Jenner

Und das neue Jahr geht dir erst wieder auf, als du es in den Todesanzeigen liest. Du bist unter deinesgleichen, unter Freunden – so sagen sie. Was das heute noch heißen mag steht auf einem anderen Blatt. Reziproke Nutzungsverhältnisse herrschen vor. Esprit wird nach außen getragen, Karierung. Nicht Ziehung, Beziehung. Ich hörte, mit Sonntagen habe das etwas zu tun. Entschuldige, hätte ich keine Blähungen, dann würden wir sicher etwas unternehmen, miteinander.

Da stehen Zwei innerhalb von vier Pfosten und schlagen sich ins Gesicht. Das Blut spritzt nicht, es platzt von der Stirn, von den Wangen. Tänzeln und Stampfen. Es gibt Regeln, ja, es gibt Technik auch hier. All das ist Kunst und Musik.

Ich sehe zu, sehe mir all das an. Dieses Verhalten zueinander, zu mir. Mein Sein in Bezug. Papier in nervösen Händen. Seit Monaten habe ich keine Zeile mehr erhalten von dir, Jahre werden daraus und ich alt dabei. Langsam ringeln sich falten auf meiner Haut grau sprießender Haare. Aus einem Ansatz wird Bauch, auch.

Haben sie sich so eine Beerdigung schon einmal angesehen? Da stehen sie alle aufgereiht und klatschen einander ab, beim kondolieren. Hinten an einem Seitentisch trinken die Sargträger und Totengräber bereits den ersten Schnaps nach getaner Arbeit. Wer will ihnen das streitig machen. Wer würde sich nicht betrinken wollen an diesen langen Tischen mit notdürftigen Gesichtern.

Mein Leben ist nicht episodenhaft, keine narratives Ganzes. Es liegt hinter mir als eine schiere Masse umgeformter Gedanken und loser Reime. Jetzt ist nicht Fluchtpunkt. Ordnung bringe ich in dieses Ding keine mehr hinein.

Schreiben hat nichts mit Genuis zu tun, mit Inspiration schon gar nicht. Glauben Sie Novalis wäre ein fauler Mensch gewesen, müßig durch die Wälder schweifend, ein bloßer Getriebener in dem Stollen des Wahns? Jede Hymne ist eine Fleißarbeit, ihre Strophen sind pure Arbeit. Aus einem hohlen Block Papier schneidet man in Stunden und Wochen ein Werk.

Auch Ich hielt mich für etwas besseres, beseelt von den Musen eh ich erkannte, dass Kalliope und selbst Euterpe höchstens halbtags arbeiten. Vielleicht sind sie auch nur gerade in Mutterschutz. Ich für meinen Teil setze mich nun jeden Tag eine Stunde hin. Hier. Ein Stuhl, ein Tisch, ein Stift. Komme, was wolle.

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2 Kommentare zu Jenner

  1. ich sagt:

    endlich reißt sich der herr wieder am riemen. fleißarbeit ist doch letztlich überall gefordert.

  2. Thompson sagt:

    Ich will unterhaltung…

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