Versuch zur Rehabilitierung der Geisteswissenschaften (I)

Wahrlich, wir leben in postmodernen Zeiten. Unsere Aufteilung universitärer Forschung in Geistes- und Naturwissenschaft dagegen ist lediglich modern. Dabei erscheint sie noch lange nicht überkommen, im Gegenteil: Allerorten findet eine Renaissance dieser Trennung statt. Man muss sich nicht erst die Aufteilung der Förderung von „Exzellenz-Initiativen“ ansehen, um eine Dichotomie der Fakultäten zu erkennen. Doch tritt gerade hier offen hervor, welche Seite als exzellent betrachtet wird, welche immer weiter zurückweicht. Die Geisteswissenschaften sterben aus, ihre Gegenstände werden von anderen Disziplinen okkupiert, sie fühlen sich dem neuzeitlichen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht gewachsen. Interdisziplinarität heute bedeutet dem Geisteswissenschaftler aufgrund seiner angeblich unfundierten „weichen“ Ausbildung auf den Rang eines Hilfswissenschaftlers verwiesen zu sein. Somit werden geisteswissenschaftliche Fächer immer mehr zu typischen Nebenfächern – ihre Aufgabe ist vielleicht noch die Kontextuierung der „eigentlichen“ Forschung. Wie konnte es dazu kommen?
Als Wilhelm Dilthey an der Schwelle des 19. zum 20. Jh seinen Begriff der Geisteswissenschaft entwickelte, hatte er damit noch beabsichtigt, ihr damit einen genuinen Wert zuzuweisen. Geschichte etwa sollte dem Menschen Verständnis der Welt aus den Lebenssituationen des Menschen vermitteln können. Sie verstehe, wo Materialisten, wenn überhaupt, nur erklären könnten. Damit lieferte Dilthey heutigen Kritikern offensichtlich die Steilvorlage: Geisteswissenschaft liefert keine Erklärungen, keine fundierten Kenntnisse. Nicht erst in der neueren Debatte um fiktionale Texte wurde der Geisteswissenschaft und der Geschichtswissenschaft im Besonderen denn auch unterstellt, dass sie im Grunde nichts weiter produziere als eben Fiktionen. Ein historiographischer Text unterscheide sich von einem frei erfundenen Roman nur durch den Verweis auf einen längst nicht mehr existierenden Handlungszusammenhang als Plot.
Physik ist da ganz anders: eine strenge Naturwissenschaft. Sie bezieht sich auf, beschreibt nichts als die Wirklichkeit. Wirklich? Sieht man sich an, worüber physikalische Texte Aussagen machen, sieht man sehr schnell wie wenig sie mit der Wirklichkeit zu tun haben. Sie sprechen von Laborbedingungen, von idealen Räumen, von absolutem Vakuum. Man bemerkt, auch diese Texte sind konstruiert, müssen ihren eigenen Sinnzusammenhang erst erstellen und ziehen ihn nicht einfach von der Dingwelt ab. Es geht einem sehr schnell auf, dass Galileos Fallgesetz eben nicht erklärt, wieso mein Füller herunterfällt, sondern nur dass alle Körper im Vakuum unabhängig von ihrer Gestalt, Zusammensetzung und Masse gleich schnell fallen. Auch Newton hat nie eine Theorie über Äpfel verfasst. Die Frage ist jedoch, ob wir aus der newtonschen Apfelanekdote nicht ebenfalls Kenntnisse ziehen können.

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tollwut

Marie, mir wachsen Zähne,
an den ungelenken Ecken
recken’ Splitter scharf empor.
mir ist so bang, Marie,
vor dem was ich nun werde.
ein Tier.
ein Tier in Ketten.
Marie ich spüre Hunger,
tief in mir brennt
enthemmt ein Feuer.
schon viel zu lang, Marie,
wielange noch,
wie lang.
ein Tier,
ein Tier das beißt
verbrennt.

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Resignation

Seit einigen Tagen passt Alles nicht mehr ganz zu mir und ich kann an nichts Passendes denken. Leben, lesen — alles ist blockiert. Ich schreibe, aber nichts das ich weitergeben wollen würde. Ich bitte das zu entschuldigen.

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Sophia

Ach so viel, Sophie, wuchert aus dem Hirn, von Arbeit, Leben, Tod und dir — allein bin ich geblieben. Kein Sein hat sich geteilt mit mir, auch wenn es aus den Seiten blutet. Ja Sophie! noch knisterts unter meinen Fingern, dein Kleid, zu Nacht und Rausch verführt es mich. Doch aufgewacht lieg ich verlassen, stoß mir den Kopf am kühlen Morgen. Wohin, Sophie, schlägt mich dein ständig Ja und Nein, führt dieses ewige „Warum?“ Du gabst mein Herz mir in die Hand und dutzendweise Dolche. Niemand ist sonst, mit dem ich länger reden kann. Ich spei auf sie mit Analysen und grabsche gierig nach Prämissen. Ich bin so voll, Sophie, du schwappst mir übern großen Zeh, tränkst meine Lungen bis zuletzt im alten Meer, der Ursuppe der Dialektik. Ich bin zerdacht. Die Trümmer liegen da, so reich. So viel, o Sophie, zuviel.

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Einkaufsreflexionen

Jeder Europäer verbraucht im Jahr durchschnittlich 13 kg Klopapier. Dies verschafft mir als unsensiblem Mann, dem zwei Lagen graues, raues Papier komfortabel genug erscheinen, einen entscheidenden Gewissensvorteil: Sollte zukünftig irgendjemand (vorzugsweise weiblich) mir fehlendes ökologisches Gewissen unterstellen, werde ich erst mal untersuchen ob auf dem Klo nicht vielleicht, wie so oft, 4-lagiges, gefärbtes, parfümiertes, wattiertes, gebleichtes und beschichtetes Toilettenpapier zu finden ist. Wenn ja, verbraucht betreffende Person im Laufe ihres Lebens ein kleines Waldstückchen nur für den Arsch, ich dagegen komme mit ein paar recycelten Bäumchen aus. Folglich bin ich der bessere Mensch.


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