Das Wagnis der Muße

Man darf heute ja alles anzweifeln. Sogar die Strukturen der Marktwirtschaft fallen seit Neuestem darunter. Die Finanzkrise führte zu Feuilletonschlachten, in denen der Kapitalismus als entfesselt und entmenschlichend dargestellt wird. Doch übersieht man dabei, wie kapitalistisch unser Denken bereits ist. Wir betreiben diese Wirtschaftsform nicht allein deshalb, weil sie unsere Bedürfnisse befriedigt, sondern weil wir ihre Bedürfnisse zu den unsrigen gemacht haben. Wir haben den Geist des Kapitalismus verinnerlicht. Wir selbst sind entfesselt und wenn es für den Kapitalismus stimmen sollte, sind auch wir entmenschlicht. Nicht nurmehr der Markt oder seine Unternehmen, wir Menschen wollen expandieren, akkumulieren und unsere Konkurrenten verdrängen. Samt und sonders Ich-AGs, rationalisieren wir unsere Handlungen innerhalb der Arbeitswelt, wie der Freizeit. Beziehung, Familie und Freundschaft bleiben davon nicht verschont. Das Kosten/Nutzen Verhältnis wird zum einzigen Maßstab und alles, was in diesem Lichte unvorteilhaft erscheint, schlicht „wegrationalisiert“.

Man kann einwenden, dies sei keine neue Entwicklung. Der Mensch habe immer schon danach gestrebt, sich das Leben leichter und komfortabler zu machen und deshalb sei er stets bemüht gewesen, seine Arbeitsprozesse zu optimieren. Und das stimmt. Ein Pfluggespann ist besser als eine Hacke, denn es erleichtert die Arbeit – verkürzt sie und erhöht ihre Produktivität. Dieser Produktivitätsgewinn hat erst einmal dazu geführt, dass ein Bauer mit weniger Arbeit mehr Ertrag erwirtschaften konnte. Die Folge war ein leichteres Auskommen, Brot mit etwas weniger Schweiß im Angesicht. Aber der moderne Mensch strebt eben nicht mehr nach Komfort und einem leichten Leben. Man kann sich das sehr leicht vor Augen führen: Wie viele Stunden müssten sie jeden Monat arbeiten, um eine Wohnung und die Dinge des täglichen Bedarfs bezahlen zu können? Reicht das?

Nein! Werden sie nun empört sagen – oder gleich Sozialleistungen beantragen, denn deren Bemessungsgrenzen würden ihnen ansonsten einen für sie ausreichenden Lebensstandard nahezu ohne Arbeit ermöglichen. Und nicht nur ihnen reicht das nicht. Auch der Bauer machte nämlich nicht einfach Feierabend und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein, als er plötzlich denselben Acker in einem Bruchteil der Zeit pflügen konnte. Er vergrößerte ihn und schaffte so ganz nebenbei die Subsistenzwirtschaft ab. Die verschwand in Deutschland allerdings erst im Laufe des 19. Jahrhundert und damit parallel zur Durchsetzung jener Entwicklung, die wir heute mit Industrialisierung bezeichnen. Vor dieser Zeit hatte die Erleichterung der Arbeit vor allem einen Zweck: Weniger und leichtere Arbeit zu haben. Arbeitslosigkeit war kein Fluch, sondern der Traum ganzer Jahrtausende – wenn es denn nicht mit Auskommenslosigkeit einher ging. Aristoteles etwa sah in der Lohnarbeit den größten Feind des Denkens. Die Höchste Befriedigung eines glückseligen Lebens stellte für ihn dagegen nur eines dar: Nichts tun; kontemplativ den Sternenhimmel betrachten oder schlicht nachzudenken als das dem Menschen größtmögliche Glück. Wer da durch laut sägenden und hämmernden Maschinenlärm des Nächtens gestört wird, preist dies kaum als Segen einer durch-“rationalisierten“ Gesellschaft.

