulgeld für jeden tragbar. Natürlich mache das aber nicht immer Sinn, schließlich gäbe es auch einfach zu viele Menschen, die zu hoher Bildung gar nicht befähigt seien – was Salem Schüler natürlich noch stolzer auf ihre Leistung macht: Dass ihre Eltern das Schulgeld zu zahlen im Stande sind.

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