Heutzutage darf man ja alles tun, nur nicht nichts. Es ist das seltsamerweise völlig akzeptierte Paradigma eines dogmatischen Pragmatismus, dass es besser sei alles falsch zu machen, als es gar nicht erst zu versuchen. Aber ist denn wirklich besser ein schlechter, dummer Präsident zu sein, als die Wahl gar nicht erst anzustreben? Kein Wunder, dass einer so verantwortungsloser Auffassung der Begriff „Demut“ abhanden gekommen ist, ja sogar als moralisch anstößig gilt, wie eben das Nichtstun selbst. Man mache sich das klar: In diesem Sinne waren etwa die meisten Philosophen, Kirchenväter, Poeten und Wissenschaftler vergangener Epochen höchst unmoralisch – Sie machten die meiste Zeit nichts. Sie gaben sich der Muße hin. Muße ist aber ein gänzlich anderer Begriff als unsere heutige Freizeit, die mit Freiheit so gut wie gar nichts mehr gemein hat, sondern nur mit Herstellung. Wiederherstellung der Arbeitskraft, Konsum des Erarbeiteten zwecks Schaffung neuer Nachfrage für Arbeit. Muße dagegen ist der kreative Freiraum, den sich ein Individuum selbst gibt und in höchstem Maße Selbstverwirklichung. Deshalb entfremdet ausartende Arbeit auch, weil sie uns der Muße beraubt. Sie artet aus, weil sie nicht mehr dazu da ist, ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern selbst als das angenehme Leben erscheint: Liebe deine Arbeit, mache sie zu deinem Leben. Wollen wir das wirklich?

Bevor sie diese Frage beantworten, führen sie sich bitte eines vor Augen. Sie werden sterben. Und die meisten von uns sterben zumindest nach eigener Einschätzung viel zu früh. Zeit ist der einzige Rohstoff, den jeder Mensch hat und es ist ebenfalls derjenige, an dem es uns Allen ermangelt. Und zwar existenziell. Arbeitszeit ist eben deshalb das wichtigste Gut im ganzen Wirtschaftsprozess – sie verleiht Produkten ihren eigentlichen Wert (leider nicht immer ihren Preis). Was ich kaufe oder bezahle, muss ich selbst nicht mehr Herstellen oder tun. Bei Dienstleistungen ist uns dies klar, aber auch Produkte sind letztlich nichts anderes als an einem Rohstoff materialisierte Arbeitszeit. Diese lässt sich auch recht leicht wieder zurück rechnen, jedenfalls für einen selbst. Überlegen sie sich vor ihrem nächsten Besuch im Reisebüro einfach mal nicht, wie viel Geld, sondern wie viel Arbeitszeit sie für ihren Flug erbringen müssen. Wie viele Tage ihres Lebens haben sie ihrem Auto geopfert, leben sie heute einmal nur für ihre neue Mikrowelle?
Die arbeitsteilige Gesellschaft hat uns eine derartig große Produktivität verliehen, dass wir mit relativ geringer Arbeitszeit unsere grundlegenden Bedürfnisse stillen können. Das ist tatsächlich ein Fortschritt. Wie lange würden sie brauchen, um eigenhändig ein Pfund Mehl herzustellen und wie schnell schaffen sie es dagegen, mit ihrem Stundenlohn ein Pfund Mehl aus dem Supermarkt bezahlen zu können? Doch dieser Fortschritt hat kaum zur Reduktion der individuellen Arbeitszeit geführt. Jedes Jahr steigt die Produktivität weiter, doch seit Jahrzehnten arbeitet man gemeinhin 8 Stunden täglich. Gleichzeitig sind Millionen gänzlich arbeitslos und müssen aus den 8 Stunden der arbeitenden Bevölkerung gegenfinanziert werden. Ja, es werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt, die ebenfalls aus ihren 8 Stunden Lebenszeit bezahlt werden, nur damit jene Arbeitslosen nicht zu viel Zeit mit sich allein haben. Und das ist es, was die eigentliche Perversion unserer Gesellschaft darstellt: Dass man zu viel Zeit für sich haben kann, angeblich. Muße? Fehlanzeige.

Wir erarbeiten uns zwar einen immer größeren Wohlstand, der macht uns aber erwiesenermaßen nicht glücklicher. Im Gegenteil, unser schlimmster Mangel wird uns nur noch deutlicher: Der Mangel an Zeit, Lebenszeit: Muße. Ob die uns glücklicher machen kann? Nehmen wir uns doch die Zeit, es heraus zu finden. Wir haben ja nur noch den Rest unseres Lebens. Oder zumindest die Zeit, in der wir arbeitslos sind.

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